Diese Firmen liegen im Impfstoff-Rennen vorn

von Simon Haas
23.11.2020 | 11:00 Uhr
Die Impfstoff-Suche hat den wohl größten Wettlauf ausgelöst, den die Wissenschaft je gesehen hat. Am Ausgang des Rennens entscheidet sich, wer den Corona-Schutz zuerst bekommt.
Welches Forscherteam macht das Rennen?Quelle: ZDFheute
Einige vergleichen das Impfstoff-Rennen schon mit dem Wettlauf ins All in den 1950er und 1960er Jahren. Diesmal ist allerdings die ganze Welt beteiligt.
Und Moskau will sich dabei erneut an erster Stelle positionieren: Noch vor Abschluss der international üblichen klinischen Tests hat Russland am 11. August den ersten Corona-Impfstoff mit dem Namen "Sputnik V" zugelassen. Das staatliche Institut Gamaleya verspricht eine 92-prozentige Wirksamkeit gegen das neuartige Coronavirus. Auch in China wurden im Rahmen einer Notfallzulassung bereits Hunderttausende Menschen mit dem Vakzin von Sinovac geimpft, in Deutschland könnten die ersten Impfzentren ab Mitte Dezember öffnen.

95 Prozent Corona-Schutz

Derweil testet die Mainzer Firma Biontech ihren Impfstoffkandidaten auch in Deutschland. Offenbar mit Erfolg: Das Vakzin, das Biontech zusammen mit dem Pharmariesen Pfizer entwickelt, bietet einen 95-prozentigen Schutz vor Covid-19, ähnlich wie jener von Moderna. Auch die ersten Dosen lässt Biontech bereits produzieren - noch vor der Zulassung.

Dämpfer in Großbritannien

Allerdings gibt es auch bei der Impfstoff-Forschung regelmäßig Rückschläge, etwa beim britischen Unternehmen AstraZeneca: Weil ein Proband möglicherweise am Impfstoff erkrankt ist, musste die Firma Anfang September die dritte Testphase zeitweise stoppen. Inzwischen hat das Unternehmen eine 70-prozentige Wirksamkeit vermeldet.
Neben Gamaleya, Biontech und AstraZeneca forschen der WHO zufolge noch rund 200 weitere Firmen, Universitäten und Institute an einem Corona-Impfstoff. Die folgende Tabelle zeigt, welche Phasen die Projekte derzeit durchlaufen oder abgeschlossen haben (●) und welche nicht (○). In den ersten drei klinischen Entwicklungsphasen wird ein Impfstoff an Probanden getestet. In einer weiteren Phase prüfen Zulassungsbehörden die Studienergebnisse; Impfstoffe mit Notfallzulassung dürfen nur eingeschränkt genutzt werden. Die Tabelle basiert auf den neuesten WHO-Daten, die Mitarbeiter des NDR regelmäßig aktualisieren.
Anders als beim Wettlauf ins All stehen beim Impfstoff-Rennen zahlreiche Menschenleben auf dem Spiel. Um viel Geld und nationales Prestige geht es jedoch auch beim Corona-Schutz.

Mainzer Firma vorne dabei

Beispiel Biontech: Das Mainzer Startup von Firmenchef Uğur Şahin entwickelt seinen Covid-19-Impfstoff zusammen mit dem US-amerikanischen Pharmariesen Pfizer. Im März stieg der chinesische Mischkonzern Fosun in das Projekt ein – und sicherte sich damit die exklusiven Vermarktungsrechte für China.
Die Bundesregierung appelliert zwar – ähnlich wie die chinesische – regelmäßig an die globale Solidarität. Vorab Impfdosen gesichert hat sich Deutschland trotzdem. Dafür flossen Gelder in dreistelliger Millionenhöhe, etwa in den britischen Pharmakonzern AstraZeneca.

Biontech ist Milliarden wert

Das macht den Wettbewerb der Forscher auch für Investoren interessant. Gemessen am aktuellen Börsenwert von Biontech und den Anteilen, die Uğur Şahin Anfang 2020 an seinem Unternehmen hielt und laut einem "Forbes"-Bericht vom Juni immer noch hält, ist der Mediziner aus Mainz inzwischen Milliardär.
Der Corona-Impfstoff des Tübinger Unternehmens Curevac, an dem im März angeblich auch Donald Trump Interesse zeigte, befindet sich hingegen noch in der zweiten Phase der Entwicklung. Der deutsche Staat fördert sowohl Biontech als auch Curevac mit Millionenbeträgen.
Als Gegenleistung für die Fördergelder erwartet die Bundesregierung:
...dass ein angemessener Anteil der Produktion eines zugelassenen Impfstoffes für die bedarfsgerechte Versorgung in Deutschland zugänglich gemacht wird.
Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU)

Risikogruppen sollen zuerst geimpft werden

Wissenschaftler rechnen damit, dass wirksame Covid-19-Impfstoffe erst im kommenden Jahr breit verfügbar sein werden. Zunächst sollen allerdings nur Risikogruppen geimpft werden. Die größte Herausforderung nach der Zulassung des Impfstoffes, etwa durch das Paul-Ehrlich-Institut, ist die Produktion großer Mengen in ausreichender Qualität.
Unklar bleibt, ob sich früh entwickelte und massiv mit staatlichen Geldern geförderte Corona-Impfstoffe auch langfristig bewähren werden. Normalerweise dauert eine Impfstoff-Entwicklung mehrere Jahre.

Beobachter vermuten hinter dem Aktionismus der Staaten und dem Streit um die Vorkaufsrechte auch politische Gründe, etwa die Präsidentschaftswahlen in den USA am 3. November.
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version der Visualisierung wurden die Phasen falsch dargestellt. Wir haben den Fehler korrigiert.

Wie funktionieren die Covid-19-Impfstoffe?

Die unterschiedlichen Funktionsweisen der Impfstoffkandidaten haben Vor- und Nachteile. Das Ziel ist dasselbe: Eine Immunreaktion gegen das Virus soll provoziert werden, ohne dass eine Infektion stattgefunden hat. Dadurch soll ein längerfristiger Schutz entstehen.
Wie genau die verschiedenen Impfstoffe funktionieren, sehen Sie - einfach erklärt - in einer 3D-Visualisierung.

Was macht den Impfstoff von Biontech besonders?

Biontech und Pfizer setzen wie Curevac, Moderna und NIAID auf einen Covid-19-Impfstoff auf Basis der sogenannten mRNA. Dieser chemische Botenstoff weist Körperzellen an, Proteine zu produzieren, die die äußere Oberfläche des Coronavirus nachahmen. Der Körper erkennt diese virusähnlichen Proteine als Eindringlinge und kann dann eine Immunantwort gegen das eigentliche Virus auslösen. Der Impfstoff wäre der erste seiner Art. Denn zugelassen wurde ein mRNA-Serum noch nie - weder von europäischen noch US-amerikanischen Behörden.

Wer führt die Corona-Studien durch?

Sowohl die Pharmakonzerne selbst als auch private Dienstleistungsunternehmen, sogenannte Auftragsinstitute. Die deutschen Verbraucherzentralen informieren auf Ihrer Webseite, was freiwillige Testpersonen vor einer Teilnahme an einer klinischen Studie beachten sollten.

Mehr Informationen zu Covid-19

Aktuelles zur Coronavirus-Krise