: Engpässe: London lockt Lkw-Fahrer

25.09.2021 | 09:39 Uhr
Tankstellen schließen, Regale sind leer: Großbritannien leidet unter Versorgungsengpässen - wegen Corona und Brexit fehlen Zehntausende Lastwagenfahrer. London will gegensteuern.
Mangel an Lastwagenfahrern beeinträchtigt Versorgung: Tankstelle in Sheffield wegen Kraftstoffmangel geschlossen.Quelle: dpa
Viele Alltagsprodukte können in Großbritannien nicht mehr in gewohnter Weise geliefert werden. Denn der Brexit und die Corona-Pandemie haben dazu geführt, dass dem Land Zehntausende Lastwagenfahrer fehlen. Die Regierung versucht gegenzusteuern. Eine schnelle Lösung ist aber nicht in Sicht.
Die Behörden mahnten diese Woche, kein Benzin zu "hamstern", nachdem BP und Esso einige Tankstellen geschlossen hatten, weil mangels Fahrer nicht genügend Nachschub herbeigeschafft werden konnte. "Wir raten dazu, ganz normal weiterzumachen", sagte am Freitag der britische Verkehrsminister Grant Shapps. Kulturministerin Nadine Dorries versuchte auf Twitter zu beruhigen: "Es gibt keinen Kraftstoffmangel."
Nadine Dorries auf Twitter:

Job gilt nicht unbedingt als "sexy"

Doch die Speditionsbranche warnt, dass die Lage längst alles andere als normal sei - und entsprechend dringend noch viel mehr getan werden müsse. Um angesichts des bevorstehenden Weihnachtsgeschäfts Engpässe zu vermeiden, müssten die Einwanderungsregeln gelockert und wieder mehr Fahrer aus anderen Teilen Europas angeworben werden, heißt es von den Unternehmen.
In Großbritannien gibt es neue Versorgungsprobleme und die sind massiv. Beispiel Gas: Um 250 Prozent verteuerte sich der Einkaufspreis seit Jahresbeginn.
Die Regierung dagegen hofft, mehr Briten für den Beruf begeistern zu können, der lange Zeit nicht den besten Ruf hatte. Der Job gelte nicht unbedingt als "sexy", sagt Laurence Bolton, Geschäftsführer des National Driving Centre, einer Lastwagenfahrschule im südlich von London gelegenen Croydon.

Lastwagenfahrer sind gefragt - nicht nur in Großbritannien

Womöglich ändert sich dies aber gerade. Seit den Corona-Lockerungen in Großbritannien in diesem Sommer hat Bolton etwa 20 Prozent mehr Anwärter als zuvor. Lastwagenfahrer sind plötzlich gefragt. Zum Teil locken sogar richtig gute Gehälter. Menschen die wegen der Pandemie etwa einen Job im Gastgewerbe verloren haben, sehen die Entwicklung in der Branche als Chance. Busfahrer oder gar Piloten wollen sich umschulen lassen.
Viele ausländische Arbeitskräfte haben Großbritannien nach dem Brexit verlassen. Nun fehlt es dort an LKW-Fahrern, Erntehelfern und Reinigungskräften – das führt zu Engpässen.
Auch in Ländern wie Deutschland oder den USA gibt es aktuell zu wenige Lastwagenfahrer. In Großbritannien ist die Lage aber besonders dramatisch. Seit dem Ausstieg des Landes aus der Europäischen Union können EU-Bürger nicht mehr ohne Weiteres in Großbritannien leben und arbeiten. Für britische Unternehmen ist es somit schwierig geworden, etwa Fahrer aus Osteuropa einzustellen.

Regierung vereinfacht Ausbildung

Die britische Speditionsbranche fordert, dass Lastwagenfahrer in eine Liste der "Mangelberufe" aufgenommen werden, was die Rekrutierung ausländischer Mitarbeiter erleichtern würde. Ähnliche Forderungen gibt es auch vonseiten der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie, wo es etwa an Erntehelfern und Fleischverarbeitern fehlt. Die konservative Regierung lehnt diese Forderungen mit der Begründung ab, dass die Stellen auch mit britischen Arbeitskräften besetzt werden könnten.
Großbritannien kämpft mit Lieferproblemen. Viele ausländische LKW-Fahrer hatten nach dem Brexit das Land verlassen. Auch vielen Supermärkten haben erste Lücken in den Regalen.
Um kurzfristig für Entspannung zu sorgen, hat die Regierung die Zahl der Stunden, die Lkw-Fahrer pro Woche arbeiten dürfen, erhöht. Zudem setzt sie auf Vereinfachungen bei der Ausbildung. Unter anderem benötigen Fahrer neuerdings nicht mehr zuerst eine Qualifikation für normale Lastwagen, bevor sie sich an einen Sattelzug heranwagen dürfen.

"Es wird noch schlimmer"

Vertreter der Wirtschaft sehen jedoch noch keine Verbesserungen. "Es wird noch schlimmer", sagte Ian Wright, Chef der Food and Drink Federation, ein Verband der Lebensmittel- und Getränkehersteller, kürzlich bei einer Veranstaltung des Institute for Government. Man müsse sich daran gewöhnen, dass "gelegentlich leere Regale" die neue Normalität seien.
Für diejenigen, die sich für den Beruf des Lastwagenfahrers entschieden haben, sind das gute Nachrichten. Denn für sie bedeutet der Mangel, dass sie mehr verdienen können. Wer etwa für eine große Supermarkt-Kette unterwegs ist, kann in Großbritannien heute mit einem Jahresgehalt von bis zu 50.000 Pfund (58.000 Euro) rechnen - mehr als viele Lehrer, Polizisten oder gar Anwälte.
Quelle: Jill Lawless, AP

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