: Wie die Luftfahrt aus der Corona-Krise kommt

von Nils Metzger
23.07.2021 | 18:51 Uhr
Es reisen wieder mehr Menschen mit dem Flugzeug. Doch nicht alle Weltregionen und Airlines profitieren gleich. Wie kann der Neustart ablaufen und was sind die Herausforderungen?
Ein Flugzeug landet auf dem Flughafen Frankfurt. SymbolbildQuelle: Boris Roessler/dpa
Der Luftfahrtsektor erholt sich von der Corona-Pandemie. Seit mehreren Monaten nehmen die Passagierzahlen etwa am Frankfurter Flughafen wieder leicht zu. 1,8 Millionen Fluggäste waren im Juni via Frankfurt unterwegs – dreimal so viel wie vor einem Jahr.

Passagierzahlen steigen – aber nicht überall gleich schnell

Doch der Zuwachs ist langsam, gebremst von immer neuen Infektionswellen und Reisebeschränkungen. Fraport-Chef Stefan Schulte geht für das Jahr 2021 nur von bis zu 25 Millionen Fluggästen aus – 2019 waren es noch mehr als 70 Millionen gewesen.
Andere Märkte legen deutlich schneller zu, darunter die wichtigen Inlandsmärkte in den USA und China. Der weltweite Luftfrachtsektor liegt aktuell sogar über Vorkrisenniveau. Wie geht es mit der Branche jetzt weiter?
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Wer kommt am besten durch die Krise?

"Die Kurz- und Mitteltrecke wird sich am schnellsten erholen", betont der Luftfahrtexperte Cord Schelleberg gegenüber ZDFheute. "Auf der Langstrecke wird das länger dauern." Entsprechend könnten Low Cost Carrier (Billigfluggesellschaften, Anm. d. Red.) als erste ihr Angebot wieder hochfahren. "Low Coster sind stark in die Krise gegangen und hatten Kapitalreserven", sagt Schellenberg. Diese Airlines haben einen Fokus auf kürzere Distanzen.
Bei den Flugzeug-Herstellern macht sich das bemerkbar:
Vierstrahlige Langstrecken-Flieger bestellt gerade niemand.
Luftfahrtexperte Cord Schelleberg
Die Airbus-Entscheidung schon vor Corona die A380-Produktion zu beenden, sei die richtige gewesen.
Kleine und mittlere Flughäfen trifft die Krise am härtesten: "Sie bleiben von den Nachfragerückgängen wohl noch länger betroffen. Wo es nicht gelingt, die Kostensituation auch bei niedriger Auslastung in den Griff zu bekommen, sind Insolvenzen möglich", sagt der Luftfahrtexperte Jörg Schwingeler ZDFheute.

Was sind die Herausforderungen beim Neustart?

Am Anfang der Krise haben viele Airlines große Teile ihrer Flotte stillgelegt, um Kosten zu sparen. "Die Aktivierung stillgelegter Kapazitäten beansprucht einen längeren Zeitraum, wir sprechen hier über mindestens drei bis sechs Monate", so Schwingeler.
Bei den Flugzeugen sind aufwändige Überprüfungen und Instandsetzungen erforderlich, was mit dem gegebenen Personal nur schrittweise erfolgen kann.
Luftfahrtexperte Jörg Schwingeler
Es könne auch zu Engpässen kommen, wenn bei Airlines neues Personal erst wieder rekrutiert, trainiert und lizensiert werden müsste, erklärt Schwingeler. "Da kann es auch durchaus zu Verzögerung von Jahren kommen, was insbesondere kleinere Unternehmen betreffen dürfte."

Was wird aus der Lufthansa?

Experte Schellenberg blick optimistisch auf die größte deutsche Airline. "Der Finanzmarkt vertraut der Lufthansa." Die Schrumpf-Strategie halte er für den richtigen Ansatz.
Der Konzern bemüht sich aktuell, die bereitgestellten Corona-Staatshilfen schnell wieder zurückzuzahlen. 3,5 Milliarden Euro an Kosten sollen eingespart werden, 10.000 weitere Beschäftigte sollen gehen - zusätzlich zu den fast 26.000, die seit Beginn der Krise den Konzern bereits verlassen haben.
Einige Fluggesellschaften nutzen die Krise, um zu modernisieren: Neue Maschinen fliegen günstiger und umweltfreundlicher. Dies ist auch Thema bei der nationalen Luftfahrtkonferenz.

Wie werden sich Ticket-Preise entwickeln?

Nach zahlreichen Insolvenzen stünden nun weniger Unternehmen im Wettbewerb, sagt Schwingeler. "Insofern sind in vielen Märkten vorübergehend deutliche Preiserhöhungen zu erwarten."
Die Zeit, in der man fast umsonst fliegen konnte, ist definitiv vorbei, wäre sie allerdings auch ohne Pandemie.
Luftfahrtexperte Jörg Schwingeler
Frankreich etwa hat Beschränkungen für Kurzstreckenflüge im Parlament beschlossen, in Deutschland werden ebenfalls Maßnahmen erwogen.
Es zeichne sich ab, dass sich die Nachfrage für Geschäftsreisen etwas rascher erhole als bislang unterstellt, sagt Schwingeler. "Langfristig werden digitale Kommunikationstechnologien (…) keinen dramatischen Einfluss auf die mittel- und langfristige Geschäftsreisetätigkeit haben."

Was ist mit anderen Weltregionen?

In den letzten Jahrzehnten wuchs auch der Flugverkehr in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern. Über Drehkreuze wie Dubai fliegen Millionen Passagiere aus Indien oder Afrika. Wegen schlechterer Gesundheitssysteme und niedrigeren Impfquoten werden jene Länder wahrscheinlich noch länger mit Corona zu kämpfen haben.
Dortige Fluggesellschaften kann das über viele Jahre zurückwerfen. Auch aufwändige, teure Schutzmaßnahmen könnten dort entstehenden neuen Mutationen nicht gewachsen sein. Über der gesamten Luftfahrt hängt also weiter das Damoklesschwert der Pandemie.
Quelle: Mit Material von dpa

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