Die finanzielle Seite des Biontech-Erfolgs

von Nils Metzger
12.11.2020 | 16:33 Uhr
Milliardenschwere Investments zahlen sich aus: Der Corona-Impfstoff könnte für das deutsche Startup Biontech zur Goldgrube werden. Das sind die Wirtschaftszahlen hinter dem Erfolg.
Quelle: BioNTecDas Paul-Ehrlich-Institut hat erstmals in Deutschland eine Zulassung für die klinische Prüfung eines Impfstoff-Kandidaten gegen das neuartige Coronavirus erteilt - an das Unternehmen Biontech.
Einen Covid-19-Impfstoff mit 90-prozentiger Zuverlässigkeit will das Mainzer Unternehmen Biontech nach eigenen Angaben entwickelt haben. Weltweit stieß diese Nachricht auf großes Interesse. Die EU hat sich am Mittwoch bis zu 300 Millionen Impfdosen des vielversprechenden Kandidaten vertraglich gesichert.
Einen genauen Preis hat Biontech bislang noch nicht bekannt gegeben. Sein Kooperationspartner, der US-Pharmakonzern Pfizer, hat der US-Regierung aber bereits 100 Millionen Impfdosen zum Preis von je 19,50 US-Dollar zugesagt.
Die EU hat sich mit den Pharmakonzernen Biontech und Pfizer auf einen Kauf von bis zu 300 Millionen Impfstoffdosen geeinigt. Das Serum soll überall in Europa verteilt werden.

Bis zu 13 Milliarden US-Dollar Umsatz mit Impfstoff

Dass die Biontech-Unternehmensadresse "An der Goldgrube 12" lautet, lädt zu Kalauern ein. Doch inzwischen scheint der Name angemessen: Marktanalysten der Investmentbank Morgan Stanley gehen laut dem britischen "Guardian" davon aus, dass Pfizer und Biontech im kommenden Jahr etwa 13 Milliarden US-Dollar an Umsatz mit dem neuen Impfstoff generieren werden.
Die Konkurrenten Johnson & Johnson wie auch AstraZeneca haben angekündigt, ihre Covid-19-Impfstoffe zum Selbstkostenpreis verkaufen zu wollen. AstraZeneca etwa für drei bis fünf US-Dollar jeweils. Pfizer wie Biontech sehen in der Impfstoff-Entwicklung jedoch klar ein Geschäftsmodell – Pfizer lehnte dafür sogar Fördergelder des US-Regierungsprogramms "Operation Warp Speed" ab, was Einfluss auf die Preisgestaltung gehabt hätte.
Während auf einen Impfstoff hin gefiebert wird, läuft auch die Suche nach Medikamenten zur Behandlung einer Infektion auf Hochtouren. Noch ist aber auch hier Geduld gefragt.

100 Millionen-Euro-Kredit für Biontech

Biontech erhielt bislang 375 Millionen Euro an Förderung von der Bundesregierung, hinzu kommt ein 100 Millionen Euro umfassender Kredit der Europäischen Investitionsbank. Gegenüber dem "NDR" stellte das Bundesgesundheitsministerium klar, dass die deutsche Projektförderung an Biontech - laut Bundeshaushaltsordnung - nicht an Gegenleistungen gekoppelt werden darf: "Eine Vorgabe an die geförderten Firmen, welche Produktionsmengen zu welchen Konditionen zur Verfügung gestellt werden müssen, ist im Rahmen des Zuwendungsrechts daher nicht möglicht."
Biontech-Chef Sahin rechnet damit, dass dieses Jahr 50 Millionen Dosen Impfstoff hergestellt werden könnten. Diese würden an Länder verteilt, wo es eine Genehmigung gebe.

Welcher Preis erlaubt eine faire Verteilung weltweit?

Viel Beachtung fand, dass zu den Biontech-Investoren auch die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung gehört. Das Geld floss jedoch in die HIV- und Tuberkuloseforschung von Biontech und nicht die Arbeit zum neuartigen Coronavirus. Der Deutschland-Chef der Gates-Stiftung, Tobias Kahler, begrüßte gegenüber ZDFheute die Erfolgsmeldung dennoch:
Diese frühen Befunde sind ein gutes Zeichen für die wissenschaftlichen Ansätze zur Entwicklung sicherer und wirksamer Covid-19-Impfstoffe.
Tobias Kahler, Deutschland-Chef der Gates-Stiftung
Die Welt werde mehrere sichere und wirksame Impfstoffe benötigen, um die Nachfrage zu befriedigen, sagte Kahler. "Impfstoffe müssen verfügbar und erschwinglich sein, unabhängig davon, wo die Menschen leben und wie viel Geld sie haben", so Kahler.
Vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer sind auf niedrigere Preise angewiesen. Menschenrechtsorganisationen kritisieren Pharmaunternehmen immer wieder dafür, armen Ländern günstige Medikamente vorzuenthalten.
Bei einer Veranstaltung der "Financial Times" am Dienstag sagte Biontech-Strategiechef Ryan Richardson, er rechne mit lokal angepassten Preisniveaus in manchen Teilen der Welt. Der Preis für den Impfstoff solle deutlich unter den typischen Marktpreisen liegen, so Richardson.
Wir haben versucht, einen ausgewogenen Ansatz zu verfolgen, der anerkennt, dass Innovation Kapital und Investitionen erfordert.
Biontech-Strategiechef Ryan Richardson
Eine ZDFheute-Anfrage zur weltweiten Verteilung des Impfstoffes beantwortete Biontech bis zum Erscheinen des Artikels nicht.

Biontech bislang tief in den roten Zahlen

Mit seiner Impfstoff-Forschung geht Biontech ein hohes finanzielles Risiko ein. Im aktuellen Jahr stieg das Minus von 30 Millionen Euro auf etwa 210 Millionen Euro an – dafür verantwortlich sind vor allem die 230 Millionen Euro, die Biontech zwischen Juli und September für Forschung und Entwicklung ausgab. Auch Pfizer, ein um ein Vielfaches größeres Unternehmen, investierte laut "Guardian" fast zwei Milliarden US-Dollar in die Entwicklung des Corona-Impfstoffs.
An der Börse haben die Erfolgsmeldungen für deutliche Kurssprünge bei Pfizer und Biontech gesorgt. Am Montag kletterte die Biontech-Aktie von rund 80 Euro auf ein Allzeithoch von 97,50 Euro. Seit dem Börsengang im Oktober 2019 hat sich der Aktienkurs versiebenfacht. Das Magazin "Forbes" berichtete, dass durch diesen Anstieg das Vermögen von Biontech-Gründer Ugur Sahin auf rund 4,4 Milliarden US-Dollar angestiegen sei.

Studien zum neuen Impfstoff gehen kontinuierlich weiter

Der Impfstoff wäre nach Zulassung das erste marktfähige Produkt des Unternehmens und der weltweit erste mit mRNA-Technologie hergestellte Impfstoff – ein wichtiger Durchbruch für die Entwicklung weiterer Medikamente. Ein Hindernis ist, dass der Impfstoff bislang bei minus 75 Grad Celsius gelagert werden muss, andernfalls verdirbt er nach fünf Tagen.
Jenseits der weltweiten medialen Aufmerksamkeit laufe die Biontech-Wirksamkeitsstudien mit mehr als 40.000 Probanden weiter. Biontech und Pfizer planen, im kommenden Jahr bis zu 1,3 Milliarden Impfdosen zu produzieren.
Quelle: Mit Material von Reuters

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