Milliardenverlust - nicht nur wegen Corona

von Mischa Ehrhardt und Hansjürgen Piel
30.07.2020 | 13:29 Uhr
Die Bahn hat ihre Bilanz vorgelegt. Wie befürchtet präsentiert der Staatskonzern der Öffentlichkeit tiefrote Zahlen. Die Ausfälle durch Corona sind nicht der einzige Grund dafür.
Die Deutsche Bahn ist in der Corona-Krise tief in die roten Zahlen gerutscht. Doch die Milliardenverluste sind nicht allein auf Corona zurückzuführen.
Der Paukenschlag kam bereits vor einigen Wochen. "Operativ sind wir mit der Eisenbahn in Deutschland seit März in die Verlustzone geraten, und zwar jeden Monat in dreistelliger Millionenhöhe", schrieb Bahnchef Richard Lutz Ende Juni in einem Brief an die Belegschaft. Der Zustand werde bis Jahresende so bleiben – und im laufenden Geschäftsjahr zum größten operativen Verlust in der Geschichte der Deutschen Bahn führen.

Angst vor Ansteckung in der Bahn

In ihrer Halbjahresbilanz präsentierte die Bahn am Donnerstag für das erste Halbjahr einen Verlust von rund 3,7 Milliarden Euro nach Steuern. Im Gesamtjahr könnte sich das Desaster in der Bilanz auf mehr als fünf Milliarden Euro ausweiten. Während der Konzern im Januar und Februar nach einer Fahrpreissenkung noch Rekorde bei den Fahrgastzahlen verbuchte, brachen diese mit den Folgen des Corona-Lockdown drastisch ein:
Im Personenverkehr reduzierten sich die Fahrgäste auf bis zu zehn Prozent der sonst üblichen Menge. Und bis heute ist erst die Hälfte der Auslastung vor Corona erreicht, weil viele Menschen wegen möglicher Ansteckungsgefahren Bahnfahrten meiden.

Verluste bei Tochterunternehmen Arriva

Allerdings sind die in den vergangenen Monaten angehäuften Verluste nicht nur auf die Corona-Krise zurück zu führen. So verbucht die Bahn etwa eine Abschreibung auf den Wert der Tochtergesellschaft Arriva in Höhe von 1,4 Milliarden Euro. "Der Arriva geht es sehr schlecht", sagt Branchenexperte Christian Böttger gegenüber ZDFheute. "Die hatte kurz vor Corona zwei wichtige Aufträge verloren - sie wäre also auch so in die roten Zahlen gerutscht".

Christian Böttger

Bahnexperte Christian BöttgerQuelle: ZDF
... ist Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin mit den Fachgebieten Eisenbahn, Verkehrswesen und Industrial Marketing. Zuvor war der Betriebswirt u.a. kaufmännischer Leiter einer Geschäftseinheit bei Siemens und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Deutschen Bahn.
In der in Großbritannien ansässigen Tochter hat die Bahn das Auslandsgeschäft im Nahverkehr gebündelt. Lange galt Arriva als Ertragsperle und sollte an Investoren verkauft werden. Der Brexit und die nun grassierende Pandemie machten diese Pläne nach Angaben der Bahn aber zunichte. In der Tat hatte keines der Angebote im Verkaufsverfahren die erhofften Erlöse erreicht.

Defizite im Güterverkehr

Auch im Güterverkehr kämpft die Bahn mit Problemen. Seit Jahren transportiert die Cargo-Tochter Verluste in dreistelliger Millionenhöhe in die Bahn-Bilanz. "Wir haben festgestellt, dass ein größerer Teil der Probleme im Güterverkehr nichts mit Corona zu tun hat, sondern mit strukturellen Defiziten, die schon in den vergangenen Jahren bekannt waren", meint der Geschäftsführer des Netzwerkes europäischer Eisenbahnen, Peter Westenberger.
Mehr Fahrgäste und mehr Güter: Bund, Verbände und Verkehrsunternehmen unterzeichnen den "Schienenpakt". Verkehrsminister Scheuer spricht von einer "kleinen Revolution".
Er kritisiert auch, dass der Bund das defizitäre Geschäft mit Steuergeldern subventioniert, während profitabel arbeitende Konkurrenten aus der Bahn-Privatwirtschaft leer ausgehen. Das verzerre den Wettbewerb. Den für dieses Jahr kalkulierten Verlust in Höhe von 350 Millionen Euro jedenfalls dürfte, so ist aus Bahnkreisen zu hören, die Cargo-Sparte bereits jetzt erreicht haben.

Experte: Bahn vertuscht Probleme mit Corona

"Corona hat natürlich massiv Schäden verursacht im Kerngeschäft der Bahn in Deutschland", erläutert Experte Christian Böttger. "Aber die Bahn hat auch unabhängig davon genug Probleme - gerade bei Arriva und im Güterverkehr. Und die werden jetzt also vertuscht durch Corona".
Böttger geht davon aus, dass der Staatskonzern die tiefrote Bilanz in erster Linie mit den Folgen der Corona-Pandemie erklären wird - und dabei die hausgemachten und strukturellen Probleme hinten runter fallen. Der Bahnvorstand werde das machen, was jeder Unternehmensvorstand derzeit tut:
Er schiebt die schlechten Zahlen auf einen Grund, den jeder versteht. Es ist eine bequeme Erklärung, alles auf Corona zu schieben.
Christian Böttger, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin
Die Bahn zwischen Corona und Masterplan

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