Arbeit im Schlachthof: Bio ist nicht besser

von Julia Klaus
23.06.2020 | 09:24 Uhr
Wer Bio-Fleisch kauft, verhindert damit nicht die Ausbeutung von Arbeitern in Schlachthöfen. Doch die Politik steuert nach.
Quelle: dpaSchlachthöfe werden zu Corona-Hotspots und offenbaren prekäre Arbeitsbedingungen.
Nach Corona-Ausbrüchen in deutschen Schlachtbetrieben gibt es viel Kritik an den Arbeitsbedingungen dort: kleine Wohnungen, in denen viele osteuropäische Arbeiter leben, die über so genannte Werkverträge bei Subunternehmen beschäftigt sind. Die Werkverträge führen oft zu Niedriglöhnen und überlangen Arbeitszeiten.
Im Fokus steht derzeit die Firma Tönnies, auf deren Schlachthof im Kreis Gütersloh mehr als 1.500 Arbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden sind. Dort wird neben konventionellem auch Bio-Fleisch geschlachtet. Bei der Schlachtung von Bio-Tieren "gibt es keine Unterschiede zu konventionellen Tieren", sagte ein Tönnies-Sprecher ZDFheute. Doch Verbraucher sollten wissen, dass es bei Bio-Siegeln zuvorderst um das Tierwohl und Umweltstandards geht, weniger um die Arbeitsbedingungen der Menschen.

Fleischindustrie: Mängel waren bekannt

Die prekären Bedingungen in der Fleischindustrie sind nicht neu. Das Arbeitsministerium von Nordrhein-Westfahlen startete im Herbst vergangenes Jahr eine Überwachungsaktion bei 30 Fleischbetrieben mit 17.000 Beschäftigten. Es stellte mehr als 5.800 Arbeitszeitverstöße fest. Beschäftigte hatten zum Beispiel über 16 Stunden an einem Arbeitstag gearbeitet.
Die wichtigsten Fakten zu Tönnies und unserem Fleischkonsum in Deutschland

Vielzahl an Bio-Siegeln

Seit zehn Jahren sind verpackte Bio-Lebensmittel, die in der EU hergestellt werden, mit dem EU-Bio-Siegel gekennzeichnet. Daneben gibt es noch das deutsche Bio-Siegel, das freiwillig ist, aber ähnliche Standards wie das europäische hat. Noch strengere Standards haben sich kleinere Anbauverbände wie "Bioland", "Naturland" oder "Demeter" gegeben, die ebenfalls eigene Öko-Siegel vergeben.
Bei all den Kennzeichnungen geht es jedoch vorrangig um die Tierhaltung sowie um Umweltstandards, etwa den Verzicht auf bestimmte Pflanzenschutz- und Düngemittel, wie die Verbraucherzentrale NRW erläutert. Der Fokus liegt also auf den Produkten und den Konsumenten. Auch das vom Bundeslandwirtschaftsministerium vorgestellte Tierwohllabel zielt auf verbesserte Bedingungen für Tiere ab und ist zudem freiwillig.
Fleischfabriken als Virenschleudern

Tierschutzbund: Stellschraube Preis

"Die Arbeitsbedingungen auf den Schlachthöfen werden bei Siegeln nicht berücksichtigt", schreibt eine Sprecherin des Tierschutzbundes in einer Mail an ZDFheute. Sie rät Verbrauchern, regional zu kaufen und sich nach den Schlachtbedingungen zu erkundigen: "Am besten, man kennt den Bio-Erzeuger und kann dort direkt nachfragen." Der Verein fordert "mehr kleinere, aber 'gute' Schlachthöfe". Auch müsse Fleisch teurer werden:
Zum Nulltarif werden weder mehr Tierschutz noch bessere Arbeitsbedingungen realisierbar sein.
Sprecherin des Tierschutzbunds
Vor dem Hotspot bei Tönnies hatte es auch beim Schlachtbetrieb Westfleisch in Coesfeld einen Corona-Ausbruch gegeben. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will nun nachsteuern und Werkverträge in der Fleischbranche verbieten. Ab kommendem Jahr soll das Schlachten und Verarbeiten von Fleisch nur noch mit Arbeitnehmern des eigenen Betriebes zulässig sein. Dafür Werkverträge zu vergeben, wäre dann tabu.

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