Wie Corona in Südafrika die Armut verschärft

von Sandra Theiß, Johannesburg
17.10.2020 | 11:47 Uhr
Am Anfang traf die Pandemie in Südafrika vor allem die Ärmsten. Mittlerweile hat sie die Mittelschicht erreicht. Millionen Jobs gingen verloren, Millionen Existenzen sind bedroht.
Essensausgabe in Kapstadt: Die Corona-Krise stellt in Südafrika Millionen Menschen vor enorme Herausforderungen (Archivbild).Quelle: AP
Am 27. März begann in Südafrika der Coronavirus-Lockdown, es war einer der härtesten der Welt. Das Haus durfte man nur für Lebensnotwendiges verlassen, etwa um Lebensmittel einzukaufen, Medikamente zu holen oder zum Arzt zu gehen.
Die Situation war ein Drama für die zahlreichen Tagelöhner in Südafrika, die sich zum Beispiel als Haushaltshilfen oder Gärtner durchschlagen. Von dem Geld das sie am Tag verdienen, ernähren sie abends ihre Familien. Oft hängen an einem Job bis zu zehn Personen. Doch das ging nicht mehr. Sie hatten von einem Tag auf den anderen keine Einnahmequelle mehr.
Wie so viele andere auch.

Die Corona-Krise hat die Mittelschicht erreicht

Je länger der Lockdown in Südafrika andauerte, um so schwieriger wurde die Lage, nicht nur für die Ärmsten, auch für die Mittelschicht. Erst nach Wochen gab es leichte Lockerungen, die Wirtschaft ist bis heute noch immer nicht voll angelaufen.
In Südafrika galt im Frühjahr eine der strengsten Ausgangssperren der Welt – nur für das Lebensnotwendigste durfte man sein Zuhause verlassen.
Die eigentlich so quirlige Metropole Johannesburg, auf deren Straßen es sich permanent staut, wo massenweise Pick-ups mit Arbeitern auf der Ladefläche unterwegs sind, wirkt noch immer relativ ruhig. Die Pick-ups sieht man im Straßenbild deutlich seltener als vor Corona.
Überhaupt sind viele Straßen erstaunlich wenig frequentiert. Und immer wieder kommt man an Geschäften vorbei, die nach dem Lockdown nie wieder geöffnet haben, weil sie Pleite gingen. Und mit den Geschäften und Betrieben gingen die daran hängenden Jobs verloren.

Millionen Südafrikaner haben während des Lockdowns ihren Job verloren

Die Folgen sind dramatisch. Einer Umfrage zufolge haben allein während des harten Lockdowns mehr als drei Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren, weitere 1,5 Millionen gaben an, dass sie irgendwann im April kein Geld mehr hatten, um Lebensmittel zu kaufen – und das sind nur die Zahlen aus dem ersten Quartal.
Lag die Zahl der Arbeitslosen vor Corona bei gut 30 Prozent, sind es jetzt 42, so die schockierende Bilanz.
Corona in Südafrika: Die Wirtschaftsleistung ist eingebrochen. Immer mehr Menschen sind von Lebensmittelspenden abhängig, Millionen haben Angst vor dem sozialen Abstieg.
Dabei hat die Not unterschiedliche Gesichter, je nachdem um welche gesellschaftliche Klasse es geht. Bei den Ärmsten, von denen viele im informellen Sektor arbeiten, brach innerhalb von kürzester Zeit eine Hungerkrise aus. Dort, wo Lebensmittel verteilt wurden, bildeten sich oft kilometerlange Schlangen. Bis heute brauchen viele Hilfe, wissen nicht, wovon sie ihre Familien ernähren sollen. Es geht schlichtweg um die Existenz.

Kaum Rücklagen vor der Pandemie

In der Mittelschicht ist die Lage etwas anders. Es gibt viele Menschen, die nach dem Ende der Apartheid ihre Chance nutzten, einen Betrieb aufbauten und über die Jahre langsam vergrößerten, indem sie ihre Einnahmen in den Betrieb investierten. Dementsprechend hatten sie keine Rücklagen, als die Pandemie zuschlug.
Die Inhaber von Restaurants zum Beispiel hatten von heute auf morgen über Monate keine Einnahmen mehr. So wie viele andere Berufstätige auch. In der Mittelschicht litten diese Menschen nicht gleich Hunger, aber viele konnten und können ihre Mieten nicht mehr bezahlen oder das Schulgeld für ihre Kinder.

Lodges werben mit 60 Prozent Rabatten, um Tourismus anzukurbeln

Besonders hart ist der Tourismus betroffen. Zwar hat Südafrika zu Beginn dieses Monats die Grenzen für den internationalen Tourismus wieder weitgehend geöffnet (es gelten je nach Land und der dortigen Corona-Lage unterschiedliche Einschränkungen oder auch Auflagen, die alle zwei Wochen aktualisiert werden), doch die große Reisewelle wird wohl nicht so schnell kommen.
Wer will schon einen Urlaub buchen, wenn man am Ende nicht weiß, ob man nicht doch in Quarantäne muss, weil die Zahl der Infektionen im Heimatland plötzlich so stark gestiegen ist?
Die Lodges in und um die Nationalparks werben im Kampf ums Überleben mit Rabatten bis zu 60 Prozent. Auch da hängen wieder unzählige Jobs dran, von Zimmermädchen und Kellnern bis hin zu Tourguides und Rangern - und die unzähligen Familien, die von diesen Gehältern ernährt werden.
Sandra Theiß leitet das ZDF-Studio Johannesburg und berichtet aus dem Süden Afrikas.
Südafrika hat eine der härtesten Ausgangssperren der Welt. Die Angst ist groß, dass sich das Coronavirus in den Townships ausbreitet. Deshalb kontrollieren Militär und Polizei regelmäßig die Armenviertel des Landes, teils mit Demütigung und Gewalt.

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