Wie Detektive Blaumacher jagen

22.05.2020 | 17:46 Uhr
von O. Klein und N. Metzger
Manche Arbeitnehmer nutzen die Homeoffice-Regelungen aus, um blau zu machen oder sogar parallel für andere Firmen zu arbeiten. Einige Unternehmen engagieren schon Privatdetektive.
Sie sollen zu Hause sein und arbeiten. Dafür ist Homeoffice gedacht. Aber machen das wirklich alle? Detektive checken vermeintliche Blaumacher.
"Der krasseste Fall war ein Mitarbeiter im Homeoffice, bei dem der Chef misstrauisch wurde, weil er zwei Wochen lang während der Arbeitszeit nur schwer zu erreichen war", erinnert sich Oliver Lietz. "Wir haben ihn observiert. Dabei kam raus, dass er ständig in die Firma seines Bruders gefahren ist, um dort noch nebenbei schwarz zu arbeiten."
Lietz ist Geschäftsführer der Berliner Detektei Lietz. Acht Fälle haben er und sein zehnköpfiges Detektiv-Team seit April bearbeitet, in denen Unternehmen ihre Mitarbeiter im Homeoffice überwachen ließen. Und immer mit Erfolg: Mal arbeiteten die Beschäftigten ohne Erlaubnis nebenbei in einem anderen Unternehmen, mal machten sie blau, mal hielten sie sich nicht an vorgeschriebene Quarantäne-Bestimmungen.

Feuerwehrmann ignorierte Quarantäne

Gerade die Frage, ob sich Mitarbeiter an Quarantäne-Auflagen halten, birgt Sprengstoff: Ermittler Gabriel Mosch von der Frankfurter Detektei Lentz schildert gegenüber ZDFheute den Fall eines leitenden Feuerwehrmanns der Betriebsfeuerwehr eines hessischen Pharmakonzerns.
Der Mitarbeiter hätte sich eigentlich in eine vorbeugende Quarantäne begeben müssen. Doch es bestand der Verdacht, dass er sich nicht an die Regeln hält: Als er in den Betrieb gerufen wurde, brauchte er fünf Stunden für die Anreise. Der Verdacht: Er war statt in Quarantäne zwischendurch unerlaubt in seinem Ferienhaus in Österreich.
Das Unternehmen bestellte eine Observation des Mannes, vier Detektive hefteten sich an seine Fersen. "Statt Quarantäne hat er sein Haus verlassen, seine Eltern und Bekannte besucht, war shoppen im Baumarkt. Alles ohne Schutzmaske, ohne Mindestabstand", so Mosch.
Die Coronakrise hat unser Leben durcheinander gewirbelt, doch wie wird es danach weitergehen? "Homeoffice hat seine Vor- und Nachteile", so der Arbeitsexperte Andreas Hoff.
Der Feuerwehrmann ignorierte also nicht nur die Quarantäne-Auflagen - er ging sogar ein zusätzliches Infektionsrisiko ein und brachte somit die ganze Werksfeuerwehr in Gefahr. Das Brisante daran, so Mosch: "Wären viele Mitarbeiter der Abteilung erkrankt, hätte ohne Feuerwehr schlimmstenfalls das ganze Werk mit tausenden Mitarbeitern stillgestanden".
Was mit den Betroffenen passiert, die von den Ermittlern erwischt werden, das erfahren die Detektive in der Regel nicht. Aber sowohl der Feuerwehrmann als auch der nebenher schwarz arbeitende Handwerker dürften ihre Job vermutlich verloren haben.

Enge rechtliche Grenzen der Überwachung

Doch der Bespitzelung von Beschäftigten sind nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt aus dem Jahr 2015 enge rechtliche Grenzen gesetzt. Sarah Tacke aus der ZDF Redaktion Recht & Justiz erklärt:
Sie kann nur dann überhaupt in Erwägung gezogen werden, wenn ein konkreter Verdacht für die Begehung einer Straftat oder einen Arbeitsvertragsverstoß vorliegt.
Sarah Tacke, ZDF-Rechtsexpertin
Die Überwachung von Mitarbeitern findet allerdings auch digital statt. Vor allem in den USA boomt das Geschäft mit der Entwicklung von Spionagesoftware für Mitarbeiter: Browser-Cookies, Screenshots von Bildschirminhalten, protokollierte Tastenanschläge auf der Tastatur geben beispielsweise Aufschluss darüber, wer wie lange überhaupt am Computer war, ob statt der Arbeit Facebook oder Shopping-Seiten besucht wurden.

Deutsche Arbeitnehmer relativ gut geschützt

Anbietern wie Veriato oder InterGuard geht es dabei aber nicht nur um hohe Produktivität, sondern auch darum, Datendiebstahl und Wirtschaftsspionage zu verhindern. Programme lassen sich so einstellen, dass bei der Eingabe bestimmter Stichwörter wie "Pricing" automatisch Screenshots für mögliche interne Untersuchungen gemacht werden.

In Deutschland sind Arbeitnehmer jedoch auch gegen digitale Überwachungsmaßnahmen besser geschützt als in anderen Staaten: Personenbezogene Daten dürfen nur zur Aufdeckung von Straftaten verarbeitet werden, nicht etwa, um pauschal zu überprüfen, welche Mitarbeiter weniger schnell arbeiten (§ 26 Abs. 1 des Bundesdatenschutzgesetzes). Über alle Maßnahmen, die nicht zwingend zwingend verdeckt stattfinden, müssen Mitarbeiter informiert werden (Art. 13 DSGVO).

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