Interview

: Europa bald ohne Elektrobatterieproduktion?

09.03.2023 | 19:40 Uhr
Das riesige US-Subventionsprogramm Inflation Reduction Act bereitet Europa seit Monaten Sorge. Droht die Abwanderung der europäischen Elektrobatterieproduktion?

Die belgische Firma Umicore ist das einzige Unternehmen in Europa, das über eine vollständige Kette der Batterieproduktion verfügt - vom Metall bis zur Batterie.

10.03.2023 | 01:57 min
Die belgische Firma Umicore ist die einzige Firma außerhalb Chinas, die über eine vollständige Kette vom Metall bis zur Batterie verfügt. Eine Fabrik für Kathodenmaterialien für die Elektroautoindustrie steht in Polen, andere Produktionsstätten in den USA. Der Chef des Unternehmens, Mathias Miedreich, zum Thema EU-Politik und dem amerikanischen Inflation Reduction Act:
ZDFheute: Verliert Europa den Wettlauf um die Autoindustrie?
Matthias Miedreich: Das kann ich mir nicht vorstellen. Europa ist innovativ, was alle klimarelevanten Technologien angeht. Es ist eine komplett neue Lage für die gesamte Automobilindustrie, für die gesamte Rohstoffindustrie. Dafür, was die Autoindustrie jetzt machen muss in puncto Elektromobilität in den nächsten zehn Jahren, nämlich komplett vom Verbrenner umzuschwenken, hatte sie vorher 150 Jahre Zeit. 150 Jahre, um den Verbrennungsmotor zu entwickeln.

Mathias Miedreich

Quelle: lowette.com
... ist CEO des belgischen Materialtechnologiekonzerns Umicore.
Ich glaube, überall spüren wir den großen Drang, vor allem in Europa, nach vorne zu gehen. Wenn die EU hier eine gute Lösung findet, um die Industrie zu unterstützen, dann bin ich davon überzeugt, dass wir wieder zurück an die Spitze kommen können, was grüne Technologien angeht. 
Die EU fürchtet, dass die USA mit dem Inflation Reduction Act grüne Investitionen aus Europa abzieht.
Mathias Miedreich, Umicore-CEO
Die EU hatte bis Mitte letzten Jahres eine ganz klare Vorreiterposition im Bereich Elektrifizierung. Der Green Deal war in vollem Schwung. Als die USA ihren Inflation Reduction Act veröffentlicht haben, haben wir Mitte letzten Jahres erlebt, dass man sich in der Branche sehr viel in Richtung USA orientiert hat. Und das ist nicht nur eine Frage von Geld oder von Fördergeldern, es ist insbesondere eine Frage der Geschwindigkeit bei Genehmigungsverfahren und in der Bürokratie - und das haben wir heute in Europa nicht, brauchen es aber dringend.
Ich glaube nicht, dass der Inflation Reduction Act europäischen Unternehmen schadet. Im Gegenteil. Es eröffnet Optionen, im amerikanischen Markt tätig zu sein. Wir haben uns schon, bevor es bekannt wurde, entschieden, in Nordamerika zu investieren. Es ist aber für uns kein Beschleuniger. Es ist mehr eine Bestätigung einer getroffenen Entscheidung.
ZDFheute: Ist die Subventionierung der Elektroautoindustrie eine wirksame Lösung?
Miedreich: Subventionen können aus meiner Sicht immer nur ein Anschubmittel sein und keine Dauerlösung. Und das Gute in dem Bereich der Elektromobilität ist, dass der Markt E-Autos auch möchte. Der Endkunde wird mehr und mehr nachfragen nach einem nachhaltigen Fortbewegungsmittel.
ZDFheute: Besteht nicht die Gefahr, dass es zu Konflikten zwischen Europa und den USA kommt?
Miedreich: Es gibt die Gefahr, dass es zu einem Subventions-Wettbewerb zwischen USA und Europa kommt. Ich denke, die gute Antwort ist eher: Wie kann man die bürokratischen Hürden in Europa reduzieren? In Europa sollte natürlich kein Subventionswettstreit zwischen den Ländern stattfinden. Gelder, die in Notfalltöpfen vorhanden sind, sollte man in der Gesamtheit ausgeben. Aber keinen Wettbewerb zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten.
ZDFheute: Machen Sie sich eigentlich Sorgen um die europäische Wettbewerbsfähigkeit?
Miedreich: Ja. Ich glaube, gerade in dem Bereich Batterietechnologie haben wir noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Mit unseren Batteriematerialien, die wir den Kunden in Europa bringen, können wir unsere Nachteile aber aufholen - da hat Europa die beste Erfolgsbilanz.

In Debrecen im Osten Ungarns baut China gerade eine der größten Batteriefabriken Europas.

22.02.2023 | 02:13 min
ZDFheute: Wo steht die EU in Sachen Recycling?
Miedreich: Security und Recycling ist ja ein wesentlicher Beitrag zur Rohstoffabbausicherung, aber auch zur CO2-Reduzierung. Und da fehlen meiner Ansicht nach noch die entsprechenden Regelungen in Europa, das noch stärker und noch schneller zu fördern.
Ich glaube, es ist ein Fehler zu denken, dass man mit Recycling mehr Zeit hat als mit der Produktion von Batterien. Denn Recycling startet schon in dem Moment, wo eine Batterie produziert wird.
Umicore CEO Mathias Miedreich
ZDFheute: Wie sehen Sie die Zukunft der EU-Industriepolitik?
Miedreich: Wir brauchen einen modernen, intelligenten Bergbau in Europa, der die kritischen Rohstoffe bringt, die es ja hier auch gibt. Die brauchen wir für die Elektrorevolution und es ist für die Umwelt am Ende besser einen gewissen Eingriff in die Natur zu machen, der heute viel kontrollierter sein kann als noch vor 50 vor Jahren, weitaus besser als diese Materialien über Tausende von Kilometern in Millionen von Tonnen zu transportieren und dabei allein so viel CO2 auszustoßen, wie man einsparen wollte.
Und insofern ist es für den Planeten besser, für Europa besser, wenn wir aus industriepolitischen Gesichtspunkten auch vor allem den Bergbau wieder salonfähig machen und mit Innovationen und mit einem guten Genehmigungsverfahren ausstatten. 
Das Interview führte Anna Pettini aus dem Studio Brüssel.

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