: "Die Chinesen sind schon längst da"

16.02.2021 | 21:17 Uhr
Bei der Wende zum E-Auto geht es für deutsche Autobauer ums Ganze. Dabei ist Tesla längst nicht die einzige Herausforderung, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.
Archiv, China, Peking: Das E-Auto P7 des chinesischen Autobauers Xpeng Motors bei der IAA in Peking. Quelle: Imago
makro: Der chinesische Staat treibt seit Jahren die Wende zum E-Auto voran. Chinesische Unternehmer gelten als findig. Was ist aus dieser Kombination entstanden?
Ferdinand Dudenhöffer: Bisher sind in China jede Menge Start-ups wie Nio, Leapmotor, Xpeng, WM Motors sowie konventionelle Unternehmen wie das Konglomerat SAIC-GM-Wuling, BYD, Great Wall und Geely unterwegs. Nio hat bei den Start-ups eine gute Position.
Das Konglomerat aus Shanghai, der Stadt Wuling und General Motors - SAIC-GM-Wuling - stellte übrigens mit dem elektrischen 4.000-Euro-Kleinwagen "Hongguang Mini EV" das meistverkaufte Elektroauto in China. Also eine bunte Landschaft mit hoher Dynamik.

Prof. Ferdinand Dudenhöffer ...

war langjähriger Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen und gründete dort das Center Automotive Research (CAR), das er heute als privatwirtschaftliches Forschungsinstitut in Duisburg betreibt. Er ist zum Thema Automobilindustrie ein viel zitierter Gesprächspartner in deutschen und chinesischen Medien.
makro: Tesla lehrt hiesige Autobauer das Fürchten. Haben Chinas E-Auto-Pioniere das Zeug zum Tesla 2.0?
Dudenhöffer: Tesla mischt natürlich auch China auf, die Start-ups wie Nio sind Tesla auf den Fersen. Gleichzeitig sind etwa VW mit seinen chinesischen Partnern und bald der Smart in einem Gemeinschaftswerk von Mercedes und Geely im Markt. Also man hat großen Respekt vor Tesla, aber fürchten tun sich weder die Chinesen noch die Deutschen.
makro: Nio, Xpeng, Li Auto - erst seit kurzem an der Börse in New York - sind heute beinahe so viel wert wie Deutschlands Autobauer. Was bedeutet diese Rückendeckung des Kapitalmarkts für Innovation und Expansion?

Chinesische Neulinge

Quelle: Reuters
Drei der chinesischen Elektroauto-Start-ups haben sich mit einem Börsengang (IPO - Initial Public Offering) an der New Yorker Wall Street ein dickes Finanzpolster für die weitere Expansion zugelegt. Auf- und Ausbau von Produktionsstätten verschlingt viel Geld. Nio wagte den Schritt aufs Börsenparkett im September 2018, Li Auto im Juli 2020 und Xpeng im August 2020. Im Sog der Tesla-Aktie sind die Papiere der Chinesen um ein Vielfaches gestiegen. Dies gab ihnen die Möglichkeit, durch die Ausgabe weiterer Aktien (Fachsprech "Secondary") zusätzliches Kapital für Investitionen einzusammeln. Diese Möglichkeit haben sie genutzt.

Produktionszahlen

Noch sind die drei Neulinge aus China Zwerge, wenn man die Zahl der produzierten Autos zum Maßstab nimmt. Im Januar 2021 lieferte Nio 72.25 Fahrzeuge, Xpeng 6.015 und Li Auto 5.379. Zum Vergleich: Der Volkswagen-Konzern produziert pro Monat im Schnitt annähernd eine Million Fahrzeuge. Allerdings: Die Zwerge haben riesige Wachstumsraten. Gegenüber dem Januar 2020 steigerte Nio seine Auslieferungen um 352 Prozent, Li Auto um 356 Prozent und Xpeng um 470 Prozent.

Unternehmenswert

Analog zum E-Auto-Pionier Tesla werden auch die drei chinesischen Start-ups mit einem extrem hohen Börsenwert belohnt: umgerechnet 24 Milliarden Euro für Li Auto, 32 Milliarden für Xpeng und 80 Milliarden für Nio. Damit bewegen sie sich in einer ähnlichen Größenordnung wie die drei großen deutschen Automobilhersteller BMW (45 Milliarden Euro), Daimler (69 Milliarden) und Volkswagen (88 Milliarden), obwohl diese ungleich mehr Autos produzieren.

Grund ist die Wahrnehmung als Branchenpioniere. Dies gilt besonders für Nio, das konzeptionell an Tesla erinnert. Telsa allerdings stellt mit einem Börsenwert von fast 800 Milliarden Dollar alle anderen Player weit in den Schatten. Daimler übrigens hielt einmal 9,1 Prozent an Tesla, verkaufte sein Aktienpaket aber schon 2010. Es wäre heute annähernd soviel wert wie der gesamte Daimler-Konzern. (Stand: 15.02.2021)

Dudenhöffer: Tesla wäre ohne den Kapitalmarkt nicht denkbar. Ähnliches gilt für Start-ups wie Nio oder Li Auto. Alle Investoren träumen davon, dass sich das Start-up zu einer Art Apple oder Amazon entwickelt. Natürlich gibt es auch Enttäuschungen, wie etwa bei Byton oder Faraday-Future.
Bei den Börsenbewertungen der Neulinge scheint es keine Obergrenze zu geben. Sie sammeln wahnsinnig viel Kapital an den Börsen ein und sind damit in der Lage, Investitionen in neue Technologien zu schultern, die den klassischen Autobauern so nicht möglich waren. Das macht sie für die BMW, Mercedes und VW gefährlich.
makro: Wann ist mit einem Markteintritt in Europa zu rechnen?
Dudenhöffer: Die Chinesen sind schon längst da, nur sieht das nicht jeder. Volvo wäre ohne seinen chinesischen Eigentümer Geely nicht mehr vorstellbar. Und Polestar und Lynk & Co aus dem Geely-Verbund sind bis Ende des Jahres in Deutschland. Great Wall, der zweite große chinesische Autobauer, bereitet seinen Markteintritt mit der Marke Great Wall und Wey vor.

makro - das 3sat-Wirtschaftsmagazin

Quelle: ZDF
In dem Themeschwerpunkt "Zukunft der Autobranche" berichtet das 3sat-Wirtschaftsmagazin makro über die Entwicklung der Elektromobilität. Den Auftakt macht ein Interview zu den aufstrebenden Automobilherstellern aus China mit dem Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer.

Die "Great Wall"-Tochter sVolt baut eine große Batteriezellfabrik im Saarland, wie übrigens auch der Chinese CATL in Erfurt und Farasis in Bitterfeld. Nio sitzt in München und BYD ist im Elektrobusgeschäft unterwegs.
Das sind hochmoderne Unternehmen, die Hightech bauen und nicht mehr vergleichbar sind mit den unsicheren Plastikbombern vor zehn Jahren aus China. Es macht sehr viel Sinn, mit den Chinesen zusammenzuarbeiten. Wir ergänzen uns, wir werden mit den Chinesen im Wettbewerb besser, wir können deutlich mehr gewinnen als durch Abgrenzung.
Das Interview führte Carsten Meyer.

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