Fünf Jahre Quote - Erfolg oder Ernüchterung?

von Katja Belousova
06.03.2020 | 12:40 Uhr
Vor fünf Jahren beschloss der Bundestag eine Frauenquote für Aufsichtsräte in Unternehmen. Tatsächlich gibt es heute mehr Frauen in Führungspositionen - mit einem großen Makel.
Auch 2020 müssen Frauen für Gleichberechtigung und Gleichstellung streiten. Das macht die Bundestagsdebatte zum internationalen Frauentag klar. Und die Forderung, dass sich auch die Männer mehr einbringen müssen, wird immer lauter.
Der 11. Oktober 2019 war ein Meilenstein der Gleichstellung in Deutschland: An diesem Tag rückte Jennifer Morgan an die Konzernspitze des IT-Riesen SAP. Damit wurde sie zur ersten Vorstandschefin eines Dax-Konzerns.
Doch die US-Amerikanerin Morgan bleibt eine Ausnahmeerscheinung. Noch immer sind die Vorstände und Aufsichtsräte deutscher Konzerne männlich dominiert. Trotzdem verweist ihre Berufung auf einen Trend: Die Zahl der Frauen in deutschen Chefetagen wächst.

Frauenquote am 6. März 2015 vom Bundestag verabschiedet

Jennifer Morgan ist seit 2019 Co-Vorstandssprecherin und Mitglied des SAP-Vorstands.Quelle: EPA
Genau das war das Ziel des Gesetzes für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen, das der Bundestag am 6. März 2015 billigte. Im Mai desselben Jahres trat es in Kraft. Es verpflichtete Unternehmen, die sowohl voll mitbestimmungspflichtig als auch börsennotiert sind, zu einem Frauenanteil von 30 Prozent in ihren Aufsichtsräten. Aktuell treffen diese beiden Eigenschaften auf 105 deutsche Firmen zu.
Unternehmen, die entweder mitbestimmungspflichtig oder börsennotiert sind, mussten sich freiwillige Zielvorgaben setzen, um den Anteil der Frauen in Aufsichtsräten, Vorständen und im obersten Management zu erhöhen.

Für wen gilt eine feste Quote?

Am 6. März 2015 stimmte der Bundestag für das "Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen". Voll mitbestimmungspflichtige und börsennotierte Unternehmen mussten demnach eine verpflichtende Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten erfüllen. Das galt für alle ab 2016 neu zu besetzenden Aufsichtsratsposten.

Was sind die Sanktionen?

Hat ein solches Unternehmen weniger als 30 Prozent Frauen im Aufsichtsrat, muss es frei werdende Posten so lange an Frauen vergeben, bis die 30-Prozent-Marke erreicht ist. Andernfalls bliebe der Platz im Aufsichtsrat unbesetzt ("leerer Stuhl").

Für wen gilt nur eine Zielvorgabe?

Unternehmen, die entweder börsennotiert oder mitbestimmungspflichtig sind, mussten sich ein persönliches Ziel zur Erhöhung des Frauenanteils in Aufsichtsräten, Vorständen und im obersten Management setzen. Ein Mindestziel war dabei nicht vorgegeben, die Zielquote darf allerdings nicht unter den aktuellen Stand sinken. Dabei war auch die Zielgröße Null zulässig.

Wann müssen die Ziele erreicht werden?

Die ersten Ziele mussten bis September 2015 gesetzt und spätestens bis 30. Juni 2017 erreicht werden. Alle folgenden Fristen mussten binnen fünf Jahren erreicht werden, die im Jahr 2017 gesetzten Ziele also spätestens bis 2022.

Quelle: Bundesministerium für Justiz und Verbraucher
Heute, fünf Jahre, nachdem das Gesetz den Bundestag passierte, fällt das Fazit gemischt aus.
Dabei ist der Erfolg der Quote durchaus messbar: 2019 lag der Anteil der Frauen in den Aufsichtsräten der 200 umsatzstärksten deutschen Unternehmen bei 28,2 Prozent - 2015 war er noch bei 19,7 Prozent.

"Geschlechterquote für Aufsichtsräte wirkt"

"Die verbindliche Geschlechterquote für Aufsichtsräte wirkt: Insbesondere in den an sie gebundenen Unternehmen ist der Frauenanteil im Kontrollgremium in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen", heißt es entsprechend im aktuellen Managerinnen-Barometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.  
Vor allem bei den Unternehmen, die seit 2015 einer Quotenregelung unterliegen, ist ein schnellerer Zuwachs der Frauen in Aufsichtsräten zu verzeichnen als bei jenen Konzernen, die sich nur freiwillige Zielmarken gesetzt haben.
Noch besser sieht es aus, wenn man sich die 30 im Dax gelisteten Unternehmen anschaut. Dort stieg der Frauenanteil in den Aufsichtsräten sogar von 26,8 Prozent 2015 auf 35,4 Prozent im vergangenen Jahr.
"Mit Blick auf die festen Quoten, die das Gesetz vorgibt, ist es ein Erfolg", resümiert auch Monika Schulz-Strelow, Präsidentin des Vereins "Frauen in Aufsichtsräte" (FidAR). "Denn die 105 Unternehmen, die die 30 Prozent Frauenanteil bei Neubesetzungen erreichen müssen, haben die Quote  überwiegend bereits erfüllt", sagt sie.

Frauenanteil in Vorständen bleibt ein Problem

Doch das Gesetz hat einen Makel: Die Zahl der weiblichen Mitglieder in Vorständen ist immer noch sehr niedrig und nimmt nur langsam zu. Denn anders als für Aufsichtsräte gilt dort überhaupt keine verbindliche Quote.
So stieg der Frauenanteil in den Vorständen der 200 umsatzstärksten Unternehmen von 2015 bis 2019 um nur 4,1 Prozentpunkte auf mittlerweile 10,4 Prozent, während der Frauenanteil in den Aufsichtsräten im gleichen Zeitraum um ganze 8,5 Prozentpunkte kletterte. In den 30 Dax-Unternehmen waren 2019 insgesamt nur 14,7 Prozent der Vorstandsposten mit Frauen besetzt.
 "Es gibt es noch immer zu viele Firmen, die keine Frau im Vorstand haben und sich ein Ziel von null Prozent für den Zeitraum von 2017 bis 2022 setzen. Das zeigt, dass es vielen Unternehmen  an Ambition und an Veränderungswillen fehlt", sagt Schulz-Strelow.

Bericht kritisierte 53 Null-Prozent-Unternehmen

Im April 2019 gerieten 53 Null-Prozent-Unternehmen durch den AllBright-Bericht in die Schlagzeilen. Dazu gehörten neben RWE und Rheinmetall auch viele Onlinefirmen wie Zalando und Xing. Manche von ihnen, wie etwa Zalando, gelobten als Reaktion Besserung für künftige Zielvorgaben.
Warum Frauen in Chefetagen Unternehmen bereichern, lesen Sie hier:
Auch deshalb denken Familienministerin Franziska Giffey und Justizministerin Christine Lambrecht über eine verbindliche - aber noch sehr geringe - Quote für Vorstände nach. Ihr Plan: In Vorständen mit mindestens vier Mitgliedern soll künftig mindestens eine Frau sitzen.

Paritätische Besetzung bereits 2030 möglich?

Ein weiteres Problem der aktuellen Regelung sind die überwiegend fehlenden Sanktionen. Wenn Quoten-Unternehmen die Zahl der Frauen im Aufsichtsrat nicht erreichen, bleibt der offene Sitz unbesetzt und die Firmen sind dadurch möglicherweise nicht entscheidungsfähig. Doch die Unternehmen, die sich nur freiwillige Zielvorgaben setzen, haben wenig zu befürchten - abgesehen von schlechter Presse.
Mit einer Haltungsänderung der Entscheider und einer Verschärfung der Gesetze wäre eine paritätische Besetzung der Führungspositionen bereits 2030 möglich, hofft Schulz-Strelow. Sie weiß aber auch: Ihr Wunsch bleibt sehr ambitioniert. Denn bisher landet Deutschland bei der Frauenquote im internationalen Vergleich meist auf den hinteren Plätzen.
"Es liegt nicht daran, dass es keine Frauen für die Positionen gibt. Es liegt auch nicht daran, dass es keine Studien zum Mehrwert von gemischten Teams gibt", sagt sie. Deutschland habe kein Erkenntnisproblem. Lediglich ein Umsetzungsproblem.

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