: Signal für das Klima, aber Frust in Kanada

von Mark Hugo
23.01.2021 | 18:14 Uhr
Gerade erst neu im Amt, schon hat US-Präsident Biden den Bau der umstrittenen Pipeline Keystone XL gestoppt. Ein Signal gegen "schmutziges Öl", das in Kanada gar nicht gut ankommt.
Auf diesem Foto vom 18. Dezember 2020 werden Rohre, die für die Keystone XL-Pipeline verwendet werden sollen, auf einem Feld in der Nähe von Dorchester, Nebraska, USA, gelagert.Quelle: AP
Das Aus für die Pipeline steht für den konsequenten Wechsel der Klima- und Umweltpolitik im Weißen Haus und ist damit ein klares Signal. Barack Obama hatte den Bau 2015 bereits ausgebremst, sein Nachfolger Donald Trump gab dann aber wieder grünes Licht. Bidens Entscheidung kommt schnell, wirklich überraschen kann sie aber eigentlich niemanden.

Teersandabbau setzt Gifte frei

Mit der Pipeline sollten mehr als 130 Millionen Liter Öl am Tag aus den Teersandabbaugebieten in der kanadischen Provinz Alberta zu Raffinerien im Süden der USA gebracht werden. Der "XL" genannte Abschnitt hätte die bestehende Keystone-Pipeline, die aus der Ölhochburg Calgary kommt, um gut 1.900 Kilometer erweitert. Kosten: Rund sieben Milliarden Euro. Etwa 200 Kilometer Rohr in Kanada wurden zuletzt schon eilig gebaut. 
Umweltschützern ist der Teersandabbau - oder auch Ölsandabbau - ein Dorn im Auge. Denn dafür werden hektarweise Bäume gerodet und Mutterboden abgetragen. Der Rohstoff muss aus einer zähen Bitumen-Masse gelöst werden. Gifte und Schwefel werden freigesetzt - unter Einsatz von viel Energie und Wasser. Seit der Jahrtausendwende haben sich bereits große Flächen Nadelwald in karge Landschaften mit Schwefelhügeln und giftigen Teichen verwandelt.
Der neue US-Präsident Biden hat unmittelbar nach seinem Amtsantritt einen Kurswechsel angestoßen. Er unterzeichnete mehr als ein Dutzend Dekrete, die Trump-Entscheidungen umkehren.

Klagen gegen die Pipeline

Zudem liegt der Kohlendioxidausstoß nach Messungen des kanadischen Umweltministeriums um 64 Prozent über dem der konventionellen Förderung. Klimaschützer gehen von noch höheren Zahlen aus. Der WWF spricht von "katastrophalen Folgen für das globale Klima und die kanadischen Wälder".
Verbände, Ureinwohner und Farmer klagen seit Jahren gegen die Pipeline. Auch wegen möglicher Lecks. 2017 waren in South Dakota rund 800.000 Liter Öl ausgelaufen. Der US-Umweltverband Sierra Club nannte das Pipeline-Aus einen "großen, hart erkämpften Sieg für unsere Gemeinden, für sauberes Wasser und das Klima."

Ölsandabbau für Wirtschaft relevant

Auf der anderen Seite stehen viel Geld, Tausende Jobs - und ein Stück mehr Unabhängigkeit von Importen aus den OPEC-Ländern. Das Geschäft mit dem Ölsandabbau ist dabei "robust" und "profitabel", sagt Eugen Weinberg, Ölmarkt-Experte bei der Commerzbank. Und das, obwohl diese Form der Förderung nicht nur umweltschädlich, sondern auch viel kostspieliger ist als die konventionelle. "Ja, das ist teuer. Aber teuer ist relativ."
Derzeit liege die Fördermenge bei drei Millionen Barrel am Tag, der Anteil an der weltweiten Produktion bei mehr als drei Prozent. "Das ist sehr relevant", so Weinberg. Keystone XL hätte den Transport in die USA ausgeweitet und beschleunigt. Kanadisches Öl wäre damit dem Export auch in andere Länder nähergekommen, vermutet der Experte.
Vor 60 Jahren wurde das Öl-Kartell gegründet. Seitdem sinkt dessen Einfluss - eine Geschichte von Macht und Ohnmacht.

Öl-Abbau in Alberta geht trotzdem weiter

Klar, dass nicht nur der Ministerpräsident von Alberta, Jason Kenney, "tief besorgt" ist und rechtliche Schritte ankündigt. Auch bei der kanadischen Regierung unter Justin Trudeau löst der Entschluss des neuen US-Präsidenten Biden Frust aus. Es gehe um "lebenswichtige energiepolitische Beziehungen" zwischen den beiden Ländern, ließ Ottawa wissen.
"Der Stopp der Keystone-Pipeline ist sicher ein schwerer Schlag für die Ölsände und für Alberta", sagt Yvonne Denz von der kanadisch-deutschen Industrie- und Handelskammer. Aber: Den Abbau und die Stellung Kanadas als Hauptlieferant von Öl in die USA wird er nicht gefährden. Weitere Pipelines, etwa an die Pazifik-Küste, seien nämlich im Bau. Denz: "Dies eröffnet neue Märkte und ermöglicht den kanadischen Produzenten, bessere Preise für das Öl zu erzielen." Heißt wohl: Der Öl-Abbau in Alberta geht trotzdem weiter und könnte sogar noch ausgeweitet werden.
Mark Hugo ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.

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