: Erst klettert der Ölpreis, dann die Inflation

von Brigitte Scholtes
01.07.2021 | 09:00 Uhr
Öl- und Benzinpreise steigen seit Monaten. Das dürfte sich auch nach der Sitzung der Opec-Staaten nicht ändern. Das könnte indirekt Folgen auch für die Geldpolitik haben.
Der Ölpreis steigt, die Opec-Länder profitieren dabei auch vom Klimakurs des Westens.Quelle: colourbox.de
Benzin und Diesel sind in den letzten Monaten deutlich teurer geworden. So kostete Tanken in Nordrhein-Westfalen im Juni 24 Prozent, in Baden-Württemberg sogar 27 Prozent mehr als im Juni 2020. Damals aber war die Wirtschaft durch die Coronakrise stark geschwächt, es gab kaum Verkehr. Inzwischen sind die Energiepreise die Treiber der Teuerung. Und das dürfte vorerst auch so bleiben.
Denn wenn an diesem Donnerstag die 23 Mitgliedsstaaten der Opec+ zusammenkommen, um sich über die Fördermengen für August zu einigen, dann werden sie allenfalls eine Ausweitung um eine halbe Million Barrel (ein Fass Rohöl von 159 Liter) täglich beschließen. Von Juli an werden sie schon 0,8 Millionen Barrel am Tag mehr fördern.

Öl-Nachfrage: Täglich etwa eine Million Barrel über Angebot

Aktuell fehlen dem Weltmarkt etwa eine Million Barrel pro Tag. Bleibt die Konjunktur weiter so dynamisch, könnten es auch bald zwei Millionen Barrel sein, schätzt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank.
Pessimisten fürchten sogar eine Lücke von bis zu fünf Millionen Barrel im weiteren Jahresverlauf - pro Tag. Dann könnte der Preis durch die Decke schießen und das Barrel womöglich bald 100 Dollar kosten. Aktuell liegt der Preis bei knapp 75 Dollar für Nordseesorte Brent.
Die Opec+ - neben den arabischen Ländern sind das vor allem Russland und Kasachstan - haben die Preismacht wiedergewonnen, die sie in den vergangenen Jahren verloren hatten. Denn da waren es vor allem die Schieferölproduzenten in den USA, die mit ihrer Fördermenge den Preis bestimmten.
Die Opec, das Kartell der erdölproduzierenden Staaten, erschütterte in den 70er-Jahren die Welt. Heute geht das nicht mehr so einfach.

Klimakurs des Westens stärkt Opec-Länder

Die Regierung von Präsident Joe Biden fördert die Industrie nicht mehr so wie sein Vorgänger, ein Investor zwingt den Ölkonzern Exxon Mobil zu klimafreundlicherem Wachstum. Und die Unternehmen in der westlichen Welt sollen sich nachhaltiger ausrichten, so verurteilte ein Gericht in den Niederlanden den Ölkonzern Shell dazu, seinen CO2-Ausstoß deutlich zu verringern.
Das alles gibt den Opec-Ländern Auftrieb. Preissteigernd wirkt auch, dass die Sanktionen der USA gegenüber dem Ölförderland Iran wohl noch eine Weile bestehen bleiben.
Denn nach der Wahl des konservativen Ebrahim Raisi zum iranischen Präsidenten vor wenigen Tagen sind die Verhandlungen der USA mit dem Iran über eine Neuauflage des Atomabkommens ins Stocken geraten. "Mit einem Atomabkommen wären weitere zwei Millionen Barrel täglich auf den Weltmarkt gekommen", sagt Dora Borbely, Ölexpertin der Dekabank.
Die Außenpolitik mache nicht der Präsident, sondern auch "der religiöse und politische Führer Ajatollah Chamenei", sagt ZDF-Korrespondent Jörg Brase in Teheran. Eine Aussöhnung mit den USA sei kaum denkbar, genauso wenig mit Israel.

Ölpreis treibt Inflationsrate - Ende der Niedrigzinspolitik?

So aber werden in den westlichen Staaten die Ölpreise wohl weiter zulegen. Und damit steigt die Inflationsrate. In Deutschland lag sie im Juli zwar noch bei 2,3 Prozent - nach vorläufigen Schätzungen. Doch im Juli könnte sie weiter klettern - zum einen, weil vor einem Jahr die Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr auf 16 Prozent gesenkt wurde, aber auch, weil Lieferengpässe und Rohstoffknappheit sich noch deutlicher in den Preisen niederschlagen werden.
Während der Pandemie waren die Verbraucherpreise zeitweise gesunken. Nun sind sie so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr: Die Inflationsrate lag im Mai bei 2,5 Prozent.
Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-Bank fürchtet bald "Zweitrundeneffekte", also die Weitergabe höherer Produzentenpreise an die Endverbraucher. Und das könnte bald wiederum zu höheren Löhnen führen: "Dann werden die Notenbanken nicht mehr wegschauen können", meint er.
Das werde nicht unbedingt zu schnellen Zinserhöhungen führen. Aber: "Die Notenbanken sollten wirklich ernsthaft darüber nachdenken, die extrem lockere Geldpolitik so langsam zu einem Ende zu bringen." Heißt vor allem: Das Anleihekaufprogramm PEPP, das die EZB als Hilfe in der Coronakrise aufgelegt hatte, sollte dann allmählich auslaufen.