Degrowth - Die Grenzen des Wachstums

von Sybille Koller und Stella Könemann
06.06.2020 | 11:23 Uhr
Dauerhaftes wirtschaftliches Wachstum wird immer häufiger infrage gestellt. Welche Strategie ist notwendig auf dem Weg zu einer Welt ohne Wachstumszwang? Zwei Firmen im Porträt.
Geht grenzenloses Wachstum auf Dauer? Einige Unternehmen glauben das nicht mehr und steuern deshalb um. Sie wirtschaften mit Bedacht und Weitsicht – im Sinne ihrer Mitarbeiter und der Umwelt.
Gottfried Härle sitzt nach getaner Arbeit gern in der Gaststube der eigenen Brauerei, der Brauerei Clemens Härle. Beim selbst gebrauten Biobier kommt er ins Schwärmen von einer anderen Form des Wirtschaftens, einem anderen Umgang mit der Natur und den Menschen.
Wenn ich glaubwürdig eine nachhaltige Unternehmensführung betreiben will, dann kann das Ziel Gewinnmaximierung eigentlich keine Rolle spielen.
Gottfried Härle, Biobrauer
"Dann muss ich die sozialen, die ökologischen, die ökonomischen Faktoren gleichwertig vertreten. Wir müssen den Betrieb so organisieren, dass er langfristig auch ohne Wachstum auskommt, vielleicht sogar schrumpfen kann", sagt Härle.
Senior-Geschäftsführer Gottfried Härle mit Nachfolgerin Esther StraubQuelle: ZDF

Aufgerüttelt durch "Club of Rome"

Der Brauereibesitzer aus Leutkirch im Allgäu führt das Unternehmen in vierter Generation, hat aber schon früh erkannt, dass ein unbegrenztes "Immer-weiter-so" nicht gehen kann. Inspiriert wurde Härle bereits in den 1970er Jahren, als er das erste Mal mit den Warnungen des "Club of Rome" und der Forderung nach "Grenzen des Wachstums" in Berührung kam.
Schon Anfang der 1990er Jahre beginnt er mit der Produktion von Biobier. Er bezieht Rohstoffe nur noch aus der Region, schließt mit seinen Lieferanten Verträge, bei denen die Brauerei das Risiko bei Ernteausfällen trägt. Und seit Ende 2000 ist das Bier der Brauerei Härle klimaneutral. Die ökologisch verantwortungsbewusste, Unternehmensausrichtung zahlt sich auch wirtschaftlich aus.
Finanzieller Gewinn um jeden Preis? Für die Brauerei Härle stehen das Wohl der Mitarbeiter und der Klimaschutz an oberster Stelle.

Wachstum gegen den Trend

Seit 2000 ist der Bierausstoß der Härle-Brauerei um etwa 20 Prozent gestiegen, während sich der Absatz aller Brauereien in Deutschland im gleichen Zeitraum um circa zehn Prozent verringerte. Härles Weg wird zum Alleinstellungsmerkmal und sichert das Überleben.

TV-Tipp

plan bQuelle: ZDF
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"Wenn man im schrumpfenden Markt tätig ist, dann muss man sich überlegen, wie man eigentlich überleben will. Wachstum kann nicht die einzige Strategie sein. So haben wir uns früh überlegt, dass uns Ziele wie soziale Fairness, Schonung der Umwelt, ökologische Rohstoffe wichtiger sind als Wachstum", erklärt der Senior.
Und sogar der Corona-Krise konnte die Härle Brauerei so trotzen. Zwar ging der Bierabsatz zurück, doch durch die Strategie "Solidarität" in der gesamten Produktionskette, blieben die Probleme überschaubar.

"Club of Rome" und Postwachstumsökonomie

Im Jahr 1972 veröffentlichte eine Vereinigung gleichgesinnter Ökonomen und Wissenschaftler um den italienischen Industriellen Aurelio Peccei, der "Club of Rome", die "Die Grenzen des Wachstums". Daraus entstand eine weltweite Diskussion rund um das Thema Degrowth, zu Deutsch: Postwachstum. Dahinter verbirgt sich eine Wirtschaftsweise, die das Wohlergehen aller zum Ziel hat und die ökologischen Lebensgrundlagen erhält.

Auch in Deutschland war Wachstumskritik seit den 1970ern Jahren in der Öffentlichkeit weit verbreitet. Zahlreiche Publikationen beschäftigten sich mit Alternativen zur Wachstumsgesellschaft, ein Flügel der damals neu gegründeten Partei Bündnis 90/Die Grünen forderte eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum. Auch 50 Jahre nach dem Warnruf des "Club of Rome" steht die Vereinigung nach wie vor hinter ihrer Überzeugung: "In einer Welt, in der die Kapitalrendite alles bestimmt, hat der Umweltschutz überhaupt keine Chance. Es muss endlich in die Köpfe, dass die Dogmatisierung der Kapitalrendite ein Schaden für die Zivilisation und für unsere Enkel ist", fordert Ernst Ulrich von Weizsäcker, seit 2012 Co-Präsident des "Club of Rome".

Verantwortliches Wirtschaften vor Wachstum 

In den letzten Jahren wurde immer häufiger über Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität und Glück diskutiert. Sollte es besser einen Wirtschaftswandel "by design" - also geplant, nachhaltig und begleitet - geben als die Richtungsänderung "by desaster"? Die Wirtschaft steht vor einer großen Herausforderung, zusätzlich verschärft durch die Klima-Krise und durch die Corona-Pandemie.
Damit beschäftigt sich auch seit Jahren der Outdoor-Ausrüster Patagonia. Gegründet vom US-Hobbykletterer Yvon Chouinard, setzt das US-Unternehmen bereits in den Achtzigern auf Ressourcenschonung, lange bevor Nachhaltigkeit in der Bekleidungsindustrie eine Rolle spielte. Patagonia war seit Beginn die Langlebigkeit ihrer Produkte wichtig. Das Unternehmen wollte sich unabhängig machen von kurzlebigen Designtrends und verfolgte das Ziel, dass Kunden die Kleidung über Jahre und Dekaden hinweg tragen können.

Reparieren statt wegwerfen

Zur Wirtschaftsphilosophie gehört ein Reparaturservice. Kunden können defekte Ware in bestimmten Filialen in Stand setzen lassen oder sie zur Reparatur einsenden - kostenlos. Damit widersetzt sich Patagonia der Wegwerfgesellschaft der Modebranche. Zweimal im Jahr findet die "Worn Wear Tour" statt. Dabei ist ein kleines Team von Nähern dort, wo die Outdoor-Ausrüstung zum Einsatz kommt. So reparieren sie Risse oder defekte Reißverschlüsse mit einer mobilen Nähstube an Ort und Stelle.
Wenn wir die schlimmsten Folgen der Klima-Krise, die wir Menschen herbeigeführt haben, verhindern wollen, dann müssen auch Unternehmen einschreiten.
Ryan Gellert, Patagonia
Europa-Geschäftsführer Ryan Gellert ist sich sicher, dass bedenkenloses Wachstum die Welt ruinieren wird. Er sieht Unternehmen in der Verantwortung: "Sie müssen sich verpflichten, wirklich etwas an ihrer Arbeitsweise zu ändern und viel mehr berücksichtigen als nur Vermögensmaximierung als Unternehmensziel." Der US-Amerikaner zweifelt an dem Modell, demzufolge ökonomisches Wachstum als wichtigster Indikator für Wohlstand betrachtet wurde. "Ich denke, wir entwachsen diesem Modell gerade, Menschen wachen auf, wir steuern zu auf eine Welt mit weniger Rohstoffen und Ressourcen."