Interview

: "Rapide Zunahme der Rohstoffnachfrage"

08.06.2021 | 15:11 Uhr
Die Welt erlebt einen Rohstoffboom, es folgen Lieferverzögerungen und Inflation. Gefährdet das am Ende den Aufschwung? Ein Interview mit KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib.
Die Konjunktur zieht viel schneller wieder an, als es viele zu Beginn der Corona-Pandemie erwartet hatten. Doch die Förderung von Rohstoffen kommt nicht hinterher.
makro: Kupfer, Eisenerz, Stahl, Weizen, Mais, Soja, Holz - alles im Schnitt so teuer wie seit zehn Jahren nicht mehr. Einige Marktbeobachter sprechen bereits von einem neuen Superzyklus bei Rohstoffen. Gehen der Welt die Basics aus?
Fritzi Köhler-Geib: Nein, der letzte Superzyklus war stark vom wirtschaftlichen Aufstieg Chinas getrieben. Momentan führt die globale Konjunkturerholung zu einer rapiden Zunahme der Rohstoffnachfrage.
Die Produktionsausweitung benötigt Zeit. Der Bloomberg Commodity Index hat seit Beginn der Corona-Krise 50 Prozent zugelegt. Er spiegelt die Preisentwicklung von 22 Rohstoffen wider. Damit liegen wir noch immer weit unterhalb des Preisniveaus des letzten Superzyklus.

Dr. Fritzi Köhler-Geib...

Quelle: KfW-Bildarchiv/Thorsten Futh
...ist Chefvolkswirtin der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau), eine global aufgestellte und weltweit führende Förder- und Entwicklungsbank. Köhler-Geib leitet die volkswirtschaftliche Abteilung der Bankengruppe. Sie analysiert die für die KfW relevanten Trends in Wirtschaft, Gesellschaft sowie auf den Finanzmärkten.
makro: Kupfer kostet soviel wie nie zuvor. Dabei gilt gerade Kupfer als Schlüsselrohstoff für Elektromobilität und Energiewende. Kann das ein echtes Problem werden?
Köhler-Geib: Kupfer notiert mittlerweile bei mehr als 10.000 Dollar pro Tonne und ist damit etwa doppelt so teuer wie im März 2020. Das Metall wird im Baugewerbe verwendet, spielt aber auch bei grünen Technologien eine zentrale Rolle. Es kommt beispielsweise bei der Herstellung von Batterien, Elektroautos, Solarmodulen und Windkraftanlagen zum Einsatz.
Neben der Konjunkturerholung treibt hier also auch ein langfristiger Strukturwandel die Nachfrage. Ein erhöhter Preis scheint daher auch auf längere Sicht möglich.
Deutschland sieht sich als Vorreiter beim Müllrecycling. Doch die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist groß. Dabei stecken im Müll eine Menge wertvoller Rohstoffe.
makro: Halbleiter, Plastik, Pappe, Getränkedosen - die Knappheit bei Rohstoffen frisst sich in die Produktionsketten - Unternehmen hamstern heute Vorprodukte für ihre Produktion wie Privatleute vor einem Jahr Klopapier. Wie problematisch sind die durch Lieferengpässe entstehenden Verwerfungen?
Köhler-Geib: Die Lieferengpässe führen dazu, dass die Produzenten ihre gut gefüllten Auftragsbücher kaum abarbeiten können:
Die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe liegen aktuell fast sieben Prozent über dem Niveau von Januar 2020, die Industrieproduktion aber noch fünf Prozent darunter.
Fritzi Köhler-Geib, KfW-Chefvolkswirtin
Die positiven Geschäftserwartungen deuten jedoch darauf hin, dass die Probleme temporärer Natur sind. Je schneller sich die Engpässe auflösen, desto besser ist es für die Konjunktur.

makro - das 3sat-Wirtschaftsmagazin

Quelle: 3sat
Über das Thema "Run auf Rohstoffe" berichtet das 3sat-Wirtschaftsmagazin makro am Dienstag, 08. Juni 2021, um 22.30 Uhr live in 3sat und jederzeit in der ZDF-Mediathek.
makro: Teure Rohstoffe, unsichere Lieferketten, steigende Frachtraten - das riecht nach Inflation. Die Frage ist: Erleben wir lediglich ein kurzfristiges Aufflackern oder ist die Inflation zurück?
Köhler-Geib: Für den derzeitigen Inflationsschub in Deutschland sind vor allem Basiseffekte verantwortlich, die 2022 wegfallen: Die Energiepreise sind im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen, damals waren sie besonders niedrig. Hinzu kommt die temporäre Mehrwertsteuersenkung im zweiten Halbjahr 2020. Auch das führt zu einem Anziehen der Inflation in den nächsten sechs Monaten.
Laut Statistischem Bundesamt ist die Gesamtherstellung der deutschen Industrie von März bis April um ein Prozent gesunken. Hauptgrund: Lieferengpässe und Rohstoffmangel.
Das Interview führte Carsten Meyer.

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