: Wie Erdogan das Finanzchaos bekämpfen will

von Anne Sophie Feil
09.06.2023 | 20:03 Uhr
Die türkische Lira wertet immer stärker ab und auch mit der Inflation sieht es in der Türkei nicht gut aus. Wird Erdogans neues Wirtschaftsteam dem Land aus der Krise helfen?
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat am Freitag eine neue Notenbankchefin und am vergangenen Wochenende einen neuen Finanzminister ernannt. Sie stehen vor großen Herausforderungen, da es um die türkische Wirtschaft zurzeit nicht gut steht.
Der Preisauftrieb in der Türkei ist enorm: Im Mai waren die Verbraucherpreise knapp 40 Prozent höher als im Vorjahr - und damit bereits niedriger als in den Vormonaten: Im April waren es noch knapp 44 Prozent, im Oktober vergangenen Jahres erreichte die Teuerung in der Türkei mit 85,5 Prozent den höchsten Wert der letzten 24 Jahre.
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Türkei-Opposition geht von höherer Inflation aus

Und das sind die offiziell gemeldeten Zahlen. Die Opposition zweifelt diese an und geht davon aus, dass die eigentliche Inflation höher liegt. Unabhängige Experten der Forschergruppe Enag geben an, dass die Verbraucherpreise im Mai zum Vorjahr um rund 109 Prozent gestiegen sind.
Zum Vergleich: In Deutschland lag die Inflationsrate im Mai bei 6,1 Prozent. Auf ähnlichem Niveau lag der Preisauftrieb in der Türkei zuletzt im Frühjahr 2016.

Erdogans Niedring-Zins-Politik als Inflationstreiber?

Fachleute schreiben sowohl den Währungsverfall als auch die Inflation unter anderem der von Erdogan gewünschten Niedrig-Zins-Politik zu. Vor seiner Wiederwahl im Mai hatte der Präsident immer wieder unter Druck gesetzt, die Zinsen trotz der sehr hohen Inflation niedrig zu halten und Verantwortliche mehrmals ausgetauscht.
Die klassische Volkswirtschaftslehre sieht vor, Zinsen im Kampf gegen die Teuerung anzuheben, wie es auch viele andere Notenbanken getan haben. Erdogan ist der gegensätzlichen Überzeugung, er bezeichnet sich selbst als "Zinsfeind" und versucht, die Wirtschaft mit billigem Geld anzuschieben.
So wirkt sich Zinspolitik laut der klassischen Volkswirtschaftslehre aus:

Was bewirken steigende Zinsen?

  • Kredite werden teurer: Die Konjunktur könnte ausgebremst werden, weil Unternehmen sich mit Investitionen zurückhalten und weniger Arbeitsplätze schaffen
  • Verbraucher konsumieren weniger und halten sich auch beim Immobilienkauf zurück
  • Finanz- und Immobilienblasen können platzen, wenn Kosten für Kredite steigen
  • In Dollar verschuldete Staaten geraten in Geldnöte, weil höhere Zinsen die Haushalte belasten
  • Dollar wird teurer, weil Kapital mit höheren Zinsen angelockt wird, entsprechend verteuern sich weltweit Öl und andere Rohstoffe und Güter, die in Dollar gehandelt werden

Was bewirkt Niedrigzinspolitik?

  • Konjunktur erhält durch günstige Kredite Impulse
  • Weltweite Verschuldung nimmt zu, weil Geld billig ist
  • Inflation steigt
  • Sparer verlieren Geld
  • gefährliche Blasenbildung im Finanz- und Immobiliensektor
Außerdem hatte der türkische Präsident Devisenkäufe veranlasst, um die Lira künstlich zu stützen. Die Vermutung: Damit sollten die Kaufkraft hochgehalten und ein positives Wirtschaftsklima vorgetäuscht werden, um die Wähler bei Laune zu halten. Nun sind die Reserven der Zentralbank leer und sie kann keine weiteren Stützungskäufe mehr leisten. Das dürfte die ohnehin noch hohe Inflation wieder weiter anheizen.

Lira auf Rekordtief zum Euro

Die Landeswährung Lira hat am Donnerstag ein Rekordtief zum Euro und am Freitag wiederholt ein Rekordtief zum US-Dollar erreicht. Seit Jahresbeginn hat die Lira gegenüber beiden Währungen mehr als 25 Prozent an Wert verloren. Auch das verschärft die Inflationsprobleme, denn die Türkei gilt als rohstoffarmes Land und muss viele Waren importieren, die durch die schwache Lira teurer werden.
Experten warnen vor weiteren wirtschaftlichen Turbulenzen, sollte die Politik ihren derzeitigen Kurs weiterführen. Doch es gibt auch Hoffnung: Am Wochenende hatte Erdogan das Amt des Wirtschaftsministers neu besetzt. Der Ökonom Mehmet Simsek steht - im Gegensatz zur bisherigen Strategie - für eine konventionelle marktorientierte Wirtschaftspolitik.

Erdogans Personalien im Kampf gegen die Inflation

Am Freitag ernannte Erdogan zudem die US-Finanzexpertin Hafize Gaye Erkan zur neuen Leiterin der türkischen Zentralbank. Als fünfte Notenbankchefin in vier Jahren löst sie Sahap Kavcioglu ab. Er setzte Erdogans Zinssenkungspolitik um und wurde jetzt zum Leiter der staatlichen Bankenaufsicht BDDK befördert. Erkan ist die erste Frau auf diesem Posten und hatte zuvor hohe Positionen bei den US-Banken Goldman Sachs und First Republic Bank inne.
Über ihre geldpolitische Haltung ist bisher nichts bekannt, da sie noch nicht in einer Notenbank tätig war. Die wichtigste Frage werde sein, "ob ihr Unabhängigkeit gewährt wird, um die Geldpolitik in Richtung einer 'rationalen Politik' zu steuern", meint etwa Selva Demiralp, Wirtschaftsprofessorin an der Koc-Universität und ehemalige Volkswirtin der US-Notenbank.
Um Glaubwürdigkeit zu gewinnen und die Markterwartungen mit einer Minimaldosis an Zinserhöhungen in der Spur zu halten, müsse Erkan sicherstellen, dass die Niedrigzinspolitik begraben werde. Dass der Präsident Erkan und Simsek jedoch tatsächlich gewähren lässt, wird von manchen Beobachtern bezweifelt.

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