Wirecard-Skandal - worum es heute geht

19.11.2020 | 12:50 Uhr
Nach einem gigantischen Finanzskandal versucht die Politik, den Skandal um Wirecard aufzuklären. Heute tagt der Untersuchungsausschuss. Worum es geht - ein Überblick.
Der langjährige Vorstandschef Markus Braun muss heute im Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal persönlich aussagen. Ermittler sehen ihn als Dreh- und Angelpunkt.
Im Juni meldete der Zahlungsdienstleister Wirecard angesichts eines 1,9 Milliarden Euro großen Lochs in der Bilanz Insolvenz wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung an. Es ist eine der größten Pleiten der Bundesrepublik, die das Vertrauen in den Finanzplatz Deutschland erschüttert hat.
Derzeit versucht ein Untersuchungsausschuss zu klären, inwieweit auch die Politik Fehler gemacht hat. Heute soll Ex-Vorstandschef Markus Braun vor dem Gremium aussagen. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen zum laufenden Wirecard-Skandal.

Wirecard-Skandal: Worum geht es?

Der inzwischen insolvente Dax-Konzern hatte im Sommer Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt. Das einst als deutsche Technologiehoffnung gehandelte Unternehmen saß als Dienstleister für bargeldlose Zahlungen an Ladenkassen und im Internet an der Schnittstelle zwischen Händlern und Kreditkartenfirmen - in einem hart umkämpften Markt.
Wie der Finanzskandal ans Licht kam:

2015 - Zeitung weist auf Ungereimtheiten hin

April: Die Zeitung "Financial Times" (FT) beginnt eine Artikelserie mit dem Namen "House of Wirecard", in der sie auf Ungereimtheiten hinweist. Im Laufe der Jahre werden die Vorwürfe immer konkreter.

2016 - BaFin erstattet Strafanzeige gegen Perring

Februar: Die von dem Börsenspekulanten Fraser Perring betriebene Firma Zatarra Research wirft Wirecard in einer im Internet verbreiteten Analyse betrügerische Machenschaften vor.

März: Die deutsche Finanzaufsichtsbehörde BaFin nimmt Perring und andere Investoren, die mit Leerverkäufen auf einen Absturz der Wirecard-Aktie gewettet hatten, wegen des Verdachts der Marktmanipulation ins Visier.

Mai: Die BaFin erstattet Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München wegen möglicher Marktmanipulationen gegen Perring und andere Investoren.

2017 - BaFin untersucht Kreditgeschäft der Wirecard Bank

Februar: Die BaFin-Bankenaufsicht prüft gemeinsam mit der Bundesbank, ob die Muttergesellschaft Wirecard AG als Finanzholding einzustufen ist. Ergebnis: Nein. Damit hat die Finanzaufsicht keinen Zugriff auf den Gesamtkonzern, nur auf die Wirecard Bank. Die EZB stimmt dieser Einschätzung später zu.

Juni/Juli: Die BaFin untersucht das Kreditgeschäft der Wirecard Bank bei einer Sonderprüfung.

2018 - Wirecard verdrängt Commerzbank aus dem Dax

Mai: Die Wirecard Bank soll direkte Tochter der Wirecard AG werden. Sie stellt einen entsprechenden Antrag bei der BaFin. Das löst ein Inhaberkontrollverfahren von BaFin, Bundesbank und EZB aus. Der Antrag wird im Januar 2019 positiv beschieden.

September: Wirecard verdrängt die Commerzbank aus dem Dax. Die Aktie steigt auf ein Rekordhoch von 199 Euro, der Börsenwert klettert auf fast 25 Milliarden Euro. Damit ist sie zu diesem Zeitpunkt mehr wert als die Deutsche Bank.

2019 - BaFin beauftragt Prüfer, Scholz wird informiert

Januar: Die "Financial Times" erhebt neue Vorwürfe gegen Wirecard. Es geht um mögliche Geldwäsche und Kontenfälschung in Asien, in die ein Wirecard-Manager in Singapur verwickelt sein soll. Weitere Artikel mit Vorwürfen der Bilanzfälschung gegen den Konzern folgen.

Februar: Die BaFin eröffnet eine Untersuchung im Zusammenhang mit der Berichterstattung. Sie nimmt Leerverkäufer, Journalisten und Verantwortliche von Wirecard wegen des Verdachts der Marktmanipulation und falscher beziehungsweise irreführender Angaben in der Finanzberichterstattung der Wirecard AG ins Visier.

15. Februar: Die BaFin beauftragt die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) mit einer Analyse der Wirecard-Bilanz.

18. Februar: Mit einem Leerverkaufsverbot untersagt die BaFin für zwei Monate Wetten auf Kursverluste der Wirecard-Aktie - ein einmaliger Vorgang.

19. Februar: Bundesfinanzminister Olaf Scholz wird informiert. Dem SPD-Politiker wird gesagt, dass die BaFin in alle Richtungen wegen Marktmanipulation ermittelt - also auch gegen Verantwortliche der Wirecard AG - und dass die DPR möglichen Bilanzunregelmäßigkeiten nachgeht.

8. März: Finanz-Staatssekretär Jörg Kukies sagt BaFin-Chef Felix Hufeld laut Darstellung des Finanzministeriums Unterstützung bei der Aufklärung zu.

10. April: Die BaFin erstattet Anzeige gegen zwei FT-Journalisten und Investoren wegen des Verdachts der Marktmanipulation.

15. April: Die BaFin brummt der Wirecard AG ein Bußgeld in Höhe von 1,52 Millionen Euro auf. Grund: verspätete Veröffentlichung von Geschäftsberichten.

24. April: Wirecard gewinnt den Telekommunikations- und Internet-Konzern Softbank als strategischen Partner. Das Bündnis mit dem renommierten japanischen Investor lässt Zweifel an dem deutschen Zahlungsabwickler in den Hintergrund treten.

18. Juni: Auf der bisher letzten Hauptversammlung findet das Wirecard-Management ein geteiltes Echo. Während die einen über "Chaostage" und Intransparenz schimpfen, jubeln andere über "Glücksmomente" angesichts der Aktienkursentwicklung, die trotz wiederholter Einbrüche aufwärts geht.

27. Juni: Staatssekretär Wolfgang Schmidt wendet sich an seinen chinesischen Ansprechpartner, um ihn über das Interesse von Wirecard am Eintritt in den chinesischen Markt zu informieren.

Juli: Sonderprüfung der BaFin bei der Wirecard Bank. Das Institut wird am 15. Juli unter Geldwäscheintensivaufsicht gestellt.

21. Oktober: Wirecard beauftragt die Wirtschaftsprüfer von KPMG mit einer Sonderprüfung, um die Vorwürfe der Bilanzfälschung endgültig zu entkräften.

5. November: Kukies trifft Wirecard-Chef Markus Braun. Ein Protokoll dazu gibt es nicht. Dem Bundesfinanzministerium zufolge ging es bei dem Gespräch um allgemeine Themen, die KPMG-Sonderprüfung sei nur in allgemeiner Form thematisiert worden.

2020 - Staatsanwaltschaft ermittelt, Unternehmen insolvent

11. Januar: An der Spitze des Aufsichtsrats löst der frühere Deutsche-Börse-Finanzvorstand Thomas Eichelmann (54) den pensionierten Banker Wulf Matthias (75) ab.

25. Februar: Behörden von Bayern und Bund sprechen nach Angaben beider Seiten erstmals über die Geldwäscheaufsicht bei der Wirecard AG. Laut Bundesfinanzministerium erklärt sich die Bezirksregierung von Niederbayern gegenüber der BaFin für zuständig. Später bestreitet Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, dass die Landesbehörde zuständig sei.

28. April: Die Wirtschaftsprüfer von KPMG stellen dem Unternehmen ein schlechtes Zeugnis aus. Für bestimmte Umsatzerlöse gebe es keine Nachweise, angebliche Einzahlungen auf Treuhandkonten in Höhe von rund einer Milliarde Euro wurden nicht hinreichend nachgewiesen, heißt es in einem Sonderbericht, den Wirecard selbst in Auftrag gegeben hatte. Konzernchef Braun hingegen sieht den in Medienberichten erhobenen Vorwurf der Bilanzfälschung als widerlegt an.

8. Mai: Der Wirecard-Aufsichtsrat beschneidet die Kompetenzen von Vorstandschef Braun. Dieser entschuldigt sich "für die Turbulenzen der vergangenen Wochen und Monate".

11. Mai: Das Strafverfahren gegen den Börsenspekulanten Fraser Perring wird gegen eine Geldauflage eingestellt, wie das Amtsgericht München mitteilt.

2. Juni: Die Finanzaufsicht BaFin zeigt den gesamten Vorstand wegen des Verdachts auf Marktmanipulation an. Die Behörden gehen dem Verdacht nach, dass die Vorstände im Rahmen der KPMG-Prüfung irreführende Angaben gemacht und dadurch den Börsenkurs manipuliert haben.

5. Juni: Razzia in der Wirecard-Zentrale in Aschheim

18. Juni: Die Wirtschaftsprüfer von EY verweigern Wirecard das Testat für die Bilanz für 2019, weil Belege über 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten auf den Philippinen fehlen. Die BaFin erstattet nun auch wegen Bilanzfälschung Anzeige. Wirecard suspendiert den für das operative Geschäft zuständigen Vorstand Jan Marsalek. Braun erklärt, das Unternehmen sei vermutlich Opfer "in einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßes".

19. Juni: Wirecard-Chef Braun tritt zurück. Der neue Compliance-Vorstand James Freis übernimmt den Chefposten.

22. Juni: Wirecard erklärt, dass die fraglichen Bankguthaben von 1,9 Milliarden Euro "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen". Die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen Bilanzfälschung. Braun stellt sich den Strafverfolgern. Marsalek wird gefeuert und taucht unter.

25. Juni: Der Dax-Konzern stellt einen Insolvenzantrag.

9. Juli: Die Staatsanwaltschaft München bestätigt, dass sie seit dem vergangenen Jahr wegen Geldwäscheverdachts gegen Wirecard-Verantwortliche ermittelt. Diesem Verdacht waren die Strafverfolger im vergangenen Jahrzehnt wiederholt nachgegangen, ohne jedoch fündig zu werden.

22. Juli: Die Staatsanwaltschaft München erklärt, dass Wirecard mindestens seit Ende 2015 Bilanzen gefälscht und Umsätze aufgebläht hat. Sie wirft der ehemaligen Wirecard-Führungsriege nun auch gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor. Geschäfte mit Drittpartnern in Asien seien erfunden worden, um das Unternehmen erfolgreicher aussehen zu lassen. Banken und andere Investoren hätten auf Basis der gefälschten Bilanzen 3,2 Milliarden Euro bereitgestellt, die voraussichtlich verloren seien. Braun, der zunächst gegen Kaution freigekommen war, muss nun doch in Untersuchungshaft. Auch gegen Ex-Finanzvorstand Burkhard Ley und seinen ehemaligen Chef-Buchhalter wurden Haftbefehle ausgestellt. Marsalek ist weiter auf der Flucht.

24. Juli: Scholz schlägt Konsequenzen aus dem Wirecard-Skandal vor. Das Papier, das er als "Aktionsplan der Bundesregierung" überschreibt, ist bei seiner Veröffentlichung aber nur mit dem SPD-geführten Justizministerium abgestimmt.

24. August: Der Essenslieferdienst Delivery Hero ersetzt Wirecard im Dax. Die Deutsche Börse hatte extra ihre Regeln geändert, um Wirecard schneller aus dem Leitindex verbannen zu können.

25. August: Das Amtsgericht München eröffnet das Insolvenzverfahren über die Wirecard AG. Der einstige Börsenstar wird zerschlagen, mehr als die Hälfte der rund 1300 Mitarbeiter in Deutschland erhalten die Kündigung. Die Gläubiger müssen sich auf hohe Verluste einstellen: Schulden von 3,2 Milliarden Euro stehen Vermögenswerten von rund 400 Millionen gegenüber.

1. September:
Die Opposition im Bundestag will zur politischen Aufarbeitung des Wirecard-Skandals einen Untersuchungsausschuss einsetzen. Nach AfD, FDP und Linke sind nun auch die Grünen dafür.

8. September: Untersuchungsausschuss um ehemaligen Dax-Konzern startet

Quelle: Reuters, dpa
Nach bisherigem Stand der Ermittlungen machte Wirecard jahrelang Verluste. Die Münchner Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass seit 2015 Scheingewinne ausgewiesen wurden.
Laut ZDF-Börsenexperte Bethmann sei der Skandal eine "Mischung aus Betrug, Bilanzmanipulation und Kontrollversagen".

Wirecard-Skandal: Wer wurde geschädigt?

Allein Banken und Investoren verloren nach ihren Berechnungen mehr als drei Milliarden Euro.
Doch sie sind nicht die einzigen Geschädigten, auch viele Aktionäre verloren Geld, weil die Wirecard-Aktie nach Bekanntwerden des Skandals rapide abstürzte.
Der Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal geht weiter. ZDF-Börsenexperte Bethmann ordnet ein.
Am Mittwoch wurde bekannt, dass nach der Pleite gut 11.500 Gläubiger Forderungen in Höhe von 12,4 Milliarden Euro angemeldet haben.
Diese Summe übersteigt die bisher erzielten Erlöse bei der Abwicklung des Konzerns um ein Vielfaches. Es gilt als ausgeschlossen, dass der Insolvenzverwalter die verlorenen Milliarden komplett zurückholt.
Laut ZDF-Börsenexperte Frank Bethmann müssten die Gläubiger damit rechnen, dass sie am Ende nur wenig Geld zurückbekämen.
Nach einer aktuellen Beispielrechnung mit einer Insolvenzmasse in Höhe von einer Milliarde Euro, liege die Insolvenzquote dann bei lediglich acht Prozent. Für eine Kapitalanlage von 10.000 Euro bekämen Anleger somit nur 800 Euro zurück. Nicht mit eingerechnet ist der entstandene Vertrauensschaden.
Der Betrug von Wirecard habe deswegen funktioniert, "weil sich alle im Glanz eines deutschen Weltmarktführers gesonnt haben", sagt der Journalist Volker ter Haseborg.

Wirecard-Untersuchungsausschuss: Worum geht es?

Der Ausschuss will aufdecken, ob das deutsche Fintech-Unternehmen als aufstrebender Börsenstar von den Aufsichtsbehörden trotz Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten mit Samthandschuhen angefasst wurde. Dabei geht es auch um Versäumnisse der Politik, weshalb die Kontakte Brauns relevant sein könnten.
Genau der soll heute zu dem Bilanzbetrug aussagen. Die Abgeordneten wollen den Ex-Manager vor allem zu seinen Kontakten zu Politik und Behörden befragen. Dass er sich zu möglichen kriminellen Machenschaften und den konkreten Betrugsvorwürfen der Staatsanwaltschaft äußert, wird als eher unwahrscheinlich eingeschätzt. Zeugen müssen sich nicht selbst belasten.
Systemversagen vor dem Ausschuss
Braun gilt als einer der Hauptverantwortlichen für Betrugsskandal. Er ist aber nicht der einzige Zeuge, der heute vor dem Ausschuss aussagen soll: Auch ein Mitglied des Wirecard-Aufsichtsrats, der frühere Leiter des Rechnungswesens sowie ein für die Wirecard-Tochter in Dubai verantwortlicher Manager werden befragt. Die beiden Manager sollen per Video zugeschaltet werden - wohl auch, damit sie Braun nicht begegnen.

Politik, Finanzaufsicht und Co. - wer steht in der Kritik?

Neben Wirecard selbst stehen in dem Fall die Finanzaufsicht Bafin und eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in der Kritik. Zentrale Fragen bei der politischen Aufarbeitung soll sein, wann die Bundesregierung von den Unregelmäßigkeiten wusste und ob sie zu wenig dagegen unternommen hat.
Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich im vergangenen Jahr bei einer China-Reise für Wirecard eingesetzt hatte, und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sollen im Untersuchungsausschuss als Zeugen befragt werden.
Scholz hat als Reaktion auf den Skandal einen Aktionsplan für eine Reform der Finanzaufsicht vorgelegt. Die Opposition wirft ihm allerdings vor, damit von eigenem Versagen als oberster Chef der Finanzaufsicht ablenken zu wollen.
Quelle: ZDF, dpa, reuters

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