: "Eine der schrecklichsten Fußball-Nächte"

15.10.2019 | 20:02 Uhr
Rassistischen Entgleisungen beim EM-Qualifikationsspiel der englischen Nationalmannschaft in Bulgarien (6:0) haben Entsetzen ausgelöst. Außerdem sorgten türkische Spieler mit ihrem Salut in Frankreich für Aufsehen.
Düsseldorfs Bundesliga-Spieler Kaan Ayhan hat sich nach dem 1:1 (0:0) der türkischen Fußball-Nationalmannschaft beim EM-Qualifikationsspiel in Frankreich dem militärischen Gruß einiger Mitspieler nach seinem Ausgleichstreffer in der 81. Minute nicht angeschlossen. Dabei hatte die Mehrzahl der türkischen Profis mit dem Militärgruß salutiert um damit die türkischen Streitkräfte zu unterstützen, die am Militäreinsatz gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien beteiligt sind. Dieser Einsatz wird international scharf kritisiert.

Disput zwischen Spielern

Auf Distanz: Kaan Ayhan (li.), türkischer Torschütze aus DüsseldorfQuelle: imago images/Le Pictorium
Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, habe es nach der politischen Geste einen kurzen Disput zwischen Verteidiger Merih Demiral von Juventus Turin und Ayhan gegeben. Demiral soll den Torschützen dazu animiert haben, ebenfalls zu salutieren. Dieser habe aber seinen Weg zurück aufs Feld fortgesetzt. Auch sein Düsseldorfer Teamkollege Kenan Karaman soll sich nicht an dem militärischen Jubel beteiligt haben.

Bereits nach einem ähnlichen Militärgruß nach dem 1:0-Sieg der Türken am Freitag gegen Albanien hatte die UEFA angekündigt, ein Verfahren gegen den türkischen Verband einzuleiten. Das Regelwerk des europäischen Verbandes verbietet politische Äußerungen in Stadien. Die Türkei-Profis hatten direkt nach dem Siegtreffer und später auch in der Kabine mit der Hand an der Stirn salutiert. Unter ihnen waren dort auch die beiden Ayhan und Karaman.

Pfannenstiels Einwurf

Fortunas Sportvorstand Lutz Pfannenstiel hatte danach umgehend das Gespräch mit beiden Spielern gesucht. Beide Akteure versicherten, dass es sich lediglich um eine Solidaritätsbekundung für Soldaten und ihre Angehörigen handelte, verbunden mit dem Wunsch, dass sie wieder gesund zu ihren Familien zurückkehren können. "Wir sind davon überzeugt, dass ihnen nichts ferner lag, als ein politisches Statement abzugeben", erklärte Pfannenstiel. Die Fortuna distanziere sich "in aller Deutlichkeit von jeglicher vermeintlich politisch motivierter Handlung, die gegen die Werte des Vereins verstößt".

Politische Äußerungen sind laut UEFA-Regularien verboten. Deswegen hat der Verband eine Untersuchung eingeleitet. Wie die UEFA am Dienstag mitteilte, wird aufgrund eines möglichen provokativen politischen Verhaltens der türkischen Profis ermittelt. Eine harte Strafe gilt allerdings als unwahrscheinlich, weil die UEFA den Spielern nachweisen müsste, dass sie mit der Geste die umstrittene Türkei-Offensive in Nordsyrien befürworten.

"Inakzeptable Situation"

Greg Clarke, der Vorsitzender des Verbandes FA, nannte das Geschehen bei Englands 6:0-Sieg gegen Bulgarien in Sofia "eine der schrecklichsten Nächte, die ich je im Fußball gesehen habe".
Coach Gareth Southgate zeigte sich trotz des klaren Sieges nach dem Match in Sofia betroffen: "Wir wissen, dass dies eine inakzeptable Situation ist, aber ich denke, wir haben es geschafft, zwei Aussagen zu treffen: Indem wir das Spiel gewonnen haben, aber auch indem wir alle auf die Situation aufmerksam gemacht haben, als das Spiel zweimal gestoppt wurde."

Das Spiel war in der ersten Halbzeit zweimal wegen rassistischer Äußerungen von bulgarischen Fans unterbrochen worden, mehrfach wurde von einheimischen Zuschauern auf der Tribüne der Hitlergruß gezeigt. Vor allen Debütant Tyrone Mings hatte sich bei seinem Länderspiel-Debüt mehrfach beim kroatischen Schiedsrichter Ivan Bebek beschwert, dass sein Teamgefährte Rahim Steerling bei jeder Ballberührung mit Affenlauten von der Tribüne diskreditiert wurde. Die Beleidigungen waren "ziemlich klar auf dem Platz zu hören, aber wir zeigten eine großartige Reaktion und ein großes Miteinander, und letztendlich haben wir den Fußball sprechen lassen".

Bulgarischer Verbandschef tritt zurück

Der Stadionsprecher warnte nach Aufforderung durch den Referee vor dem Abbruch der Partie. "Die unglücklichen Vorfälle im Spiel wurden so gut wie möglich behandelt und wir sind stolz darauf, wie wir damit umgegangen sind", twitterte der 26-jährige Mings von Aston Villa, "wir alle haben die Entscheidung getroffen. Wir sind glücklich, das wir auf das Spielfeld zurückgekehrt sind".
Nach den Vorfällen ist der bulgarische Verbandspräsident Boris Michailow unter dem großen öffentlichen Druck zurückgetreten. Die Entscheidung resultiere "aus den Spannungen der letzten Tage, die sich nachteilig auf den bulgarischen Fußball und die bulgarische Fußballunion auswirken".

Den Bulgaren droht auch am grünen Tisch noch Ungemach. Am Dienstagabend teilte die UEFA mit, dass ein Disziplinarverfahren gegen den bulgarischen Verband unter anderem aufgrund des rassistischen Verhaltens seiner Fans sowie des Werfens von Gegenständen eingeleitet wurde.

Quelle: dpa, sid, Video ZDF

EM-Qualifikation in Zahlen

ZDFheute Infografik

Estland - Deutschland