: USA: Neue Befunde zu Missbrauch schockieren

24.05.2023 | 12:43 Uhr
Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche im US-Bundesstaat Illinois ist viel größer als angenommen. Fast 2.000 Kinder sollen von 451 Geistlichen missbraucht worden sein.
Chefankläger Raoul möchte den Opfern mit dem Bericht eine Stimme geben.Quelle: dpa
Father Francis Kelly benutzte immer die gleichen Tricks. Er fuhr mit seinem Opfer ins Drive-in-Kino, lud sie ins Pfarrhaus ein und bot ihnen Bier an. Danach verging er sich an den Minderjährigen. So geschehen auch bei einem Mann, der sich im Büro des Chefanklägers von Illinois meldete, als er hörte, dass Kwame Raoul an einem Missbrauchsbericht über die katholische Kirche arbeitet.
Er sei damals elf Jahre alt gewesen, berichtete das mutmaßliche Opfer. Father Kelly habe ihn, den damaligen Messdiener, gezielt ausgesucht.
Der "Fall Kelly" ist einer von insgesamt 451 Geistlichen und Ordensleuten, die in dem am Dienstag (Ortszeit) von Generalstaatsanwalt Raoul vorgestellten Bericht glaubhaft des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen beschuldigt werden. Das sind viermal so viele Täter, wie die Kirche selbst benannt hat, seit sie 2018 begann, eine eigene Liste aufzustellen. Sie sollen sich zwischen den Jahren 1950 und 2019 an Kindern vergangen haben. Der Chefankläger beziffert die Zahl der Opfer mit 1.997.

Viele Täter kommen wohl niemals vor Gericht

"Es ist meine Hoffnung, dass dieser Bericht einen Scheinwerfer auf jene richtet, die ihre Machtposition und Vertrauen ausgenutzt haben, um unschuldige Kinder zu missbrauchen, und auf die Männer in der Kirchenführung, die diesen Missbrauch verdeckt haben", so Chefankläger Raoul.

Missbrauchsfälle sind in der Katholischen Kirche schon lange ein Thema, doch die Betroffenen sind über die Selbstaufklärung der Kirche unzufrieden. Ist der Staat stärker gefordert?

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Er räumte ein, dass viele der Täter "niemals vor einem Gericht zur Rechenschaft gezogen werden" könnten; entweder weil sie bereits gestorben oder ihre Taten verjährt seien. Dennoch bleibe es wichtig, ihre Namen publik zu machen, "um den Opfern beim Heilen zu helfen, die so lange im Stillen gelitten haben".

Kommission sollte Missbrauchsvorwürfen nachgehen

Chicagos Erzbischof, Kardinal Blase Cupich, bezeichnete die dokumentierten Missbräuche in seiner Kirche als widerlich. Er hoffe, "dass die Veröffentlichung dieses Reports eine Gelegenheit für den Generalstaatsanwalt sein wird, alle Erwachsenen zu mobilisieren, Kinder zu schützen", erklärte Cupich für die sechs Diözesen. "Ich bin bereit, weiter meinen Teil dazu beizutragen."
Bereits unter seinem Vor-Vorgänger Kardinal Joseph Bernadin (1982-1996) hatte Chicago als eine der ersten Erzbistümer eine Laien-Kommission eingesetzt, die Missbrauchsvorwürfen nachgehen sollte. Allerdings sei die Kirche oft genug nicht ihren eigenen Ansprüchen gerecht geworden, so der Bericht.

Die Erzdiözese München und Freising hat jetzt erklärt, dass sie sich nicht darauf berufen will, dass die Taten verjährt sind.

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Bericht will Opfern eine Stimme geben

Die Arbeit an dem Bericht für Illinois begann nach Vorlage des ersten bundesstaatlichen Missbrauchsreports 2018 in Pennsylvania. Eine Grand Jury hatte damals 300 Täter benannt, die über 70 Jahre mehr als 1.000 Minderjährige missbraucht hatten.
Raouls Vorgängerin Lisa Madigan motivierte das, in dem ebenfalls stark katholisch mitgeprägten Staat im Mittleren Westen zu ermitteln. Kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Amt gab Madigan einen harschen Zwischenbericht ab. Und ihr Nachfolger setzte die Ermittlungen mit einem Team von 25 Mitarbeitern fort.

Sexueller Missbrauch ist ein tiefsitzendes Problem der katholischen Kirche. Auch der Umgang von Benedikt XVI. mit dem Thema war ambivalent und stand immer wieder in der Kritik.

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Der Abschlussbericht betont, dass hinter den Zahlen individuelle Schicksale stehen. Er zitiert ein Opfer mit dem Namen "David". David berichtet, wie der sexuelle Missbrauch durch einen Priester sein Leben ruiniert habe - seelisch, finanziell und mental. Chefankläger Raoul sagt, das Wichtigste, was die Aufarbeitung leisten könne, sei die Anerkennung von Unrecht.
Wir geben den Opfern eine Stimme.
Kwame Raoul, Generalstaatsanwalt
Quelle: KNA