: Tutanchamun gibt noch immer Rätsel auf

von Mirko Drotschmann
20.11.2022 | 09:34 Uhr
Vor 100 Jahren entdeckte der britische Archäologe Howard Carter das Grab von Pharao Tutanchamun. Selbst heute sind noch nicht alle Rätsel um den Kindkönig gelöst.

In der Terra-X-Kolumne auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpert*innen jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun am 4. November 1922 war eine Sensation und ist es bis heute. Nicht nur weil das Grab mit der offiziellen Bezeichnung KV62 das bisher einzige (fast) unberaubte Königsgrab im Tal der Könige ist, sondern auch, weil es einen längst vergessenen Pharao der 18. Dynastie zurück ins Rampenlicht katapultierte.

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Als Tutanchamun starb, ging die Erinnerung an ihn schnell verloren, da alle Hinweise auf ihn bewusst getilgt wurden. Als naher Verwandter des sogenannten Ketzerkönigs Echnaton taucht sein Name in den offiziellen Königslisten nicht auf und seine königlichen Monumente wurden von Nachfolgern usurpiert.

Birgt Grab von Tutanchamun noch weitere Geheimnisse?

Im Jahr 2014 machte der englische Ägyptologe Nicholas Reeves mit der Vermutung Schlagzeilen, dass es weitere Räume im Grab des Tutanchamun geben könnte und dass diese vielleicht die Mumie der berühmten Nofretete beherbergen könnten. Nachdem Radarmessungen zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen, wurde Reeves Hypothese jedoch zurückgewiesen. Allerdings nur um wenige Jahre später wieder aufzutauchen.
Und Nicholas Reeves glaubt auch in der Dekoration des Grabes von Tutanchamun neue Hinweise darauf entdeckt zu haben, dass ursprünglich Nofretete hier bestattet werden sollte. Neue Ausgrabungen sind im Moment noch nicht geplant. Sie sind auch deshalb schwierig, weil dabei die Wanddekoration des Grabes in Mitleidenschaft gezogen würde.  

Wer war Tutanchamun?

Dank DNA-Untersuchungen sind heute drei Generationen von Vorfahren des Tutanchamun bekannt. Seine Urgroßeltern waren mütterlicherseits Juja und Tuja, väterlicherseits Pharao Thutmosis IV. und dessen Gemahlin Mutemwia, seine Großeltern Pharao Amenophis III und dessen Frau Teje.
Schwieriger wird es mit Tutanchamuns Eltern, deren Mumien zwar bekannt sind und auch, dass es sich wahrscheinlich um Geschwister handelte. Ihre Identität konnte bisher jedoch nicht zweifelsfrei geklärt werden. 
In einer Inschrift auf einem Block, der in den 1930er Jahren in Hermopolis gefunden wurde, ursprünglich wohl aber aus Echnatons Hauptstadt Achetaton stammte, wird "Tutanchaton" - wie Tutanchamun zunächst hieß - explizit als "leiblicher Königssohn" bezeichnet. Das heißt, sein Vater war ein Pharao. In Frage kommen eigentlich nur Echnaton selbst oder dessen Nachfolger Semenchkare, von dem es bisher nur sehr wenige Belege gibt.

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Dass für beide keine Söhne überliefert sind, ist nicht weiter verwunderlich. Anders als in späteren Zeiten, in denen z.B. Ramses II. lange Reihen seiner Kinder abbilden lässt, finden in der 18. Dynastie speziell die Söhne auf den offiziellen Königsdenkmälern nur selten Erwähnung.
Verheiratet war Tutanchamun mit einer Tochter Echnatons namens Anchesenamun, früher Anchesenaton genannt. Im Grab des Tutananchamun fand man zwei Miniatursärge mit lebensunfähigen Frühgeburten, wahrscheinlich Töchter des Paares. Anders als erhofft, konnte bei ihnen bisher keine DNA extrahiert werden, so dass eine Identifikation noch nicht möglich ist.

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Wo lebte Tutanchamuns Familie?

Amenophis III., Tutanchamuns Großvater, ließ sich eine riesige Palastanlage auf dem Westufer Thebens (heute Luxor) in Malqata anlegen. Aber als dessen Sohn, Amenophis IV., den Thron bestieg, stürzte dieser nur wenige Jahre später nicht nur den Hauptgott des Landes, Amun, zugunsten des Gottes Aton, er verließ auch die alte Hauptstadt Theben und gründete zusammen mit seiner Frau Nofretete eine neue Residenz: Achetaton (Amarna).
Darüber hinaus wechselte er seinen Namen, aus Amenophis - in dem das Wort Amun steckt - wurde Echnaton. Aber die Revolution dauerte nur wenige Jahre. Bereits Echnatons Nachfolger kehrte nach Theben - und wohl auch zur Verehrung des Gottes Amun - zurück.
Auch Tutanchaton bekannte sich zu Amun und benannte sich in Tutanchamun um. Auf einigen Gegenständen in seinem Grab, u.a. dem berühmten Thron, ist aber auch noch sein alter Name zu lesen.
Er verlegte die Residenz in den Norden des Landes nach Memphis. Spannend ist, welche neuen Erkenntnisse zu Tutanchamuns Familie eine kürzlich neu entdeckte Anlage in Theben bringen wird.

Die Forschung geht weiter

Auch wenn Tutanchamun und seine Familie schon mehr als 3.000 Jahre tot sind, so geben ihre - und andere Mumien - noch immer neue Geheimnisse preis. Gerade hat Zahi Hawass, der ehemalige Chef der Ägyptischen Antikenverwaltung, bekannt gegeben, dass es bald Neuigkeiten zu einer Mumie geben wird, die er für Nofretete hält.
Mit neuen wissenschaftlichen Methoden und immer besseren Untersuchungsmöglichkeiten könnte vielleicht auch noch die namentliche Identifizierung der Eltern Tutanchamuns gelingen. Vor allem die Untersuchung der Mumie eines jungen Prinzen, der zusammen mit der Mumie von Tutanchamuns Großmutter Teje und der Mumie seiner Mutter - die sogenannte younger lady - gefunden wurde, könnte neuen Aufschluss geben. Es bleibt spannend.

Tutanchamun ist die Ikone des Alten Ägypten. Dabei zählt der Kindkönig nicht zu den großen Pharaonen der ägyptischen Geschichte. Doch das Bild muss revidiert werden.

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Mirko Drotschmann ...

... ist Historiker und Journalist. Für Terra X erklärt er im TV historische Zusammenhänge und im Internet die Welt. Auf Youtube ist er bekannt als MrWissen2Go Geschichte und auch auf Instagram sorgt er für die tägliche Dosis an historischem Wissen. Außerdem ist er eingefleischter KSC-Fan.

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