: Arzneimangel: Lauterbachs teurer Plan

von Kristina Hofmann
05.04.2023 | 13:29 Uhr
Kein Penicillin, kein Fiebersaft: Minister Lauterbach will per Gesetz verhindern, dass Arzneimittel knapp sind. Kritiker sagen: Preise könnten steigen. Versicherungsbeiträge auch.

Viele Medikamente sind in Deutschland Mangelware. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will mit einem neuen Gesetz gegen Lieferengpässe vorgehen und die Preise neu regeln.

05.04.2023 | 01:52 min
Antibiotika, Krampflöser bei Epilepsie erkrankter Kinder, Paracetamol, Penicillin, Arzneimittel gegen Streptokokken-Infektion: Täglich kommen auf der Liste der Medikamente mit Lieferschwierigkeiten neue hinzu. Elf am Montag, zwölf am Dienstag, zwei bislang am Mittwoch, wie das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte auflistet.
Insgesamt sind es derzeit 13 Wirkstoffe, die bundesweit nicht mehr gleichmäßig zu bekommen sind. Die häufigste Begründung: Produktionsprobleme. Das will Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) jetzt ändern.

Lauterbach: Kosten derzeit nicht abschätzbar

Das Bundeskabinett hat deswegen am Mittwoch einen Gesetzentwurf verabschiedet, wodurch es wieder mehr Sicherheit bei der Lieferung von Medikamenten geben soll. Minister Lauterbach verspricht sich davon viel, vor allem für die Versorgung der Kinder. Er wolle nicht noch einmal wie in diesem Winter erleben, dass für sie Medikamente in Deutschland nicht besorgt werden können, in den Niederlanden aber schon:
Lieferengpässe wie im jüngsten Winter wollen wir vermeiden.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD)
Man habe es in der Arzneimittelversorgung mit der der "Ökonomisierung übertrieben", sagt Lauterbach. Das wolle man nun "mit Augenmaß" korrigieren. Konkret ist im Gesetzentwurf, den der Bundestag noch diskutieren und verabschieden muss, beispielsweise geplant:
  • Bei Kindermedikamenten sollen Fest- und Rabattverträge abgeschafft werden. Pharmafirmen können ihre Abgabepreise einmalig um bis zu 50 Prozent des zuletzt geltenden Festbetrages anheben. Die Preissteigerungen würden dann die Krankenkassen ausgleichen. Dadurch, so Lauterbach, soll es für Pharmafirmen attraktiver werden, Medikamente für Kinder herzustellen.
  • Bei Antibiotika sollen nicht nur die billigsten Anbieter zum Zug kommen, sondern auch europäische Hersteller. Damit soll vermieden werden, dass nur Hersteller aus China oder Indien berücksichtigt werden. "Ein Sprung nach vorn", so Lauterbach könnte das sein. Später könnten Krebsmedikamente dazu kommen, bis dahin könnten sie knapp bleiben. Wenn das "bei Antibiotika gut klappt, weiten wir aus".
  • Apotheken sollen sich leichter untereinander austauschen können, wenn ein Arzneimittel knapp ist.
  • Ein Frühwarnsystem soll drohende Lieferengpässe verhindern, indem Pharmahersteller mehr Informationen dazu geben müssen.
  • Krankenhäuser sollen besser an Medikamente für die intensivmedizinische Versorgung kommen.
  • Es sollen Vorräte für wichtige Medikamente für drei Monate angelegt werden.
Die Kosten für die Krankenkassen, die das Paket bezahlen müssen, lassen sich laut Lauterbach derzeit nicht abschätzen. Er gehe von einem "mittleren dreistelligen Millionenbetrag" aus.

Leere Regale, verzweifelte Patienten

31.01.2023 | 08:23 min

Kritik: Mehr Geld für Pharma hilft nicht

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen ist skeptisch, ob Lauterbachs Pläne aufgehen. Es gebe seit Jahren das Problem, dass die Pharmaindustrie ihren Lieferverpflichtungen nicht nachkomme, sagt Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherungen, dem ZDF. Als Reaktion solle es jetzt mehr Geld für die Pharmaindustrie geben.
Wir glauben, dass ist das falsche Mittel, um das Problem zu beheben.
Florian Lanz, Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen
Das werde nur die Krankenkassenbeiträge erhöhen, ohne dass die Versorgung wirklich besser werde, so Lanz. Es brauche stattdessen früher Transparenz, wo es Lieferschwierigkeiten gibt und eine Pflicht auf Vorräte bei allen wichtigen Medikamenten.
Zudem müssten der ganze Markt so organisiert werden, dass nicht die weltweite Versorgung von einem Produktionsstandort abhängig ist, sondern es müsse mehrere, in sich geschlossene Lieferketten geben.

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