Interview

: Experte: "Wäre fatale Schlappe für die CIA"

02.04.2024 | 19:23 Uhr
Als "Havanna-Syndrom" sind Gesundheitsprobleme bei Diplomaten bekannt geworden. Steckt Russland dahinter? Eine Einschätzung von Geheimdienst-Experte Adrian Hänni bei ZDFheute live.

Geheimdienste leben von ihrem Mythos, sagt Geheimdienstexperte Adrian Hänni. Sollte es Russland gelungen sein US-Diplomaten anzugreifen, wäre das ein großer Imageverlust der CIA.

02.04.2024 | 13:59 min
Als "Havanna-Syndrom" werden rätselhafte Symptome wie Kopfschmerzen, Hörverlust, Schwindel und Übelkeit zusammengefasst. Erstmals aufgefallen waren diese Symptome bei US-Diplomaten und ihren Angehörigen in der kubanischen Hauptstadt Havanna - deshalb der Name.
Auch an anderen Orten der Welt wurden ähnliche Beschwerden gemeldet. Betroffene gaben an, dass die Symptome begannen, nachdem sie etwa ein seltsames Geräusch hörten oder starken Druck in ihrem Kopf spürten.
Am Montag hatten Journalisten des "Spiegel" gemeinsam mit Kollegen des US-Nachrichtenmagazins "60 Minutes" (CBS) und des russischen Portals "The Insider" eine Recherche veröffentlicht, die darlegt, warum hinter dem "Havanna-Syndrom" womöglich Angriffe des russischen Geheimdienstes stecken könnten.
Geheimdienst-Experte Adrian Hänni erklärt im Interview bei ZDFheute live die Hintergründe.
Sehen Sie das ganze Interview oben im Video und lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagt Adrian Hänni ...

... zur Spur nach Russland

Es ist eine Spur, aber noch kein rauchender Colt. Es gibt noch keinen Beweis, dass tatsächlich russische Geheimdienste hinter dem Havanna-Syndrom stecken.
Adrian Hänni, Geheimdienst-Experte
Aber die neuen Enthüllungen seien "durchaus interessant", so Hänni. "Sie sind in sich stimmig, sie sind plausibel, sie passen auch zu dem Kontextwissen, das wir haben, aber es ist letztlich noch sehr viel Korrelation, aber noch keine Kausalität."

Die Medienlandschaft in den USA greife die neuen Erkenntnisse zum Havanna-Syndrom zwar auf. Doch das Weiße Haus hat noch keine offizielle Stellungnahme abgegeben, sagt US-Korrespondent Elmar Theveßen.

02.04.2024 | 07:21 min

... zur Technik hinter solchen Angriffen:

Grundsätzlich gebe es zwei verschiedene mögliche Energiewaffen, die für derartige Angriffe eingesetzt werden könnten:
  • Mikrowellen, also pulsierte Mikrowellenenergie
  • Akustische Wellen mit hoher Frequenz, im Prinzip Ultraschall.
In beiden Fällen würde man tragbare Waffen einsetzen, die man höchstwahrscheinlich mit einem Auto in die Nähe des Ziels bringen würde, erklärt Hänni. Man müsse relativ nah an das Ziel herankommen und dann aus einer Distanz von zehn bis vielleicht 100 Metern das Ziel ins Visier nehmen. 

... zu den Gründen für solche Geheimdienstangriffe

"Wenn wir das Gedankenspiel zu Ende spielen und davon ausgehen, dass tatsächlich die russischen Geheimdienste (...) hinter diesen Angriffen stehen würden, dann wäre die Logik sehr klar", sagt der Geheimdienstexperte Hänni.
In diesem Fall gehe es bei den Angriffen sicherlich darum, "die amerikanischen Geheimdienstmitarbeiter global unter Stress zu setzen und vor allen Dingen ihre operative Tätigkeit zu behindern, also zu verhindern, dass die amerikanischen Geheimdienste selber aus ihren Botschaften heraus in diesen verschiedenen Zielländern eben Operationen durchführen können".
Dazu zählt Hänni Operationen, die sich gegen russische Geheimdienste richten oder gegen Interessen Russlands.

Wohl seit 2014 treten bei hunderten US-Bediensteten weltweit mysteriöse Gesundheitsbeschwerden auf. Neuen Recherchen zufolge führt die Spur jetzt zum russischen Geheimdienst GRU.

02.04.2024 | 01:25 min

... zu möglichen Folgen für die USA

Es wäre tatsächlich eine fatale Schlappe für die CIA und die amerikanischen Geheimdienste, wenn man tatsächlich über mehrere Jahre hinweg sich wiederholende Angriffe auf das eigene Personal (...) nicht erkannt und auch nicht abgewehrt hätte.
Adrian Hänni, Geheimdienst-Experte
Hänni sieht dabei vor allem zwei Punkte:
  • Die Rekrutierung neuer Mitarbeiter in den USA, gerade für Auslandseinsätze, könnte erschwert werden, wenn der Arbeitgeber keinen Schutz gewährleisten könne.
  • Es sei aber auch deshalb ein Schlag, weil der Mythos der Stärke und der Glaube an die Macht der CIA beschädigt wäre.

... zur Gruppe 29155, die möglicherweise hinter den Angriffen steckt

Die Gruppe 29155, die die Angriffe womöglich verübt haben könnte, sei "eine sehr bekannte Gruppe, eine paramilitärische Einheit innerhalb des GRU, also des militärischen Geheimdienstes Russlands", sagt Hänni. Es sei eine Einheit, die keine klassische Spionage betreibe. "Sie führen gewalttätige Operationen durch." Dazu gehörten laut Hänni Sabotage-Aktionen, aber auch Tötungsoperationen.
Die ganze Sendung zum Thema sehen Sie hier:

Hunderte US-Diplomaten berichten über rätselhafte Gesundheitsprobleme. Medienberichte zeigen: Russland könnte dahinterstecken. ZDFheute live mit Geheimdienstexperte Adrian Hänni.

02.04.2024 | 25:37 min
Quelle: dpa, ZDF

Mehr zum Havanna-Syndrom