: Der tägliche Albtraum der Ukrainer

von Daniel Sich
30.11.2023 | 16:05 Uhr
Alltag im Ausnahmezustand. Auf einer Reportagereise durch die Ukraine trifft Markus Lanz auf eine traumatisierte Gesellschaft.

Der Angriff der russischen Streitkräfte am 24. Februar 2022 veränderte das Leben der Ukrainerinnen und Ukrainer in allen nur erdenklichen Bereichen.

28.11.2023 | 62:18 min
Fast zwei Jahre sind seit dem Beginn des russischen Angriff auf die Ukraine vergangen. Die ukrainische Gesellschaft hat sich damals für den Kampf entschieden, mit allen Konsequenzen. Wie sehen die Ukrainer und Ukrainerinnen hier ihre Zukunft? Wie soll es weitergehen? Markus Lanz trifft auf seiner Reportagereise auf viele unterschiedliche Menschen.
In Cherson, direkt an der Front, sind die Soldatinnen Natalia und Anna stationiert. Beide Frauen leben hier, haben Kinder. Natalia trauert ihrem alten Leben nach:
Ich war Geschäftsfrau, wir hatten ein gutes Leben, ein schönes Auto, ein Business.
Natalia, ukrainische Soldatin
Jetzt kämpfen die beiden Frauen für ihre Zukunft und die ihres Landes. "Meine Tochter versteht, dass ihre Mama bei der Armee kämpft, um ihre Kinder zu verteidigen", sagt Anna.

Die russischen Angriffe gehen unvermindert weiter: Insbesondere die Stadt Awdijiwka bleibt heftig umkämpft. Noch kann sich die Ukraine gegen die russischen Truppen verteidigen.

29.11.2023 | 01:29 min

Narben von der Front

In der Stadt Irpin ist Sylenko auf Fronturlaub. Explosionen haben sein Gesicht entstellt. Nach dem Krieg, erzählt der Soldat, wird er nach Iwano-Frankiwsk fahren, dort stellen Amerikaner sein Gesicht wieder her. Auch die Zähne werden gemacht und die Finger. Doch vorher geht es zurück nach Bachmut an die Front.
Seine Prognose für ein Ende des Krieges: "Viele werden dann ohne Arme oder Beine sein, aber wir werden das überleben."
Was der Krieg mit den Menschen in der Ukraine gemacht hat, beschreibt Misha Hursh, ein Freiwilliger des amerikanischen International Service Of The Lord, so:
Alle Träume, für die sie gearbeitet haben, sind zerstört worden.
Misha Hursh
Viele Ukrainer erleben gerade die Hölle auf Erden. Manche haben ihr ganzes Leben gearbeitet, für ihr Haus, für ihren Hof. Jetzt haben sie keine Ernte mehr. Können die Pacht für die Felder nicht zahlen, haben alles verloren. Auch wenn der Krieg eines Tages enden wird - ihr Leben wird nie mehr so sein wie vorher.

Traumatisierte Familien hoffen auf Neuanfang

Auch Familie Stepanenko hofft auf einen Neuanfang. Hinter ihr liegt die traumatische Erfahrung vom 8. April 2022. Gemeinsam mit tausend weiteren Flüchtlingen wartet die Familie am Bahnhof von Kramatorsk auf ihre Evakuierung - als russische Raketen einschlagen. Und alles verändern. Jana, eine Kriegsversehrte aus Kramatorsk, berichtet:
Überall liefen Leute herum. Alle hatten Blut im Gesicht.
Jana
Mutter Natalia erinnert sich: "Als ich meine Augen wieder aufmachte, lagen da Tanja und Jana. Ich sah auf ihre Beine - da waren keine Schuhe mehr." Ärzte konnten ihr Leben retten, für die Anfertigung der Prothesen wurden sie sogar in die USA geflogen. Die Familie kehrte auf eigenen Wunsch in die Ukraine zurück.

In Cherson versuchen sich die Menschen in Sicherheit zu bringen.

24.11.2023 | 02:14 min

Junge Ukrainer schwören Rache

Beim Massaker von Butscha wurden mehr als 400 Zivilisten von russischen Truppen gefoltert und hingerichtet. Markus Lanz trifft auf seiner Reportagereise den Jugendlichen Bohdan. Er hat alles miterlebt: "Vor unserem Haus steht so eine Art Waldhütte. Deshalb haben die Russen uns nicht entdeckt." Über das Erlebte kann er mit niemandem sprechen. Dafür schwört er Rache: "Sobald ich 18 bin, werde ich die Russen vernichten." Die Fotografin Zoya Shu betont:
Für uns ist das ein existenzieller Krieg. Entweder wir überleben - oder nicht.
Zoya Shu

Die Ukraine verteidigt sich mit schwindender Munition und fürchtet einen weiteren Winter ohne Strom.

26.11.2023 | 01:33 min

"Nur einer von 100 russischen Soldaten überlebt und landet hier"

Ins ukrainische Hauptquartier für Gefangenenaustausch in Kiew kommen Angehörige von vermissten Soldaten, die auf ein Lebenszeichen hoffen. Die letzte Hoffnung ist ein Gefangenenaustausch. Tausende Männer sind derzeit im offiziell einzigen Lager der Ukraine für russische Kriegsgefangene inhaftiert.
Die genaue Lage des Camps ist geheim. Petro Yatsenko, Pressesprecher der ukrainischen Kriegsgefangenen-Koordination, erklärt: "Die Personen, die sich in unseren Lagern befinden, hatten Glück. Denn nur einer von 100 russischen Soldaten überlebt und landet hier."

Die Nato wolle eine drohende Ukraine-Müdigkeit verhindern, so Brüssel-Korrespondent Florian Neuhann. Es werde zwar geholfen, dies reiche aber derzeit nicht aus.

28.11.2023 | 02:19 min
Viele Inhaftierte kommen direkt aus russischen Gefängnissen, wurden für den Krieg mit großen Versprechungen geködert. Der verurteilte Mörder Walerij berichtet: "Wir hatten vorher nicht mal Training oder Schießübungen, nichts. Es ging direkt an die Front, in den Einsatz. Als wir dann bombardiert wurden, sind alle abgehauen. Nur wir Häftlinge konnten nicht fliehen. Denn hinter der Frontlinie gab es Sperreinheiten, die sofort auf uns geschossen hätten."
Wir Knackis sind Kanonenfutter, wir werden einfach reingeworfen, um an der Front in Stücke gerissen zu werden.
Walerij, russischer Kriegsgefangener

Täter und Opfer zugleich

Diese russischen Männer sind beides: Täter und Opfer. Doch woher kommt diese russische Brutalität? Ist es Hass? Man kann es nicht erklären.
Serhiy, ein Rettungssanitäter aus Butscha, erzählt: "Wir haben sie mehr als einmal gefragt: "Was wollt ihr hier?". "Wir", sagten sie, "bringen den Frieden." Ich fragte: "Welchen Frieden? Warum liegen all diese Menschen auf dem Friedhof? Warum habt ihr sie mit Mörsern beschossen? Jungs, bei uns in der Ukraine ist alles gut. Was wollt ihr hier?"
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