: Was von Olympia in Sarajevo geblieben ist

von Laura Meyer, Wien
08.02.2024 | 15:00 Uhr
1984 schaute die Welt nach Sarajevo: die ersten Olympischen Winterspiele auf sozialistischem Boden. Nur acht Jahre später folgte die Belagerung der Stadt. Übrig ist Nostalgie.

Vor 40 Jahren wurden die Olympischen Winterspiele in Sarajevo eröffnet. Was ist von dieser friedlichen Zeit, die das Land einte, heute noch übrig?

08.02.2024 | 01:55 min
1984 war der Krieg noch weit weg, als die ganze Welt nach Jugoslawien blickte: Zehn Tage lang kämpften Sportler*innen bei den Olympischen Spielen in Sarajevo um Medaillen, wurden als Held*innen gefeiert und die ganze Stadt fieberte mit. Eine Erinnerung, "die schönste", sagt eine Bewohnerin der Stadt. Der Schnee fiel pünktlich zur Eröffnungsfeier am 8. Februar 1984. Wie im Märchen, sagen manche.

Olympia brachte massive Investitionen in die Stadt

Die Stadt bereitete sich monatelang vor, es wurden neue Straßen und Stadien gebaut. Politisch wie wirtschaftlich ein wichtiges Ereignis. Erstmals fanden Olympische Winterspiele in einem sozialistischen Staat statt, vier Jahre nach dem Tod des jugoslawischen Staatspräsidenten Josep Broz Tito.

Vor 40 Jahren schaute die ganze Welt nach Sarajevo: die ersten olympischen Winterspiele auf sozialistischem Boden fanden dort statt.

08.02.2024 | 01:55 min

Olympische Spiele einten die Menschen in Sarajevo

Es war auch ein innenpolitisches Zeichen in Sarajevo Einheit zu zeigen. Olympia einte die Menschen in Jugoslawien und auf der ganzen Welt, sagt Ahmed Karabegović.
Der damalige Generalsekretär des Olympischen Komitees, mittlerweile 90 Jahre alt, erinnert sich gerne zurück an die Zeit als Sarajevo für elf Tage "das Zentrum der Welt" war. "Alle Institutionen des Staates standen ernsthaft hinter den Spielen. Die Bürger von Sarajevo waren mit ganzer Seele dabei. Ich denke, dass dies eines der wichtigsten Merkmale dieses historischen Ereignisses ist," sagt Karabegović.
Alle Bürger von Sarajevo sind sich bewusst, dass die Olympischen Spiele eine goldene Seite in der Geschichte dieser Stadt geschrieben haben.
Ahmed Karabegović, Generalsekretär Organisationskomitee Olympische Winterspiele 1984
Erst durch die Austragung der olympischen Winterspiele wurde Sarajevo ein Wintersportort, vorher verband man mit Biathlon und Skilaufen in Jugoslawien eher die Teilrepublik Slowenien. Ein touristischer Aufstieg für das wirtschaftlich schwache Bosnien. Vom Glanz und Glamour der Achtziger ist heute allerdings wenig übrig, die Spielstätten wurden während der Belagerung Sarajevo zerstört und teilweise nicht wieder aufgebaut.

Vor 40 Jahren fanden in Sarajevo die Olympischen Winterspiele statt – Jahre später bricht der Bosnienkrieg aus. Ruinen der Sportanlagen erinnern an glorreiche Zeiten.

07.02.2024 | 11:25 min

Spielstätten im Bosnienkrieg teils zerstört

Fast vier Jahre wurde Sarajevo während des Krieges um die Unabhängigkeit von Jugoslawien belagert, Hunderttausende Menschen wurden getötet. Aus den Bänken der Zetra-Halle, in der Kati Witt 1984 ihr erstes olympisches Gold holte, wurden Särge gebaut, nebenan ein Friedhof errichtet.
Die 1992 abgebrannte Zetra-Halle ist wieder aufgebaut und dient heute als Event-Location. Am Bjelašnica, dem Austragungsort der Ski-Wettkämpfe der Männer, fahren heute Tourist*innen und Einheimische wieder Ski, moderne neue Hotels wurden errichtet. Die riesigen olympischen Skisprungschanzen und die Bobbahn am Olympia-Berg Trebević liegen dagegen brach. Um sie wieder aufzubauen, fehlt Geld - und eine politische Einheit, um solch große Projekte anzugehen.
An der olympischen Bobbahn bei Sarajevo kann man heute wandern und spazieren gehen. Wintersportwettkämpfe haben hier schon lange nicht mehr stattgefunden - die Bahn zerfällt. Quelle: ZDF/ Anna Grösch

Nationalismus im Vordergrund

Noch immer bestimmen nationalistische Tendenzen die Politik. Bibija Kerla, die damals als Eisschnellläuferin für Jugoslawien antrat, erinnert sich:
Das größte Problem ist der Nationalismus in Bosnien und Herzegowina, der vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg in den Vordergrund trat.
Bibija Kerla, ehemalige Eisschnellläuferin
Politiker hätten das Gefühl gehabt, so Kerla, dass sie nur überleben könnten, wenn sie Nationalisten wären.
Sarajevo und ganz Bosnien und Herzegowina seien geteilt, in drei Ethnien, die immer mehr für sich selbst leben, statt miteinander, sagt sie. Was von Olympia übrig bleibt, ist vor allem Nostalgie - und das Wissen, dass man etwas Großes leisten konnte. Den olympischen Geist spürt man jedenfalls noch immer - und die positive Erinnerung eint die Menschen.

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