: Wie Schweden gegen Bandenkriminalität kämpft

von Claas Thomsen, Schweden
21.06.2024 | 11:15 Uhr
Im einst so idyllischen Schweden rumort es. Seit Jahren fordern Schießereien und Bombenexplosionen im Gang-Milieu die liberale Gesellschaft heraus. Der Staat sucht eine Lösung.

Ausgerechnet im idyllischen Schweden steigt die Mordrate. Staat und Politik scheinen hilflos gegenüber der ausufernden Bandengewalt. Die Täter werden immer jünger.

15.05.2024 | 06:27 min
13.000 Euro - so viel Geld sollen drei Jugendliche pro Kopf für drei Morde in Schweden bekommen haben. Die mutmaßlichen Bandenmitglieder stehen gerade vor Gericht. Ein 16-Jähriger soll die Morde an einem Familienvater und zwei Frauen begangen haben, mit Unterstützung von einem Freund und einer Freundin. Auftraggeber, so die Ermittlungen der Polizei, sei ein Bandenchef.
Morde geschehen hier am hellichten Tag, so auch kürzlich am 10. April. Der 39-jährige Familienvater Mikael Janicki wird in einer Unterführung in einem Stockholmer Vorort erschossen. Vor den Augen seines 12-jährigen Sohnes, auf dem Weg ins Schwimmbad. Die Bandengewalt in Schweden erschüttert das Land.

Bandenkriminalität: Das Gesetz der Straße

07.02.2023 | 11:49 min
"Es fühlt sich so an, als hätten die Gangs die Macht übernommen", sagt seine Schwester Aneta Demir. "Dass wir uns ihnen anpassen müssen und sie genau wissen, was sie tun dürfen."
Und werden sie erwischt, gibt es keine gefährlichen Strafen, die sie zum Nachdenken bringen.
Aneta Demir, Schwester eines Mordopfers
Mikael hatte in der Unterführung, in der oft Drogen verkauft werden, offenbar ein paar Jugendliche zur Rede gestellt. Kürzlich wurde ein 18-jähriger Tatverdächtiger mit irakischen Wurzeln festgenommen, der zur Tatzeit 17 Jahre alt war. Zum Stand der Ermittlungen gegen ihn teilte die Polizei bislang nichts mit.

Seit Jahren hat Schweden ein Problem mit Bandenkriminalität – zunehmend häufig mit tödlichen Zwischenfällen. Jetzt soll das Militär eingreifen.

29.09.2023 | 01:30 min

Bandengewalt in schwedischen Vororten

Lange galt die Gewalt der Jugendgangs als Phänomen der sogenannten Problemviertel schwedischer Großstädte, in denen vor allem Migranten leben. Doch inzwischen ist die Gewalt allgegenwärtig. Statistisch gesehen starb in den vergangenen Jahren fast täglich ein Mensch in Schweden durch Schusswaffen-Gewalt. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl so viel wie nirgendwo sonst in Europa.

Mordrate in Schweden steigt schon länger

  • In ganz Westeuropa gingen die Mordraten seit den 1990er-Jahren zurück. Nicht in Schweden. Das Land hat die höchste Rate in Europa.
  • Im Jahr 2022 ist im Schnitt jede Woche mindestens eine Person erschossen worden. Laut einer Polizeistatistik kam es im vergangnen Jahr zu 388 Schusswaffenvorfällen, 62 Menschen starben – so viele wie nie zuvor innerhalb eines Jahres. Über 100 wurden verletzt. In den Nachbarländern Dänemark und Norwegen wurden in der gleichen Zeit je vier und in Finnland zwei Menschen getötet.
  • Im Jahr 2023starben allein im Monat September elf Menschen. Insgesamt wurden 53 Tote gezählt.
  • In der Hauptstadt Stockholm liegt die "Mordrate pro Kopf 30-mal höher als in London" (Wall Street Journal).
  • Die Zahl der Gangmitglieder in Schweden wird auf 30.000 geschätzt.

(Quellen: Wall Street Journal, Stern, dpa)

Offen zur Schau getragene Gewalt werde bewusst in Szene gesetzt, so Daniel Vesterhav vom Rat zur Gewaltprävention, einem Institut, das die Entwicklung der landesweiten Kriminalität im Auftrag des Justizministeriums untersucht. "Wir nennen es Einschüchterungskapital", erklärt der Wissenschaftler.
Es dient dazu, seinen Ruf zu festigen, seine Position im kriminellen Milieu zu halten.
Daniel Vesterhav Rat zur Gewaltprävention
Hinter den Gangs mit ihren oft jugendlichen, noch strafunmündigen Mitgliedern stecke organisierte Kriminalität, so die schwedische Polizei. Drahtzieher, wie den irakischen Kurden Rawa Majid oder seinen Konkurrenten Ismail Abdo, vermutet sie in der Türkei.

Die Bandenkriminalität in Schweden scheint zunehmend außer Kontrolle.

03.11.2023 | 02:21 min
"Diese Banden", weiß Polizist Saman Asad, "verkaufen den jungen Leuten ein Image von viel Geld und teuren Autos." Doch am Ende hätten die Jugendlichen in den Gangs nur noch Angst um ihr Leben.

Mehr Überwachung soll Sicherheit bringen

"Wir waren einfach zu naiv", meint der Bestseller-Autor und Jurist Jens Lapidus. Als Strafverteidiger sammelte er Erfahrungen mit den jungen Gang-Mitgliedern. "Als so viele Menschen in unser Land kamen, dachten wir, sie fügen sich in unser System ein und sind am Ende einfach nett."
Eine Statistik des Instituts Brå zeigte 2018, dass die Wahrscheinlichkeit, strafrechtlich in Schweden in Erscheinung zu treten, bei zwei im Ausland geborenen Eltern drei Mal höher ist als bei zwei in Schweden geborenen Eltern.

Schweden hat seit Jahren ein Problem mit Bandenkriminalität. Kann das Militär helfen?

29.09.2023 | 01:29 min
Der Staat reagiert. Mit mehr Kameras, mehr Polizei, härteren Gesetzen. Doch die rechten Schwedendemokraten, die die bürgerliche Minderheitsregierung stützen, fordern mehr. "Mit Integration wird man das Problem nicht lösen", so Parteisprecher Richard Jomshof. "Man muss vielmehr die Einwanderung reduzieren und diejenigen, die kein produktiver Teil unserer Gesellschaft sein wollen, zurückschicken."
Selbst die Polizei soll inzwischen unterwandert sein. Bis zu 30 Beamte sollen die Gangs jahrelang mit Informationen zu geplanten Razzien und Abhöraktionen versorgt haben.
Claas Thomsen ist Reporter im ZDF-Landesstudio Schleswig-Holstein.

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