: Europas Tier- und Pflanzenwelt enorm bedroht

von Andreas Stamm
08.11.2023 | 19:00 Uhr
Es ist neben dem Klimawandel die zweite globale Umweltkrise: das Artensterben. Eine neue Studie hält das Ausmaß in Europa für unterschätzt, erklärt jede fünfte Art für gefährdet.
Der Luchs gehört zu den seltensten Wildtieren Deutschlands und kommt unter anderem im Bayerischen Wald vorQuelle: dpa
Es war ein Meilenstein - Ende des vergangenen Jahres einigt sich die Weltgemeinschaft in Montreal auf ein verbindliches Ziel. Bis 2030 soll das vom Menschen verursachte Aussterben von Tieren und Pflanzen gestoppt werden. Ein Durchbruch im Angesicht des Grauens.
Denn 2019 hatte der Weltbiodiversitätsrat, das die Staatenlenker beratende Gremium aus internationalen Spitzenforschern, erklärt und geschätzt, dass von acht Millionen Arten eine Million vom Aussterben bedroht sind. Diese Schätzungen versuchen Forscher*innen weiter zu verbessern und mit besseren Daten näher an das wirkliche Ausmaß heranzurücken.

Die Zahl vom Aussterben bedrohter Arten wächst stetig – Und rasanter als bisher angenommen. Eine neue Studie zeigt alarmierenden Zahlen.

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Viele Arten in Europa vom Aussterben bedroht

Eine jetzt im Fachjournal "Plos One" erscheinende Studie hat sich die Flora und Fauna in Europa genauer angesehen. Die Faktoren für das große Sterben seien nach wie vor die Veränderungen der landwirtschaftlichen Bodennutzung, die zum Verlust von Lebensräumen führen: die Übernutzung biologischer Ressourcen, Umweltverschmutzung sowie der weitere Ausbau von Wohn- und Gewerbegebieten.

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Dazu komme der Klimawandel oder invasive Arten, die heimische verdrängten. Anhand besserer Daten kommen die Forscher*innen zu einem klaren Urteil. Jede fünfte Pflanzen- oder Tierart in Europa ist vom Aussterben bedroht. Das liegt nochmal klar oberhalb der Schätzungen des Weltbiodiversitätsrates von 2019. In der Forschungsgemeinde wird die Arbeit gelobt. Die bessere Datengrundlage spreche dafür, dass die neue Studie näher am wirklichen Ausmaß des Verlusts an Artenvielfalt liegt als alle Schätzungen zuvor.
So alarmierend der Befund auch sei, erklärt etwa Prof. Matthias Glaubrecht, Projektleiter zur Analyse des Biodiversitätswandels an der Universität Hamburg, die Studie sei schlüssig.
Europa ist eine jener Regionen der Erde, für die wir noch die besten Daten haben. Wenn sich hier die Situation schon derart dramatisch darstellt, bedeutet dies, dass sich die Biodiversitätskrise in anderen, weitaus artenreicheren Regionen sehr wahrscheinlich noch deutlich brisanter darstellt.
Matthias Glaubrecht, Universität Hamburg

Globales Ökosystem unter doppeltem Beschuss

Noch immer seien weite Teile der globalen Flora und Fauna nicht erforscht. Es fehle an Wissen und Daten, so der Tenor in der Wissenschaft. Selbst für Europa, das besser dasteht. Es gebe noch immer zu wenig systematische Forschung in einem Bereich, in dem es um unsere Lebensgrundlage gehe, also auch um unser Überleben, erklärt Prof. Glaubrecht weiter.
Die Biodiversitätskrise steht oft im Schatten der Klimakrise, obwohl sie an Dramatik, und was die Bedrohung für die Menschheit angehe, nicht weniger bedeutend sei. Und sie seien untrennbar miteinander verbunden, so Prof. Maximilian Weigand, Biodiversitätsforscher an der Universität Bonn.
Insgesamt scheine die vorliegende Studie die tatsächliche Bedrohung der Biodiversität - auch und insbesondere angesichts des Klimawandels - noch bei weitem zu unterschätzen. Der Klimawandel könne gar zum größten Treiber des Artensterbens werden, so Prof. Weigand.

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Die Uhr tickt immer schneller

Wer an die Lebensgrundlage der Menschheit denkt, für den müsse der Artenschutz genauso wichtig sein wie der Kampf gegen die globale Erwärmung - dieses Fazit der Konferenz von Montreal scheint dringlicher denn je. Jetzt gelte es, da herrscht Konsens unter den Experten*innen, die in Kanada festgelegten Ziele umzusetzen.
30 Prozent der Land- und Meeresfläche der Erde sollen bis 2030 zu Schutzgebieten erklärt werden. Dazu hatten sich die 193 teilnehmenden Staaten verpflichtet, mehr Geld für den Schutz der Artenvielfalt auszugeben. Und die Entwicklungsländer sollen von den reicheren Nationen jährlich 30 Milliarden Dollar für Naturschutz erhalten. Das dabei die Zeit drängt, daran lässt die neue Studie zum Artensterben in Europa wenig Zweifel.
Andreas Stamm arbeitet für die ZDF-Redaktion Umwelt.

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