: Was der Ukraine im Winter droht

von Christian Mölling, András Rácz
28.09.2023 | 10:45 Uhr
Strom, Heizung, Wasser: Russland wird im Winter wieder auf die Infrastruktur der Ukraine zielen. Diese braucht Flugabwehr, Munition, Generatoren und Treibstoff. Die Militäranalyse.
Bereits im vergangenen Winter hatte Russland auf die Infrastruktur der Ukraine abgezielt - wie hier in CharkiwQuelle: AP
Da der Winter allmählich näher rückt und keine Ruhe in den Kämpfen zu erkennen ist, ist es sehr wahrscheinlich, dass Russland erneut mit Angriffen auf die zivile Infrastruktur der Ukraine beginnen wird. Ähnlich wie im letzten Jahr werden die wichtigsten Ziele wahrscheinlich Systeme sein, die für die Versorgung der Bevölkerung mit Heizung, Wasser und Strom notwendig sind.

Russlands Waffen: Primitiver, aber zahlenmäßig mehr

Moskau verfügt wahrscheinlich über weniger Präzisionslenkwaffen als im letzten Jahr, baut aber seine eigene Produktion für die iranischen Shaheed-Drohnen auf. Das wahrscheinliche Muster der bevorstehenden Winterangriffe ist daher, dass Russland sich auf die großen, stationären Ziele konzentrieren wird, die selbst mit den primitiven iranischen Drohnen leicht zu treffen sind. Dazu werden wahrscheinlich nicht nur große Umspannwerke gehören, sondern auch der Stromerzeugungssektor, das heißt die Kraftwerke.

Angriffe auf die Energieinfrastruktur und die Zerstörung von Hilfsgütern: Generatoren zu finden ist eine Herausforderung in der Westukraine.

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Ähnlich wie im vergangenen Jahr wird Moskau wahrscheinlich versuchen, das integrierte Stromversorgungssystem der Ukraine zu zerschlagen. Sollte dies gelingen, könnte Russland durch gleichzeitige Angriffe auf kleinere, regionale Kraftwerke und Umspannwerke in der Lage sein, in weiten Teilen der Ukraine einen dauerhaften Stromausfall zu verursachen.

Drohnen gegeneinander aufrechnen hilft nicht

Ein wichtiger Unterschied zum letzten Winter besteht darin, dass die Ukraine jetzt bereits über gut funktionierende Tiefschlagkapazitäten in Form von Langstreckendrohnen verfügt. Mit diesen Drohnen ist Kiew durchaus in der Lage, Russlands eigene Energieinfrastruktur zu treffen, zumindest im europäischen Teil des Landes.

Durch die leichte Bedienung werden Drohnen zunehmend im Krieg eingesetzt. So auch in der Ukraine, wo die führenden Entwickler stetig an der Effizienz arbeiten.

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Theoretisch könnte die ukrainische Vergeltungsfähigkeit zu einem auf Abschreckung basierenden Gleichgewicht führen, ähnlich der "gegenseitig zugesicherten Zerstörung" aus der Zeit des Kalten Krieges, so dass beide Seiten davon absehen würden, die zivile Infrastruktur des jeweils anderen anzugreifen.
In Wirklichkeit wird Russland jedoch höchstwahrscheinlich auf seine zahlenmäßige Überlegenheit vertrauen, das heißt darauf, dass es durch den massenhaften Einsatz von Drohnen iranischer Bauart und russischen Präzisionsraketen in der Lage sein wird, die ukrainische Vergeltungsfähigkeit zu übertreffen. Mit anderen Worten, Russland wird wahrscheinlich versuchen, der ukrainischen Infrastruktur so viel Schaden wie möglich zuzufügen, in der Hoffnung, dass es viel mehr Schaden anrichten kann als die Ukraine bei einem Gegenschlag.
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Stabile Treibstofflieferungen für denzentrale Versorgung

Die Ukraine könnte sich sicherlich auf die Hunderttausende von Diesel- und Benzingeneratoren verlassen, die im letzten Winter eingeführt wurden. Diese benötigen jedoch eine stabile Versorgung mit Kraftstoff.

Wie mild wird der Winter?

Eine wichtige Variable ist natürlich das Wetter. Sollte die Ukraine einen ähnlich milden Winter wie den letzten erleben, würde dies die schädlichen Auswirkungen der russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur abmildern.
Sollte es jedoch zu einem strengen oder außergewöhnlich kalten Winter kommen, könnte dies zu einer schnell wachsenden Zahl von Flüchtlingen führen, die in der EU Schutz suchen, und zu einer sich entwickelnden humanitären Krise in der Ukraine.

Dr. Christian Mölling ...

Quelle: DGAP
... ist Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin und leitet dort das Programm Sicherheit, Verteidigung und Rüstung. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.

Dr. András Rácz ...

Quelle: DGAP
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.

Jegliche Art von Flugabwehr wird gebraucht

Daher benötigt die Ukraine für den Winter so viele Luftverteidigungs- und Flugabwehrwaffen wie möglich, um ihre Widerstandsfähigkeit gegen die bevorstehenden russischen Angriffe zu erhöhen. Selbst alte Flugabwehrkanonen können sehr nützlich sein, sofern die Munitionsversorgung sichergestellt werden kann, denn die Drohnen aus iranischer Produktion sind langsam, niedrig fliegend und so leichte Ziele.
Darüber hinaus wird die Ukraine erneut Generatoren und reichlich Treibstoff für deren Betrieb benötigen. Zudem müssen sich der Westen - und insbesondere die Nachbarländer der Ukraine - auf eine weitere Flüchtlingswelle einstellen, sollten die russischen Angriffe die zivile Infrastruktur der Ukraine massiv beschädigen.
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