: Warum bremst sich Deutschland selbst aus?

von Philipp Katzer und Anja Kollruß
27.07.2023 | 10:12 Uhr
Starre Strukturen in der Bürokratie und schleppende Digitalisierung: Fehlende Innovationen bremsen Deutschland aus. Europas Süden zeigt uns, wie es besser gehen kann.

Reguliert Deutschland sich in den Stillstand? Sehen Sie hier die ganze Sendung "Am Puls" mit Christian Sievers.

27.07.2023 | 44:09 min
Lange galten die Deutschen als die Organisationsweltmeister und wurden für die "German Gründlichkeit" im Ausland beneidet. Tatsächlich scheitert eine der weltweit führenden Industrienationen seit Jahren an Großbauvorhaben, dem Glasfaserausbau oder einer digitalen Verwaltung.

Was bremst die Deutschen aus?

Beispiel: Brücken. Im Netz der Bundesfernstraßen gibt es rund 40.000 Brücken. Jede zehnte davon ist so marode, dass sie saniert werden muss.
An der Schiersteiner Brücke wird seit zehn Jahren gebaut. Eigentlich sollte die Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden seit drei Jahren fertig sein. Die Baukosten von ursprünglich 216 Millionen Euro sind um 34 Millionen gestiegen.

Die Sprengung der Talbrücke Sterbecke sorgte für viel Aufmerksamkeit.

28.05.2023 | 00:17 min

Positiv-Beispiel: die Morandi-Brücke in Genua

Der Blick ins Ausland zeigt: Es geht auch anders. Nach einem tragischen Unglück gelang in Genua ein Mega-Projekt in Rekordzeit. In Italien kein Alltag, aber ein Fall, von dem Deutschland lernen kann.
Vor fünf Jahren stürzte in der italienischen Hafenstadt Genua die Morandi-Brücke ein. 43 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. In nur 15 Monaten baute Genua die Brücke wieder auf.
Dem ZDF nennt Bürgermeister Marco Bucci einen entscheidenden Punkt:
Es ist das erste Mal, dass wir in Italien Projektmanagement für Projekte der öffentlichen Verwaltung genutzt haben.
Marco Bucci, Bürgermeister von Genua
Prozesse wurden parallel bearbeitet, nicht nacheinander. Und der Bürgermeister suchte gezielt nach Gesetzen und Verordnungen, die das Projekt beschleunigt haben.

Sendehinweis

Die ganze Sendung "Am Puls mit Christian Sievers - Stillstand und Regelwut - verspielt Deutschland die Zukunft?" können Sie am 27.07.2023 um 22:15 Uhr im ZDF oder schon jetzt oben im Video sehen.

Verwaltung: Mehr Rechtsspezialisten als Projektmanager?

Was sich in Genua bewährt hat, vermisst Verwaltungswissenschaftlerin Sabine Kuhlmann in deutschen Amtsstuben. Als stellvertretende Vorsitzende des Nationalen Normenkontrollrats berät sie die Bundesregierung beim Bürokratieabbau.
Hierzulande sind Verwaltungsmitarbeiter mehr Rechtsspezialisten als Projektmanager - ein Fehler, findet Kuhlmann:
Das ist auch etwas, wo wir seit Jahren eigentlich dran sind, aus der Wissenschaft zu sagen: Mensch, wir müssen die Verwaltungsausbildung reformieren.
Sabine Kuhlmann, Verwaltungsexpertin Universität Potsdam
Auch in der Wirtschaft macht sich Unmut breit. Laut Bundesverband der Deutschen Industrie brauchte es für ein Genehmigungsverfahren in der Industrie vor zehn Jahren noch durchschnittlich zwei Gutachten. Heute sollen es durchschnittlich sieben sein.

Ein Pilotprojekt in Hamburg zeigt, wie eine moderne Verwaltung aussehen kann.

26.07.2023 | 02:35 min

Deutschland: ein "legalistisches System"

Dass es nicht nur auf Autobahn oder Baustellen, sondern auch in der Verwaltung stockt, wundert Sabine Kuhlmann nicht. Sie spricht von einem legalistischen System.
Durch mehr Gutachten und Genehmigung würden sich Mitarbeiter in der Verwaltung juristisch absichern, damit sie im schlimmsten Fall nicht persönlich zur Verantwortung gezogen werden könnten:
Legale Korrektheit, also juristisch keinen Fehler zu machen, ist schon ein sehr dominantes Kriterium in Deutschland.
Prof. Sabine Kuhlmann, Verwaltungsexpertin Universität Potsdam
Nicht zuletzt hindert auch die schleppende Digitalisierung Innovationsprozesse in Verwaltung, Gesellschaft und Unternehmen. Gerade im ländlichen Raum klagen noch immer Firmen über zu langsames Internet.

Die Vor- und Nachteile von Glasfaseranschlüssen im Überblick.

06.02.2023 | 04:28 min
Zwar legt Deutschland beim Glasfaserausbau an Tempo zu. Im OECD-Vergleich liegt es aber mit einem Anteil von 8,1 Prozent weiterhin abgeschlagen auf einem der hinteren Plätze.
Zum Vergleich: In Südkorea werden bereits mehr als 87 Prozent aller Breitbandanschlüsse per Glasfaser realisiert, in Spanien 81 Prozent.
Deutschland hinkt beim Glasfaserausbau hinterher.
Kein Wunder, dass ganze Industriezweige abwandern, meint Uwe Lauber, Vorstandsvorsitzender der MAN Energy Solutions SE. Der Mangel an Innovationen ist für ihn weniger eine Frage des Know-hows, sondern eine Frage der Mentalität. Die Deutschen sind zu perfektionistisch, müssten viele Dinge oft bis ins kleinste Detail planen. Das verlangsamt Prozesse:
Wir zerreden vieles, anstatt dass wir mal machen und ausprobieren. Und wenn ich dann hinfalle, dann weiß ich später auch warum, dann stehe ich wieder auf und korrigiere es.
Uwe Lauber, Vorstandsvorsitzender MAN Energy Solutions SE
Bundesrepublik Stillstand. Deutschland muss aufpassen, nicht endgültig den Anschluss zu verlieren.

„Made in Germany“ - Industrie im Umbruch

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