Interview

: "Immer ansteckender, aber nicht gefährlicher"

21.10.2023 | 16:05 Uhr
Herbstzeit ist Grippezeit. Allerorts wird zur Vorsorgeimpfung aufgerufen. Auch die Zahl der Corona-Infizierten steigt. Was wir über die Viruserkrankung wissen müssen.
Quelle: Colourbox.de
Mit dem herannahenden Winter erkranken wieder mehr Menschen an Atemwegsinfektionen. Seit über dreieinhalb Jahren geht damit auch ein Anstieg der SARS-CoV-2 Infektionen einher.
Die Krankheit ist in Deutschland mittlerweile endemisch, sie tritt also zwar immer wieder auf, ein Großteil der Bevölkerung hat aber einen gewissen Immunschutz gegen den Virus. Die Virologin Ulrike Protzer erklärt im Interview, worauf man diesen Winter achten sollte.
ZDFheute: Wie ist die aktuelle Corona-Lage in Deutschland?
Ulrike Protzer: Man sieht eine Zunahme der Infektionen mit allen Atemwegserregern, auch mit dem Coronavirus, das inzwischen ja eines der Viren ist, die uns vermutlich in den nächsten Jahren jeden Herbst beglücken werden.

Professor Ulrike Protzer ...

Quelle: Astrid Eckert / TU München
... leitet das Institut für Virologie an der Technischen Universität München und bei Helmholtz Munich. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin sowie für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie.
ZDFheute: Haben Sie eine Prognose, wie sich die Corona-Lage diesen Winter entwickeln wird? Wie groß ist das Risiko, sich mit Corona anzustecken?
Protzer: Der Unterschied von anderen Atemwegsviren zum Coronavirus ist, dass das Coronavirus super ansteckend geworden ist.
Das heißt, das Risiko, sich damit anzustecken, wenn man Kontakt mit jemandem mit einer Infektion hat, ist einfach sehr hoch.
Wenn jetzt die Zahlen der Atemweginfekte wieder steigen, wenn wir wieder vermehrt in den Innenräumen sind und die Tage kürzer werden und damit das UV-Licht weniger wird, dann steigt das Risiko, sich anzustecken.

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Das ist vor allem für diejenigen wichtig, die gefährdet sind, eine schwerere Infektion zu entwickeln und dann vielleicht auch ins Krankenhaus zu müssen oder sogar daran zu sterben. Diese Personen müssen entsprechende Vorsorgemaßnahmen treffen.
ZDFheute: Wer ist besonders gefährdet und wie können sich diese Personen schützen?
Protzer: Das sind vor allem Menschen, die älter sind. Älter beginnt ab 60, aber das Risiko steigt dann deutlich ab 70 an. Für diese Personen ist es wichtig, zu schauen, ob sie noch einen guten Immunstatus hat.
Wir können mit dem Coronavirus deshalb insgesamt viel entspannter umgehen, weil wir eine gute und breite Immunität in der Bevölkerung aufgebaut haben. Aber die Immunantworten lassen über die Zeit wieder nach.
Wenn jetzt die letzte Impfung oder die letzte Infektion mehr als 12 Monate her ist, dann sollten Menschen über 60 oder Menschen, die Vorerkrankungen haben, sich eine Auffrischimpfung geben lassen, um das Immunsystem wieder an dieses Virus zu erinnern.
Es gibt jetzt auch die neuen Impfstoffe, die an die aktuellen Varianten angepasst sind. Damit kann man die Immunantwort noch mal verbreitern.

Seit September gibt es in den Arztpraxen einen neuen Corona-Impfstoff, der an die aktuelle Virusvariante angepasst ist.

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Ältere Menschen sollten sich aber nicht nur gegen Corona impfen lassen, sondern auch ihren Grippeimpfschutz auffrischen und - wenn bisher nicht erfolgt - sich gegen Pneumokokken, das sind Bakterien, die Lungeninfektionen auslösen, impfen lassen. Das kann man auch auf einmal machen.
Es ist sinnvoll, den Impfausweis mitzunehmen und den Arzt zu bitten, dass er doch bitte gleich nach allem schaut.
ZDFheute: Gibt es noch andere Personengruppen, denen empfohlen wird, sich mit dem angepassten Impfstoff impfen zu lassen?
Protzer: Es wird auch denjenigen empfohlen, die sich um ältere oder gefährdete Menschen kümmern. Das sind Mitarbeiter in Krankenhäusern, aber auch pflegende Angehörige oder Mitarbeiter in Alten- oder Seniorenheimen.
ZDFheute: Welche Corona-Varianten sind im Moment vorherrschend und welche Symptome treten bei diesen Varianten auf?
Protzer: Es sind immer noch Abkömmlinge der sogenannten Omikron-Variante. Die hat sich deutlich aufgesplittert und die Viren sind immer ansteckender, aber zum Glück nicht mehr gefährlicher geworden.
Denn wir haben zum einen diesen Immunitätswall aufgebaut, zum anderen haben sich aber auch die Varianten in ihrer Pathogenität - also in der Eigenschaft, schwere Infektionen zu verursachen - abgeschwächt.
ZDFheute: Wie soll man sich verhalten, wenn man jetzt ein positives Testergebnis hat?
Protzer: Es gibt keine Quarantänepflichten mehr. Wenn die Symptome so sind, dass man sagen würde: "Bleib im Bett", dann sollte die erkrankte Person auch im Bett bleiben.
Wenn man leichte Symptome hat, dann ist die Empfehlung, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, um eine Ansteckungsgefahr für andere zu vermeiden.
Das ist vor allem dann wichtig, wenn man in enge Räume geht, also zum Beispiel öffentliche Verkehrsmittel betritt. Da ist es ein Akt der Höflichkeit, eine Maske zu tragen, um nicht andere zu gefährden.
Das Interview führte Alice Pesavento.

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