: Kopfweh plagt immer mehr Kinder

von Anja Baumann
12.09.2022 | 08:35 Uhr
Kopfschmerzen sind ein weit verbreitetes Phänomen. Nicht nur Erwachsene, auch Kinder und Jugendliche leiden daran. Vor allem unter Schülern steigt die Zahl der Betroffenen.

Kopfschmerzen sind ein weit verbreitetes Phänomen - zunehmend auch bei Kindern und Jugendlichen. Viele Schüler*innen verpassen dadurch regelmäßig den Unterricht. In vielen Fällen jedoch lassen sich die Ursachen beheben.

12.09.2022 | 05:29 min
Mehr als zwei Drittel aller Schülerinnen und Schüler haben Studien zufolge regelmäßig Kopfschmerzen. Rund 20 Prozent von ihnen verpassen dadurch immer wieder den Unterricht. Oft sind Leistungsdruck, emotionaler Stress, zu viel Zeit am Bildschirm und zu wenig Bewegung die Auslöser.
Der monatelange Corona-Lockdown hat all das noch verstärkt, so die Deutsche Schmerzgesellschaft. Aber: Bei Kindern werden Kopfschmerzen häufig nicht ernst genommen, obwohl in vielen Fällen einfache therapeutische Maßnahmen helfen können.

Emilia hilft Schlafen in dunklem Raum gegen Migräne

Ein Beispiel ist die siebenjährige Emilia. Sie leidet seit über einem Jahr unter quälenden Kopfschmerzattacken. Die wurden immer schlimmer und kamen immer häufiger, meist in der Schule, aber auch in der Freizeit. Emilia ist dann regelrecht ausgeknockt. Schnell steht fest: Sie hat Migräne. Was ihr hilft: Schlafen in einem abgedunkelten Raum.
Kommen die Kopfschmerzen schnell und heftig, braucht sie ein geeignetes Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol.
Mein größter Wunsch wäre, wenn ich die Migräne wegzaubern könnte. Das wäre toll!
Emilia, 7 Jahre alt

Schmerzmittel bergen bei häufiger Einnahme gesundheitliche Risiken

Wie in Emilias Fall sollten Eltern ernst nehmen, wenn ihr Kind häufig über Kopfschmerzen klagt. Stattdessen werden Kopfschmerzen bei Kindern aber oft bagatellisiert. "Das liegt einmal daran, dass Kopfschmerzen tatsächlich in einem gewissen Ausmaß zum Leben dazu gehören", sagt Professor Florian Heinen, Neuropädiater vom Haunerschen Kinderspital der LMU München.
Es liegt aber auch daran, dass einfach die Ernsthaftigkeit einer Schmerzerkrankung bei Kindern nicht in der Gesellschaft angekommen ist.
Professor Florian Heinen, Neuropädiater vom Haunerschen Kinderspital der LMU München
Kopfschmerzen werden auch bei Kindern oft in Eigenregie mit frei verkäuflichen Schmerzmitteln behandelt. Doch die häufige Einnahme birgt langfristig gesundheitliche Risiken. Schmerzmittel können zudem den Kopfschmerz verstärken oder selbst irgendwann Kopfschmerzen auslösen. Ein Teufelskreis.
Hinzu kommt: Einige sind für Kinder nicht geeignet. Kinder sollten Schmerzmittel nur bekommen, wenn sie vom Arzt oder der Ärztin in geeigneter Dosierung verordnet wurden.
Auch der Fokus einer Behandlung sollte nicht auf Medikamenten liegen.
Wenn ich mehr als fünfmal pro Monat ein Medikament einsetzen muss, dann ist eigentlich schon eine Grenze erreicht, wo wir sagen, das darf auf Dauer nicht die Therapie sein!
Florian Heinen, Neuropädiater vom Haunerschen Kinderspital der LMU München

Hälfte der Migräne-Fälle hat genetische Ursache

Die Hälfte der Migräne-Fälle ist genetisch bedingt. Die Auslöser sind von Kind zu Kind verschieden. "Es kann sein, dass eine bestimmte Art der körperlichen Anstrengung Migräne auslöst, das kann aber auch psychisch sein. Das heißt, das kann Stress sein, aber auch ganz banale Dinge wie nicht genug trinken, nicht genug schlafen", so der Neuropädiater.
Um herauszufinden, ob es spezielle Auslöser für die Migräne gibt, führt Emilia ein Kopfschmerz-Tagebuch. Hier notiert sie alle wichtigen Informationen wie Art, Stärke, Dauer und Umstände ihrer Kopfschmerzen und ihre beschwerdefreien Tage.

Häufige Kopfschmerzen bei Kindern ärztlich abklären

Wiederkehrende Kopfschmerzen bei Kindern sollten ärztlich abgeklärt werden, auch um andere schwerwiegende Ursachen auszuschließen.
Häufig führen schon einfache, aber gezielte Maßnahmen zu einer Besserung, so zum Beispiel:
  • eine Umstellung des Tagesrhythmus
  • mehr Entspannungszeiten vor allem ohne Smartphone
  • ausreichend Trinken und Schlafen
Auch weniger Termindruck und regelmäßige Bewegung können Kopfschmerzen reduzieren, so die Deutsche Schmerzgesellschaft.
Beeinträchtigen die Kopfschmerzen wie bei Emilia den Alltag des Kindes, helfen multimodale Therapieansätze, so der Experte. Vor allem verhaltenstherapeutische Maßnahmen wie Entspannungsverfahren oder Stress- und Schmerzbewältigungsprogramme sind bei Kindern sehr wirksam.

Spannungskopfschmerz oder Migräne?

Experten unterscheiden über 200 verschieden Kopfschmerzarten. Die meisten von ihnen sind selten. Betroffene leiden am häufigsten unter Spannungskopfschmerzen oder an Migräne. So unterscheiden sich die beiden Arten:

Spannungskopfschmerz

  • Schmerz: drückend oder ziehend, oft auch als dumpfer Druck
  • zieht von Hinterkopf zu Stirn, betrifft den ganzen Kopf
  • Dauer: variiert von halber Stunde bis zu einer Woche
  • körperliche Aktivität kann lindernd wirken

Migräne

  • Schmerz: pochend, stechend oder pulsierend, kommt anfallsartig
  • einseitiger Kopfschmerz, bei Kindern meist beide Kopfhälften betroffen
  • Dauer: wenige Stunden bis mehrere Tage
  • verschlimmert sich bei körperlichen Tätigkeiten
  • typische Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit
  • kann von neurologischen Ausfällen (Aura) begleitet sein

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