: Herthas Rückkehr zur Bodenständigkeit

von Florian Vonholdt
24.01.2023 | 08:42 Uhr
Unter Sparzwang muss Herthas Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic den Hauptstadtklub von finanziellen und personellen Altlasten befreien. Ein Drahtseilakt. Endet dieser in Liga zwei?
Viel Arbeit bei der Hertha: Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic (l) und Präsident Kay Bernstein Quelle: Soeren Stache/dpa
Gerade waren die wochenlangen Diskussionen um einen Abschied von Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic zum DFB verklungen, da wurde Hertha BSC von der sportlichen Realität eingeholt: 1:3 zum Jahresstart bei Abstiegskonkurrent Bochum, Absturz auf Platz 17.
"Für uns ist jedes Spiel ein Endspiel", hatte Bobic schon im Winter-Trainingslager in Florida angekündigt. Das erste hat die Hertha verloren. Nach Rang 14 in der vorletzten und der Relegations-Rettung in der letzten Saison zeichnet sich erneut eine Spielzeit ab, in der es für die Berliner nur um eines geht: den Klassenerhalt.

Der VfL Bochum ist der Gewinner des 16. Spieltags im Bundesliga-Abstiegskampf. Der VfL setzte sich mit 3:1 gegen Hertha BSC durch und verließ die Abstiegsränge.

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Spielerisch verbessert, tabellarisch nicht

Dabei sollte alles besser werden. Vor Saisonbeginn lotste Bobic mit Sandro Schwarz seinen Wunschtrainer nach Berlin. Spielerisch hat sich die Mannschaft unter dem früheren Mainzer erkennbar weiterentwickelt.
Vor allem in den Heimspielen, in denen die Berliner zehn ihrer 14 Punkte sammelten, zeigen sie mutigeren und attraktiveren Fußball als in den Vorjahren. Punktemäßig schlägt sich das allerdings noch nicht nieder.

Finanzieller Spagat ohne Windhorst-Millionen

Bobic steckt in einem Dilemma. Einerseits Profis loszuwerden, die zum Teil für viel Geld verpflichtet wurden, ihre Ablöse aber nie gerechtfertigt haben, andererseits einen bundesligatauglichen Kader zusammenzustellen.

Investor Lars Windhorst will nach dem jüngsten Eklat seine Zusammenarbeit mit Hertha BSC beenden und bietet dem Klub den Rückkauf seiner Anteile an.

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Ein Spagat, der ihm bei Eintracht Frankfurt herausragend gelang - und den er auch in Berlin schaffen will und muss. Denn auf die Finanzspritzen von Investor Lars Windhorst, der im November seinen Ausstieg bekanntgab, kann Bobic nicht mehr zurückgreifen.

Bobic erwirtschaftet Transferplus

Mit dem neuen Anteilseigner "777 Partners" verhandelt Hertha wohl über eine Kapitalerhöhung von 100 Millionen Euro. Aber nicht, um neue Spieler zu kaufen, sondern um die Verluste der letzten drei Geschäftsjahre zu mindern. Von mehr als 200 Millionen Euro ist die Rede.
Bobic spart, wo er kann. In den zwei Spielzeiten unter ihm erzielte Hertha einen Transferüberschuss von rund 43 Millionen Euro. In den beiden Jahren zuvor gab man noch 108 Millionen Euro mehr für Spielerablösen aus als man einnahm - bei sportlich ähnlich geringem Ertrag wie derzeit.

Keine Angst vor großen Namen

Beim Neuaufbau greift der 51-Jährige durch. Vor allem bei Besserverdienern, deren Entwicklung über Jahre stagnierte. So traf es im letzten Sommer unter anderem Ex-Kapitän Dedryck Boyata und dessen Abwehrkollegen Niklas Stark und Jordan Torunarigha.
Im Winter veräußerte er die Dauerreservisten Davie Selke, Vladimir Darida und Fredrik Björkan. Nach Saisonende muss Marvin Plattenhardt gehen. Der Kapitän erhält nach neun Jahren im Verein keinen neuen Vertrag.

Bobic gibt den neuen Weg vor

Zuletzt zeigte sich Bobic zufrieden mit der Situation:
Wir haben wirtschaftlich unsere Hausaufgaben gemacht, das Budget entspannt, ohne Substanz verloren zu haben.
Fredi Bobic
Der 51-Jährige fügte an: "Das werden wir im Sommer weitermachen."
Das Spielerformat heißt jetzt eben nicht mehr Sami Khedira, Matheus Cunha oder Krysztof Piatek, sondern Florian Niederlechner oder Fabian Reese.

Neue Realität an der Spree

Transfers dieser Art verdeutlichen die neue Realität an der Spree: Gezwungenermaßen zurück zu mehr Bodenständigkeit, die in den finanziell verschwenderischen, aber sportlich ertraglosen Jahren mit Investor Windhorst verlorengegangen war.
Allen Umständen zum Trotz haben Bobics Worte aus der Winterpause vor den Heimspielen gegen Wolfsburg (20:30 Uhr) und Stadtrivale Union Berlin (Samstag, 15:30 Uhr) mehr Bedeutung denn je: "Wir müssen jetzt liefern."

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