: Warum es trotz des U17-Erfolgs Probleme gibt

von Ralf Lorenzen
30.11.2023 | 16:00 Uhr
Auch wenn die deutsche U17-Nationalmannschaft gerade für Furore sorgt, die Nachwuchsausbildung braucht dringend Reformen. Zu wenig Talente schaffen den Sprung zu den Profis.

Auch wenn die deutsche U17-Nationalmannschaft bei der WM aktuell für Furore sorgt, hat der deutsche Fußball ein Nachwuchsproblem. Viele Talente schaffen nicht den Sprung nach oben.

30.11.2023 | 14:54 min
Es ist eine beliebte Floskel, dass es im Fußball ganz schnell gehen kann. Aber so schnell, wie die Stimmungslage im Deutschen Nachwuchsfußball ist selten etwas gekippt. Gestern noch wurde die mangelhafte Ausbildung für den desaströsen Zustand der A-Nationalmannschaft verantwortlich gemacht. Fast über Nacht bestimmen nun Namen wie Paris Brunner und Konstantin Heide die positiven Schlagzeilen.

Große Probleme im Übergangsbereich

"Die U17 steht im WM-Finale und solche Erfolge gibt es immer wieder", beginnt Sportjournalist Manu Thiele die aktuelle Ausgabe des Bolzplatzes, um gleich ein dickes "Aber" hinterherzuschieben. "Viele Talente schaffen dann später nicht den Sprung zu den Profis." So habe es bei der Nationalmannschaft vor kurzem das älteste Aufgebot seit zwanzig Jahren gegeben.
An Talenten mangelt es laut Christian Wück nicht. "Aber wir haben im Übergangsbereich das große Problem in Deutschland" sagt der U17-Nationaltrainer. Sprich: die jungen Spieler bekommen zu wenig Gelegenheit, sich auf höchstem Niveau durchzusetzen. Die Spieler des U21-Teams, das bei der vergangenen EM in der Vorrunde ausschied, hatten mit Abstand die wenigste Spielzeit in Profi-Ligen. 

U17-Nationaltrainer Christian Wück will mit seinem Team im WM-Finale gegen Frankreich "den letzten Schritt gehen". Zudem ordnet er die Situation der Nachwuchsmannschaften ein..

29.11.2023 | 04:06 min

Fehlender Mut

"Wenn wir als Profivereine - egal in welcher Liga - nicht mutig genug sind, einen 18-Jährigen reinzuschmeißen werfen, dann dürfen wir uns fünf Jahre später nicht beschweren, dass die deutsche Nationalmannschaft nicht ausreichend Qualität hat", sagt Jochen Sauer, Nachwuchschef bei FC Bayern München, im Bolzplatz.
Fehlt das Vertrauen in den deutschen Fußball-Nachwuchs?Quelle: Imago
Das fehlende Vertrauen in den Nachwuchs scheint damit zusammenzuhängen, dass die individuelle Qualität auch schon vorher oft fehlt. "Was gefehlt hat, war auf jeden Fall, dass individuell wenig mit den Spielern gearbeitet wurde“, sagt Lucas Hufnagel (29), der als Achtjähriger zum FC Bayern München kam und später in der 2. Liga beim SC Freiburg und 1. FC Nürnberg spielte. Das habe schon bei einfachen Grundlagen wie der richtigen Schusstechnik angefangen.

50mal falsch aufs Tor

"Es hieß nur: Schießt nach dem Training noch 50mal aufs Tor. Wenn ich aber 50mal falsch aufs Tor schießt, verbessere ich mich dadurch auch nicht". Die Aussage bestätigt die oft geäußerte Kritik, in den deutschen Nachwuchsleistungszentren (NLZ) würden Taktik und Mannschaftserfolg zu sehr in den Vordergrund gestellt.
"Es haben die besten Spieler auf dem Platz gestanden, die aktuell am weitesten waren,  auch körperlich“, sagt Hufnagel.
Für Spieler, die nicht so weit waren, die aber vielleicht ein höheres Potential gehabt hätten, ging der der Weg erstmal auf die Bank und am Ende des Jahres oftmals auch weg vom FC Bayern.
Fußballer Lucas Hufnagel

Zurück zum Straßenfußball

Doch ein Umdenken hat eingesetzt, um Spiel- und Trainingsformen zu finden, die "weg von Tabellen und hin zu mehr Talent-Entwicklung" führen, wie Joti Chatzialexiou, sportlicher Leiter im DFB, im Bolzplatz sagt. Die Kurzformel lautet: Zurück zum Straßenfußball. Wie in England, wo durch neue Turnierformate und Auflösung der Ligen in den unteren Jahrgängen mehr Spiel und Spaß in die Ausbildung gebracht wurde.
"Du hast viel weniger Druck und mehr Zeit, dich zu entwickeln, du kannst freier aufspielen", sagt Bayern-Profi Jamal Musiala, der bis zu seinem 16. Lebensjahr in England ausgebildet wurde.

Eigene Jugendligen für die NLZ

In Deutschland reformiert der DFB gerade den Kinderfußball in diese Richtung, in dem flächendeckend kleinere und freiere Spielformen eingeführt werden. Beim FC St. Pauli versucht man bereits, auch den Jugendbereich in diese Richtung umzustricken. Die U17 sowie U19-Teams aller deutschen Leistungszentren bekommen eigene Ligen, aus denen sie nicht mehr absteigen können, um den Fokus auf individuelle Entwicklungen zu verschieben.
Die Widerstände dagegen sind noch stark. Viele Eltern und Trainer wollen von Kindern und Jugendlichen weiter Erwachsenenfußball sehen. "Es wird nur gemeinsam funktionieren", sagt Joti Chatzialexiou.

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