: Der Hype um Bluesky - das Ende von Twitter?

von Mischa Ehrhardt
07.10.2023 | 05:20 Uhr
Nach einer neuen Äußerung des Milliardärs und Twitter-Eigentümers Elon Musk flüchten viele aus Twitter. Ein Hype ist um die Alternative Bluesky entbrannt. Was steckt dahinter?
Löst das soziale Netzwerk Bluesky X, früher Twitter, ab?Quelle: AP
Der letzte Schrei heißt Bluesky. Zumindest in sozialen Netzwerken in den vergangenen Tagen. Da versuchten viele Menschen von X in das jüngere Netzwerk zu wechseln. Im Gegensatz zu Twitter (vor Kurzem umbenannt in X) verspricht Bluesky das Blaue vom Himmel: Kein launiger Unternehmensregent und Alleinherrscher wie Elon Musk stehe dahinter.
Das Netzwerk sei dezentral organisiert. Entwickler*innen könnten eigene Ideen einbringen. Und wer das Netzwerk verlassen wolle, der könne seine Konversationen und Kontakte mitnehmen, so Bluesky in seiner Selbstdarstellung.

Bluesky aus Twitter entstanden

"Das ist eine ganz interessante Entwicklung", sagte Roland Fiege im Gespräch mit ZDFheute. Fiege ist unabhängiger Marketing- und Online-Berater.
Immerhin sitzt im Aufsichtsrat von Bluesky Jack Dorsey, einer der ehemaligen Twitter-Chefs und Mitgründer des Netzwerks.
Roland Fiege, Marketing- und Online-Berater
Das könnte für Vertrauen sorgen, meinen Beobachter wie er. Bluesky funktioniert ähnlich wie X, hat aber etwas weniger Funktionen. Dass es rein optisch dem großen Netzwerk ähnelt, ist kein Zufall. Denn Bluesky ist aus dem Twitter-Konzern heraus entstanden, Jack Dorsey war geistiger Vater des Projektes. Seit 2021 ist Bluesky ein eigenständiges Unternehmen.

Musk polarisiert mit Nachricht zur Seenotrettung

Der neueste Exodus bei X begann vor wenigen Tagen. Da hatte Elon Musk einmal mehr mit einer Nachricht polarisiert. Im Zusammenhang mit der zivilen Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer hatte er in einer Kurznachricht Partei für die AfD hierzulande ergriffen. "Ist dies der deutschen Öffentlichkeit bekannt?", fragt er, als er einen hetzerischen Post des rechtsextremen italienischen Accounts "Radio Genoa" auf X weiterverbreitet.
Der zeigt Videoaufnahmen von Seenotretter*innen, wie sie Menschen aus dem Meer auf ein Rettungsschiff bringen. "Hoffen wir, dass die AfD die Wahlen gewinnt, um diesen europäischen Selbstmord zu stoppen", endet der Post.
Post von Elon Musk auf X

Marketing: Zugang zum blauen Himmel limitiert

Daraufhin haben viele Nutzer*innen X den Rücken gekehrt und versuchen, bei der Alternative Bluesky zu landen. Allerdings sind die Zugänge limitiert. Das Unternehmen vergibt Codes an Nutzer*innen, die sie wiederum an Interessierte weitergeben können. Das ist ein altbewährtes Verfahren, um Aufmerksamkeit zu schaffen.
Weil der Zugang begrenzt ist, werden Leute neugierig und wollen unbedingt mitmachen.
Roland Fiege, Marketing- und Online-Berater
Denn an Möglichkeiten, schnell Zugänge zu ermöglichen und genügend Rechner und Server zur Verfügung zu stellen, mangele es eigentlich nicht. "Ich glaube daher, dass das eine schöne bewährte Marketing-Methode ist."

Problem der Reichweite für neue soziale Netzwerke

Bluesky argumentiert, dass es damit quasi an der Eingangspforte schon so etwas wie eine soziale Kontrolle gebe, weil Mitglieder gleichgesinnte Mitglieder*innen werben. Das sei einfacher, als im Nachhinein und rückwirkend Netzwerkmissbrauch durch Nutzer*innen zu bereinigen. Allerdings bleibt Bluesky eine Erklärung schuldig, warum seine Mitglieder das Netzwerk nicht für Hassreden missbrauchen sollten.
Jedenfalls hat Bluesky als Konkurrent zu Twitter ein Problem, an dem auch andere bisherigen Konkurrenten und Wettbewerber schwer zu knabbern haben und hatten - die Reichweite. Nach jüngsten Zahlen hatte Bluesky im September erstmal über eine Million Nutzer*innen. Klingt viel, ist aber wenig im Vergleich zu den rund 240 Millionen Nutzer*innen von Twitter. Zu einem gewichtigen Konkurrenten aufzusteigen, ist daher eine Mammutaufgabe.

Chancen für Bluesky

"Bis jetzt sind es nur die Unzufriedenen, die dort hingehen und sich erst einmal umschauen. Schwieriger wird es, die dazu zu kriegen, dort auch regelmäßig Inhalte zu verbreiten, um so das neue Netzwerk auch für andere interessant zu machen", sagt Volker Schilling vom Vermögensverwalter Greiff Capital.
Allerdings gebe es gerade jetzt durchaus auch Chancen für den jungen Konkurrenten, meinen viele Branchenbeobachter. Denn zu einem Zeitpunkt, an dem Musk mit dem Netzwerk mehr und mehr radikalen oder populistischen Stimmungen Vorschub gewährt, suchten viele Menschen nach Alternativen.

Themen

Mehr zu X