: Architektur-Revolution für mehr Bauprojekte?

von Julian Schmidt-Farrent
23.02.2023 | 12:11 Uhr
Es gibt unzählige Regeln, wie und womit Gebäude gebaut werden müssen. Das ist teuer und verschwendet Ressourcen, so die Kritik. Ein neues Konzept soll das jetzt ändern.
Lichtstrahlen dringen durch das Fensterglas, am Sims darunter ist bereits ein wenig Beton abgebröckelt. Dabei soll das graue Zementhaus das Paradebeispiel für Wohnen in der Zukunft sein. "Wir haben es durch einen hohen planerischen Aufwand geschafft, überall gerade so die Vorschriften und Normen einzuhalten", erklärt Architekturprofessor Florian Nagler von der TU München.
Mit einfachen Baumethoden will Nagler an Ressourcen sparen - und Vorgaben. Bald könnten immer mehr Häuser so aussehen wie sein Forschungsprojekt.

Normen machen das Planen und Bauen teuer

Bislang regeln Tausende Normen, wie und was Architekt*innen in Deutschland verbauen müssen. Sie zwingen die Planer*innen häufig, den teuren Höchststandard zu benutzen - so die Kritik der Bundesarchitektenkammer.
Selbst wenn alles im Haus einwandfrei funktioniert: Wer die Normen bei der Planung nicht beachtet, mache sich verwundbar, erklärt Andrea Gebhard, Präsidentin der Kammer.
Es entsteht ein Schaden, der kein Schaden ist, der aber als Schaden eingeklagt werden kann.
Andrea Gebhard, Präsidentin Bundesarchitektenkammer

Prägen industriepolitische Interessen die Normen?

"Diese Normen werden mit dem Mindeststandard gleichgesetzt, dabei enthalten sie manchmal deutlich mehr", stimmt Baurechtsanwalt Olrik Vogel zu. Manchmal enthielten die Normen sogar Lösungen, die sich noch gar nicht am Markt bewährt hätten. "Die werden halt von Ausschüssen gemacht, wo naturgemäß auch industriepolitische Interessen im Vordergrund stehen können."
Das zuständige DIN-Institut weist die Kritik zurück. Normen entstünden immer im Konsens, in den Ausschüssen seien neben den Herstellern unter anderem Hochschulen und Verbraucher*innen vertreten.
Normen entstehen auch nur, wenn ein ausreichend großer Bedarf aus den interessierten Kreisen danach besteht.
Deutsches Institut für Normung
Wer etwas ändern wolle, solle sich aktiv in den Normungsprozess einbringen, so das Institut.

Neue Idee der Bundesarchitektenkammer

Architekturprofessor Nagler will die Normen trotzdem reduzieren. Seit zwei Jahren steht sein Forschungshaus in Bad Aibling. In fast jedem Zimmer wirft die Sonne Naglers Schatten auf die Betonwände. Nach den üblichen Regeln müssten die Fenster eigentlich noch größer sein - Stichwort: Tageslichtquotient.
Naglers Fenster sind metergroß und erfüllen doch gerade so die Anforderungen. Mit aufwändigen Simulationen konnten er und sein Team nachweisen, dass genug Licht in das Haus fällt - "das kann man im normalen Planungsbetrieb nicht leisten."
Die Bundesarchitektenkammer will nun einen neuen Gebäudetyp schaffen, der mit weniger Normen auskommt. Gebäudetyp E - wie "einfach und experimentell". Umweltschutz, Standsicherheit, Brandschutz: All das, was rechtlich notwendig ist, soll bei dem Gebäudetyp beibehalten werden. "Aber die DIN-Normen, die für den Komfort verantwortlich sind, kann man beiseitelegen", so Kammerpräsidentin Gebhard. Auftraggeber*innen könnten so selbst auswählen, welche Normen sie in ihrem Bau haben wollen - und welche nicht.

Plan der Bundesregierung

In Bayern wollen sie den neuen Typ nun ausprobieren, und auch das Bundesbauministerium begrüßt die Idee. Die Ampelregierung hat sich zum Ziel gesetzt, das Normungswesen zu vereinfachen - eine der Maßnahmen, um den Wohnungsbau anzukurbeln.
Doch das Ministerium mahnt:
Die Reduktion von Vorschriften führt nicht per se zur Kostenbegrenzung.
Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen
Selbst wenn der Gebäudetyp sich durchsetzt -- er wäre eher etwas für Profis, schätzt Fachanwalt Vogel. Schließlich müssten Häuslebauer*innen ansonsten genau definieren können, welche Normen sie brauchen und welche nicht.
"Es gibt auch einen guten Grund, warum sich diese Normen im Laufe der Zeit entwickelt haben", sagt Architekturprofessor Nagler. Eine gewisse Qualität sollten sie gewährleisten. Für alle - und nicht nur für die, die es sich leisten können. Doch man sei über das Ziel hinausgeschossen. Schließlich gäbe es auch viele Altbauten mit schlechtem Schallschutz. "Und trotzdem würden die Leute niemals ausziehen - weil’s wunderschöne Häuser sind."