: Wie Frauen in die Rentenfalle rutschen

von Patrick Müthing
11.02.2023 | 09:54 Uhr
Immer mehr Menschen in Deutschland rutschen in die Altersarmut. Besonders betroffen sind Frauen - die Gründe liegen auf der Hand.

Jede dritte Frau, die zurzeit in Vollzeit arbeitet, erwartet eine zu geringe Rente. Auch Theres Nieder, 82 Jahre alt, lebt in Altersarmut.

11.02.2023 | 01:41 min
Theres Nieder ist 82 Jahre alt. 30 Jahre lang hat sie gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt. Heute bekommt die Münchnerin knapp 900 Euro Rente. Zu wenig, um davon zu leben. Ohne die Grundsicherung würde es nicht reichen. Dass es im Alter so eng werden würde, hat sie sich früher nicht vorstellen können.
Das merke ich erst jetzt, dass das Geld nicht reicht. Ich spare an allem.
Theres Nieder
Einen Ausflug mit Freunden, einen Besuch im Café oder im Theater - alles muss sie sich mittlerweile gut überlegen. Das zu akzeptieren, ist ihr anfangs nicht leichtgefallen, sagt sie. Aus lauter Scham dachte sie sich vor ihren Bekannten Ausreden aus, denn: "Wer sagt schon: Ich kann es mir nicht leisten?".

"Ein Herz für Rentner" hilft Theres Nieder

Was sie über Wasser hält, ist die Hilfe des Vereins "Ein Herz für Rentner". Eine altengerechte Dusche, selbst die Behandlung ihrer Zähne wurde von dem Verein finanziert. Wenn die Gründerin Sandra Bisping von ihren Erfahrungen berichtet, geht es auch um das Schamgefühl der Rentnerinnen und Rentner. Nach Hilfe zu fragen, kostet viel Überwindung - etwa für eine ehemalige Pflegerin, die sich seit der Rente die für sie so wichtige Schmerzsalbe nicht mehr leisten kann.

Laut dem Tafel-Vorsitzenden Brühl kamen 2022 50 Prozent mehr Menschen zu den Tafeln.

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Oder ältere Menschen, die sich genieren, nach einem neuen Bett zu fragen. Stattdessen, so Bisping, liegen sie "mit 82 Jahren auf dem Boden, weil ihr Lattenrost kaputt ist". Das sei unbegreiflich und dürfe in Deutschland nicht sein, wenn man so lange gearbeitet habe.

Frauen besonders gefährdet von Altersarmut

Seit Jahren nimmt die Zahl der Menschen, die in Deutschland in Altersarmut leben, stetig zu. Besonders gefährdet sind Frauen. Laut aktuellen Daten der Bundesagentur für Arbeit ist jede dritte Frau, die in Vollzeit arbeitet, zukünftig von Altersarmut bedroht. Das ergab eine Anfrage der Linken im Bundestag.
Zu dem Unterschied zwischen der durchschnittlichen Rente der Männer und Frauen, dem sogenannten "Pension-Pay-Gap", forscht die Ökonomin Alexandra Niessen-Ruenzi von der Universität Mannheim. Ein Grund für die Altersarmut bei Frauen sei der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen. Viele Frauen arbeiten immer noch in schlechter bezahlten Branchen.
Ein weiterer wesentlicher Punkt für die schlechtere Altersvorsorge hänge jedoch immer noch mit der Familiengründung zusammen.
Diese Schere geht so richtig mit Mitte 30 auf, wenn die meisten eine Familie gründen und die Frauen ihre Berufstätigkeit an die Care-Arbeit anpassen.
Alexandra Niessen-Ruenzi, Universität Mannheim

Heirat, Kinder, Scheidung - und am Ende Altersarmut

So war es auch bei Theres Nieder. Sie hat mit 20 Jahren geheiratet und drei Kinder bekommen. Mit 30 wurde sie von ihrem Mann geschieden. Seitdem war sie darauf angewiesen, arbeiten zu gehen: Zunächst in Nachtschicht bei der Post, um sich tagsüber um ihre Kinder kümmern zu können. Später arbeitete sie in ihrem gelernten Beruf als Verkäuferin. Rücklagen konnte sie so nicht schaffen.
Die Biografie von Theres Nieder sei kein Einzelfall, so Niessen-Ruenzi. Häufig werde sie von Frauen, die kurz vor der Rente stehen, um Rat gefragt, wie sie ihre Rente noch verbessern können. Ihre Antwort ist ernüchternd. Denn wenn man nicht früh genug angefangen habe vorzusorgen, könne man nicht mehr viel tun.

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Rente ohne finanziellen Puffer

Geringere Löhne als Männer, häufigere Arbeit in Teilzeit oder in Minijobs, Kindererziehung und Scheidungen. Gründe, die auch Verena Bentele vom Sozialverband VdK Deutschland immer wieder wahrnimmt. Ihre Forderungen an den Gesetzgeber: "Es braucht bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf". Außerdem sei entscheidend, dass "zum Beispiel Zeiten der Angehörigenpflege viel besser angerechnet werden für die Rente".
Für Theres Nieder ist es zu spät, etwas für ihre Rente zu tun. Jetzt sind es die alltäglichen Ausgaben, die ihr immer wieder vor Augen führen, dass sie "keine großen Sprünge" mehr machen kann. Um eines sei sie sehr froh: dass sie gesund ist. Doch es darf nichts Unvorhergesehenes passieren, denn einen finanziellen Puffer hat sie nicht. Wie viele andere Frauen auch.

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