: Frauenhäuser am Limit

von Ina Baltes
09.06.2023 | 17:34 Uhr
Immer mehr Frauen, die Gewalt erfahren, suchen Schutz. Aber sie finden in Deutschland oft keine Zuflucht. Frauenhäuser sind meist voll belegt, rund 14.000 Plätze fehlen.
In Deutschland mangelt es an Plätzen in Frauenhäusern. Symbolbild.Quelle: dpa
Karima ist Marokkanerin und zum Studium nach Deutschland gekommen. Kurz nach der Ankunft lernt sie einen attraktiven Mann kennen. Sie heiraten nach islamischem Recht und bekommen schnell eine kleine Tochter.
Schon vor der Geburt schlägt er sie, nennt sie "seine Sklavin" und behandelt sie auch so. Da sie finanziell von ihm abhängig ist, kann sie sich lange nicht lösen. Sie weiß einfach nicht, wohin sie gehen soll. Sie erinnert sich:
Ich hatte immer solche Angst, wenn er nach Hause kam.
Karima
Irgendwann geht sie zur Polizei, die sie in ein Frauenhaus in ihrer Stadt bringt. Doch da könnte ihr Mann sie finden, also zieht sie Hals über Kopf nach Solingen, hunderte Kilometer weit weg, weil dort zufällig ein Platz in einem Frauenhaus frei wird.

Viel Gewalt und zu wenig Plätze

05.06.2023 | 04:03 min

Frauenhäuser: Bedarf an Plätzen ist groß

Ein Glücksfall. Denn es gibt viel zu wenige Frauenhäuser in Deutschland. Martina Zsack-Möllmann, die Leiterin des Hauses in Solingen berichtet, dass meist nach wenigen Stunden schon ein leerer Platz wieder besetzt wird. Der Bedarf werde immer größer, weil Frauen zunehmend besser ihre Rechte kennen und sich zur Wehr setzen gegen Gewalt.

Frauenhäuser

Eine Übersicht über Frauenhausplätze bundesweit bietet die Website:

frauenhaus-suche.de 

Achtung: Die Übersicht umfasst nicht alle Frauenhäuser in Deutschland.

Die Bundesländer haben zum Teil eigene Seiten, z. B.:

Hessen: www.frauenhaeuser-hessen.de

Nordrhein-Westfalen: www.frauen-info-netz.de

Rheinland-Pfalz: www.frauenhaeuser-rheinlandpfalz.de

Telefonische Hilfe

Hilfe–Telefon "Gewalt gegen Frauen": 080000 116016 oder neu: 116 016

www.hilfetelefon.de

In rund 77 Prozent der Fälle ist der Ehemann oder Partner der Täter, nach wie vor dominieren eindeutig die Fälle von männlicher Gewalt in heterosexuellen Partnerschaften.
Viele Frauen kommen mit ihren Kindern, so dass auch die im Frauenhaus untergebracht und betreut werden müssen. Der Bedarf an verschiedensten Sozialarbeiterinnen und Betreuerinnen ist derzeit für die Frauenhäuser wegen des Fachkräftemangels schwierig zu decken – ein weiteres Problem.

Warum Frauen und Kinder noch immer nicht gut genug geschützt sind.

08.03.2023 | 12:34 min

Mindestens 14.000 Frauenhaus-Plätze fehlen

In Solingen jedenfalls fühlt sich Karima jetzt sicher. Zum ersten Mal, so sagt sie, habe sie hier im Frauenhaus ein zu Hause in Deutschland – ein kleines Zimmer für sich und ihre Tochter. Sie bekommt psychologische und auch ganz praktische Hilfe bei Behördengängen und schließlich auch beim Start in ihr neues Leben. Denn einen Kita-Platz, einen Job und eine Wohnung zu finden, ist für Karima eine große Herausforderung.
Solche Hilfe wird nicht jeder Frau zuteil, die in Deutschland Gewalt erlebt. 2018 ist Deutschland der Istanbul-Konvention beigetreten. Ein bindender völkerrechtlicher Vertrag zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen.
Doch die Bundesregierung kann den Standard, der dort vorgeschrieben ist, bei weitem nicht erfüllen. Rund 6.800 Frauenhaus-Plätze gibt es hierzulande, es fehlen - je nach Lesart - mindestens weitere 14.000.

Die Zahlen zu häuslicher Gewalt sind dramatisch. Die Initiative #DieNächste will gegen Schweigen und Scham helfen. Gegründet haben sie fünf Frauen, die selbst Opfer waren.

04.06.2023 | 02:59 min

Problem ist Politik bekannt

Die Bundesfamilienministerin kennt das Problem. Mit dem ZDF darüber sprechen möchte sie nicht. Im Koalitionsvertrag der jetzigen Regierung ist eigentlich festgehalten, dass der Bund einen einheitlichen Rechtsrahmen sichern und in die Finanzierung der Frauenhäuser einsteigen soll – bisher ist die Frauenhaus-Finanzierung ein Flickenteppich - eigentlich Sache der Länder und Kommunen und überall anders geregelt oder auch gar nicht.
Doch jetzt erst - eineinhalb Jahre nach dem Start der Regierung Scholz - beginnen so langsam die Verhandlungen. Nicht einmal der Finanzbedarf zur Erfüllung der Istanbul-Konvention ist derzeit ermittelt.
Hoffnung, dass in dieser Legislaturperiode eine durchgreifende Veränderung eintritt, gibt es kaum.
Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version des Texts enthielt ein falsch zugeschriebenes Zitat. Der Fehler wurde korrigiert und das Zitat entfernt.

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