: Als freie Meinung auf Scheiterhaufen brannte

10.05.2023 | 06:00 Uhr
Ein dunkler Tag in der Geschichte: Im Mai 1933 brannten in Deutschland Zehntausende Bücher - und mit ihnen die Meinungsfreiheit. Auch heute noch landen unliebsame Bücher im Feuer.
Bücherverbrennung im Mai 1933 auf dem Opernplatz in Berlin (Archivfoto).Quelle: dpa
"Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen": Heinrich Heines düstere Prognose von 1820 wurde mehr als 100 Jahre später grausige Wirklichkeit. Im Frühling 1933, vor 90 Jahren, brannten in Deutschland die Bücher.
Die Scheiterhaufen waren ein weiteres Fanal für den Weg in die totalitäre Diktatur und den Holocaust. Bundesweit erinnern in diesen Tagen Städte, Hochschulen und Verlage an diesen Versuch, unliebsames Wissen und Meinungsfreiheit zu vernichten.

Bücherverbote an Schulen in den USA

Dabei richtet sich der Blick auch in die Gegenwart: Seit rund 40 Jahren gibt es in den USA die "Banned Books Weeks", in denen die Initiatoren gegen zunehmende Versuche reagieren, unliebsame Bücher aus Schulen, Buchhandlungen und Bibliotheken zu entfernen.
Auch Bücher der "Twilight"-Saga oder die "Harry Potter"-Reihe von Joanne K. Rowling landeten in den vergangenen Jahren im Feuer: zunächst auf Initiative christlicher Extremisten in Polen oder den USA - später auch auf Initiative von Aktivisten, die Rowling transphobe Äußerungen vorwarfen.

In Florida werden immer mehr Bücher über Gender und Sexualität verboten. Queere Aktivisten kämpfen dagegen an, während rechtsgerichtete Organisationen die Verbote vorantreiben.

30.04.2023 | 01:13 min

Brennende Bücher, geplünderte Bibliotheken

Die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 in Berlin war dabei nur der Höhepunkt einer monatelangen Kampagne der Einschüchterung und des Terrors: Die ersten Bücher loderten schon im Februar 1933, als Verlage, Buchhandlungen und Bibliotheken von SPD, KPD und Gewerkschaften geplündert wurden. Auch die Hitlerjugend suchte in Schulbüchereien nach verfemten Schriften und verbrannte sie bei Schulfesten und Gelöbnisfeiern.
Dass die Kampagne solche Wucht erlangte, verdankte sie dem Machtkampf zwischen der Deutschen Studentenschaft (DSt) und dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) an den Hochschulen.
"Der Staat ist erobert. Die Hochschulen noch nicht. Die geistige SA rückt ein. Die Fahne hoch." Unter diesem Schlachtruf gingen die Nazis nach der Machtergreifung daran, ihre Herrschaft an den Universitäten auszubauen. Ideologisch gab es dabei zwischen NS-Studentenbund und der Deutschen Studentenschaft kaum Differenzen. Aber es ging darum, wer das Recht der weltanschaulichen Schulung der Studenten durchsetzte.

Fackelzug in Berlin am 10. Mai

Weit mehr als 20.000 Bücher kamen allein in Berlin bei den Sammelaktionen zur Bücherverbrennung zusammen. 5.000 Studenten zogen am Abend des 10. Mai in einem Fackelzug zum Opernplatz, begleitet von geschätzten 80.000 Zuschauenden
Bis Ende Mai loderten von Königsberg bis Bonn und von Kiel bis München in fast allen Universitätsstädten die Scheiterhaufen. Unter Beteiligung von Rektoren und Professoren verbrannten die Bücher von Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Alfred Döblin, Bertolt Brecht, Else Lasker-Schüler, Alfred Kerr, Ernst Ottwalt und vielen anderen.

Vor 125 Jahren wurde der Dramatiker Bertolt Brecht geboren. Was macht ihn heute noch aktuell? Das haben wir Martin Wuttke und Adele Neuhauser gefragt.

10.02.2023 | 06:59 min

Bücherverbrennungen auch in Antike und Mittelalter

Mit der Bücherverbrennung konnten die Nationalsozialisten auf eine jahrhundertealte Tradition zurückgreifen. Schon der römische Kaiser Diokletian (284-305) ließ Schriften der Christen verbrennen.
Durch das ganze Mittelalter ordneten Kaiser, Bischöfe oder Konzilien die Vernichtung als häretisch angesehener Schriften an: Etwa bei der Pariser Talmudverbrennung, bei der 1242 auf Anordnung der Kirche jüdische Bücher aus ganz Westeuropa zusammen gekarrt und auf einem riesigen Haufen verbrannt wurden.

Nationalsozialisten beriefen sich aufs Wartburgfest

Unmittelbar beriefen sich die Nationalsozialisten auf das Wartburgfest von 1817, auf dem radikale Burschenschafter "reaktionäre" und "undeutsche" Schriften verbrannten.
Heine befand dazu: "Auf der Wartburg krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren!"
Quelle: Christoph Arens, KNA

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