: Klimarat-Chef hadert mit Untergangszenarien

29.07.2023 | 10:15 Uhr
Der neue Vorsitzende des Weltklimarates hält nichts von Untergangsszenarien. Die Welt werde beim Verfehlen des 1,5-Grad-Ziels nicht untergehen - aber sie werde gefährlicher.
"Kein Wissenschaftler kann den Menschen vorschreiben, wie sie leben oder was sie essen sollen", sagt Jim Skea, neuer Vorsitzender des Weltklimarates. (Archivbild)Quelle: dpa
Der neue Chef des Weltklimarates warnt vor übertriebenen Befürchtungen bei einem Verfehlen des 1,5 Grad-Ziels. "Dieses Temperaturziel ist unglaublich symbolträchtig", sagte der Brite Jim Skea dem "Spiegel". "Trotzdem sollten wir nicht verzweifeln, wenn die Welt die 1,5 Grad überschreitet." Die Welt werde dann nicht untergehen. Er fügte hinzu:
Es wird jedoch eine gefährlichere Welt sein.
UN-Klimaratschef Jim Skea im "Spiegel"

Skea: Instrumente gegen Erderwärmung vorhanden - man muss sie nur anwenden

"Die Länder werden mit vielen Problemen kämpfen, es wird soziale Spannungen geben", warnt Skea. Nach dem Klimaziel soll die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius bis 2100 begrenzt werden, gemessen an vorindustriellen Durchschnittstemperaturen.

Die Dürre in Kenia verschärft sich. Wanderhirten kämpfen tagtäglich mit Hunger, Durst und Armut. Kilometerweit ziehen sie durch trockenes Land, denn jeder Tropfen Wasser bedeutet Hoffnung für die unterernährten Menschen.

26.07.2023 | 13:53 min
Wenn man "ständig nur die Botschaft aussendet, dass wir alle dem Untergang geweiht sind, dann lähmt das die Menschen und hält sie davon ab, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um mit dem Klimawandel fertig zu werden", sagte Skea der dpa.
Er habe mit Koautoren der jüngsten Ratsberichte immer Wert darauf gelegt, den "Silberstreif am Horizont" zu sehen. Die Technologien und Instrumente seien vorhanden, sie müssten nur auch angewendet werden. Die Zukunft des Menschen liegt in unserer Hand. Nutzen wir das. Er appellierte:
Engagiert euch! Sitzt nicht auf dem Sofa und schaut den Debatten über den Klimawandel zu. Jeder einzelne kann etwas tun.
UN-Klimaratschef Jim Skea

Über 1.300 Milliarden Kubikmeter Wasser sind in den Ozeanen enthalten. Ein riesiger Wärmespeicher, der das Klima beeinflusst. Was passiert, wenn der Speicher überhitzt?

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Skea: Rat muss Klima-Erkenntnisse praxistauglich aufbereiten

Der 69-jährige Physiker und Professor für nachhaltige Energie war vor wenigen Tagen zum Chef des Weltklimarates IPPC gewählt worden. Skea erklärte, das Gremium müsse auch selbst mehr tun, um seine Erkenntnisse besser als Handlungsgrundlage für bestimmte Gruppen aufzubereiten.
Er nannte Stadtplaner, Landwirte oder Unternehmen. "Bei dieser ganzen Sache geht es um echte Menschen und ihr reales Leben, nicht um wissenschaftliche Abstraktionen", sagte er. "Wir müssen ein Stück runterkommen."

Der Weltklimarat IPCC ...

... ist eine UN-Institution in Genf. Für ihn tragen Fachleute den wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Klimawandel alle fünf bis sieben Jahre zusammen. Sie zeigen Handlungsoptionen und ihre jeweiligen Konsequenzen auf. Entscheidungen treffen aber Regierungen. Die Berichte des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) sind die wichtigste Grundlage für politische Entscheidungen zur Eindämmung des Klimawandels. Die nächsten Berichte sind Ende der 2020er Jahre zu erwarten.
Ein weiteres Augenmerk will Skea auf die Finanzierung von Klimamaßnahmen und Anpassungen legen. "Es gibt genug Geld in der Welt, die Herausforderung ist, die Finanzströme an die richtigen Stellen zu bekommen."
Für besonders wichtig hält der Forscher den Ausbau erneuerbarer Energien, um klimaschädliche Kohlekraftwerke, Gasheizungen oder Erdöl in Industrie und Verkehr zu ersetzen. Zur Veränderung des Lebensstils sagte der Brite dem "Spiegel":
Kein Wissenschaftler kann den Menschen vorschreiben, wie sie leben oder was sie essen sollen.
UN-Klimaratschef Jim Skea
Individueller Verzicht sei gut, werde aber den großen Wandel nicht herbeiführen. Damit man klimabewusster leben könne, bräuchte es eine ganz neue Infrastruktur.
Quelle: Reuters, dpa

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