: Was bedeutet der Streik für Netflix und Co.?

von Elisa Knöckel, Washington, D.C.
06.05.2023 | 15:48 Uhr
Tausende Drehbuchautoren streiken in den USA. Late-Night-Shows senden jetzt schon Wiederholungen. Welche Auswirkungen der Streik hat und was die Streikenden fordern.
In Hollywood sind Autorinnen und Autoren von Drehbüchern in den Streik getreten.Quelle: AP
Wer sich diese Woche in den USA abends vor den Fernseher setzen und seine Lieblings-Late-Night-Show anschauen will, wird enttäuscht. Denn seit knapp einer Woche laufen bei Jimmy Fallon, Seth Meyers, Jimmy Kimmel und Co. höchstens Wiederholungen.
Wenn Sie mich nächste Woche nicht sehen, sollten Sie wissen, dass dies nicht leichtfertig geschieht und dass es mir das Herz brechen wird.
Seth Meyers, Late-Night-Host auf NBC

Über 11.000 Autoren legen Arbeit nieder

Das sind die direkten Auswirkungen des Drehbuchautor*innen-Streiks in Hollywood und New York City. Es ist der erste Streik seit 15 Jahren. Er begann, als rund 11.500 Autor*innen mit dem Ende ihres Vertrags zum Mai die Arbeit niederlegten.
Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen, die sich laut der Gewerkschaft "Writers Guild of America" (WGA) mit dem Streaming-Boom stark verschlechtert hätten. "Ich war Feuer und Flamme, für das einzutreten, was wir verdiene", sagte die Autorin Jonterri Gadson, die mit Kolleg*innen vor dem Sitz des Streaming-Diensts Amazon in Kalifornien demonstrierte.

Höhere Löhne, Arbeitssicherheit, KI: Die Forderungen der Streikenden

Die Forderungen der Drehbuchautor*innen umfassen mehrere Punkte:
  • Höhere Löhne
Die Streikenden fordern eine bessere Bezahlung ihrer Arbeit. Der Autor und Schauspieler Adam Conover sagte dem Nachrichtensender CNN, dass die Bezahlung über die vergangenen zehn Jahre um 23 Prozent gesunken sei.
Zudem gäbe es auf Streaming-Plattformen kaum Tantiemen im Vergleich zum konventionellen Fernsehen - Tantiemen sind die Zahlungen, die Autorinnen und Autoren bekommen, wenn Folgen erneut ausgestrahlt werden. Durch fehlende Einnahmen aus Tantiemen lebten sie am Existenzminimum und könnten sich das Leben in Städten wie L.A. kaum bis gar nicht mehr leisten, beklagen einige an den Streikposten.
  • Arbeitssicherheit
Die Gewerkschaft WGA fordert eine feste Anzahl an Autor*innen pro Serie. Der Trend ginge immer weiter in Richtung freier Anstellung, was für die Drehbuchautor*innen mangelnde Arbeitssicherheit bedeute.
Auf diese Forderung will die Vertreterorganisation für die Studios und Produktionsfirmen AMPTP ("Alliance of Motion Picture and Television Producers") laut einem Statement nicht eingehen.
  • Künstliche Intelligenz
Die Autor*innen fordern Regelungen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Die Gewerkschaft befürchtet, dass die großen Studios und Produktionsfirmen, Skripte in Zukunft durch Künstliche Intelligenz erstellen lassen und Autor*innen ihre Jobs verlieren.
Außerdem findet die NBC-Autorin Kari Drake, es sei wichtig, "dass Menschen Geschichten über unsere menschlichen Erfahrungen erzählen und diese nicht von Algorithmen generiert werden."

Das deutsche Anti-Kriegsdrama von Regisseur Edward Berger hat gleich vier Academy Awards in Los Angeles gewonnen - unter anderem in der Kategorie "Bester internationaler Film".

13.03.2023

Keine Einigung in Sicht

In einem Statement heißt es seitens der Vereinigung der Studios und Produktionsfirmen, sie hätte eine "großzügige Erhöhung der Vergütung" vorgeschlagen. Da sie aber auf andere Forderungen, wie die nach einer Mindestanzahl an Autor*innen pro Serie, nicht eingehen wollten, gab es bisher keine Einigung.
Auch einige Prominente haben sich auf die Seite der Autor*innen gestellt. "Ich bin absolut der Meinung, dass die Autor*innen keine andere Wahl haben", sagte die Grey’s-Anatomy-Darstellerin Kate Burton in einem Interview.
Auch der Late-Night-Moderator Jimmy Fallon solidarisierte sich mit den Streikenden:
Ohne Autoren gäbe es meine Show nicht.
Jimmy Fallon, Moderator
In die gleiche Richtung äußert sich Regisseurin, Filmproduzentin und Schauspielerin Olivia Wilde: "Ich unterstütze die Autoren, denn das betrifft uns alle."

Start neuer Produktionen unklar

Bis sich die Folgen auf den Streaming-Plattformen bemerkbar machen, könnte es noch einige Zeit dauern. Denn der Produktionsprozess für geskriptete Serien und Filme ist langwierig. Dort, wo die Skripte bereits geschrieben sind, können die Produktionen weiterlaufen. Doch ohne Gespräche und Einigungen zwischen der Gewerkschaft und den Studios ist kaum vorherzusagen, wann neue Produktionen in den USA wieder starten.
Der letzte Streik 2007 dauerte 100 Tage an. Auch dieses Mal wird davon ausgegangen, dass sich der Streik über einige Monate ziehen könnte. "Wir bleiben so lange auf der Straße, wie es nötig ist", zitiert die "Washington Post" den Autor Josh Gard.
Netflix wird durch den globalen Fokus zunächst mit vielen Produktionen aus dem Ausland beliefert. Ob man im Herbst enttäuscht vor dem Fernseher sitzt, weil die Lieblingsserie aus den USA keine neuen Folgen liefert, bleibt abzuwarten.

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