: Krieg im Sudan - brutal und unbeachtet

von Golineh Atai und Amro Refai
15.04.2024 | 12:17 Uhr
Zwei Generäle und ihr brutaler Krieg: Zerstörung, Hunger und die weltweit größte Vertreibungskrise sind die Folgen. Der Sudan leidet - und die Welt schaut weg.

Im Sudan kämpfen die Armee von Präsident Al-Burhan und die Milizen seines früheren Stellvertreters Daglo gegeneinander. Der Machtkampf führt zu Flucht und Zerstörung.

15.04.2024 | 01:46 min
Im November 2023 gingen die Paramilitärs der "Schnellen Eingreiftruppe" (RSF) von General Hemedti von Haus zu Haus. Die Milizen waren auf der Jagd, als sie in Al-Geneina, in der westsudanesischen Region Darfur, das Ardamata-Viertel einnahmen.
Sie plünderten die Häuser und nahmen zahlreiche Männer mit - um sie hinzurichten. Nach Angaben der UN und lokaler Quellen töteten die Milizen zwischen 800 bis 1.300 Menschen - die meisten Zivilisten. Dieser neu entflammte Krieg dauert nun schon ein Jahr - ohne viel Aufmerksamkeit zu erlangen.

Wieder Hinrichtungen und Verfolgung in Darfur

Eines der Opfer war der dreißigjährige Lehrer Qamareddin Abdul Rahim. Sie stellten ihn mit anderen Zivilisten in eine Reihe, befahlen ihnen, ihre Kleider auszuziehen, beschuldigten sie, mit der Armee zu kollaborieren - und feuerten.
Zwei Männer starben sofort, drei überlebten. Abdul Rahim wurde an der Schulter getroffen. Die Milizen hatten die Erschießung gefilmt und veröffentlicht - als Warnung an die Bevölkerung, sich der Miliz nicht in den Weg zu stellen.
Die beiden Getöteten waren jung. Sie waren meine Freunde. Die extreme Angst, die ich danach spürte, kann einen Menschen innerlich sterben lassen.
Abdul Rahim
Gegenüber dem ZDF erzählt Abdul Rahim weiter: "Du erinnerst dich plötzlich an dieses Video, und was passiert ist - und dann siehst du dich selbst als einen Toten."

Der UN-Sicherheitsrat hat zu einer Waffenruhe im Sudan während des Ramadan aufgefordert. Seit fast einem Jahr kämpfen die Regierung und eine Rebellengruppe um die Macht im Land.

09.03.2024 | 00:15 min
Der Lehrer gehört zur Volksgruppe der Masalit in Darfur. Eine jener Ethnien, die seit den 1990ern immer wieder Gewalt- und Säuberungskampagnen seitens arabischstämmiger Milizen erfahren haben. Zwischen 2003 und 2008 starben in Darfur schätzungsweise mehr als 500.000 Zivilisten durch brutale Angriffe, Hunger und Krankheiten. Mehr als zwei Millionen wurden vertrieben. Hinter der Gewalt steckte die Regierung Sudans, die vorgab, eine Rebellion in Darfur zu bekämpfen. Der Internationale Strafgerichtshof erließ Haftbefehle gegen den damaligen Präsidenten Omar Al-Bashir - unter anderem wegen Kriegsverbrechen und Völkermord.

Neue Gewalt im Sudan - Frauen als erste Opfer

Der Krieg, der am 15. April 2023 in der Hauptstadt Khartoum begann und fast das ganze Land erfasste, hat diese ethnische Gewalt reaktiviert. Aus jenen Stammeskriegern, die die Regierung Sudans damals in Darfur einsetzte, bildeten sich später die Paramilitärs des Generals und Vizepräsidenten Hemedti. Dieser kämpft seit einem Jahr gegen seinen Rivalen: Armeechef und Präsident Abdelfattah Al-Burhan. Ein Kampf um die Macht im Land und um Sudans reiche Gold- und Erzressourcen.

Im Sudan, dem drittgrößten Staat Afrikas, gibt es seit Mitte April gewaltsame Konflikte zwischen dem Militär und der paramilitärischen Gruppe RSF. Es hat bereits Tote gegeben.

31.08.2023 | 02:38 min
Sudans Frauen sind die ersten Leidtragenden. Doch wegen des Stigmas reden die meisten kaum über die sexuelle Gewalt, die ihnen seit Kriegsausbruch widerfahren ist. Safiya, 27, hat fünf Kinder. Sie leben am Rand des Kalma-Flüchtlingscamps in Süd-Darfur. Der Familienvater, der sie versorgte, ist seit dem Krieg verschwunden, erzählt die Frau im ZDF-Interview.
Als wir rausgingen, um nach etwas zu essen zu suchen, haben zwei Männer mich und mein Kind verfolgt und vergewaltigt. Sie haben uns Schlägen, extremer Gewalt und Demütigung ausgesetzt.
Safiya im ZDF-Interview
Hilfsorganisationen versorgen seit Jahren das Kalma Camp - doch zogen sich aufgrund des Krieges zurück. Hunderttausende Vertriebene versuchen nun, mit nichts mehr als Hirsemehl und Wasser zu überleben.

Krieg im Sudan: Kaum Aufmerksamkeit trotz Gefahrenpotenzial

Sudans Gesellschaft militarisiert sich so schnell wie nie zuvor. Die RSF-Milizen rüsten auf mit Kämpfern aus der Sahelzone. Die Armee bewaffnet die Zivilbevölkerung und gewinnt unter anderem mit Hilfe iranischer Drohnen Land zurück. Beiden Kriegsparteien werden Kriegsverbrechen zur Last gelegt. Doch im Gegensatz zum Darfur-Konflikt 2003, der die Welt bewegte, erhält dieser Krieg kaum politische oder mediale Aufmerksamkeit. Der Konflikt habe das Potenzial, bereits fragile Nachbarländer zu destabilisieren, große Migrationsströme nach Europa zu erzeugen und extremistische Gruppen anzuziehen, analysiert die britische Denkfabrik Chatham House.
Golineh Atai ist Leiterin des ZDF-Studios in Kairo und verantwortlich für die Berichterstattung aus einigen Ländern im Nahen Osten.

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