: "Diese zwei Jahre waren die Hölle"

22.02.2024 | 15:13 Uhr
Kurz nach Kriegsbeginn wurde Artem Dmytryk in Mariupol von Russen gefangen genommen. Nach zwei Jahren ist er nun wieder bei der Familie - sein kleiner Sohn kennt ihn fast nicht.
Müssen sich neu finden: Kateryna Dmytryk und Ehemann Artem mit Söhnchen Timur. Quelle: AP
Auf diesen Moment hat Kateryna Dmytryk lange gewartet - fast das ganze Leben ihres Sohnes. Mit dem zweijährigen Timur läuft die 23-Jährige durch den Schnee auf ihren Mann zu: Artem Dmytryk kommt dünn und blass aus dem Militärkrankenhaus in Kiew - nach fast 21 Monaten in russischer Gefangenschaft. Dann hebt der 25-Jährige seinen Sohn hoch, und Kateryna drückt seine Hand, um sich zu vergewissern, dass dies kein Traum ist. Sie umarmen sich, küssen sich und lachen.
In den vergangenen Monaten ist Kateryna an russischen Kontrollpunkten vorbei aus ihrer Heimatstadt geflohen und hat dabei immer um das Leben ihres Mannes gebangt. Sie weiß, dass es Jahre dauern wird, bis die Wunden verheilt sind, doch in diesem Moment kann sie lächeln.

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In zermürbenden Krieg gestürzt

Als Russland seinen Krieg gegen die Ukraine begann, veränderte dies das Leben von Millionen Ukrainern für immer. Wie bei den Dmytryks teilt sich ihr Leben in die Zeit vor dem 24. Februar 2022 und die Zeit danach. Zehntausende mussten ihre Angehörigen zu Grabe tragen, Millionen aus ihrer Heimat fliehen, und das Land wurde in einen zermürbenden Krieg gestürzt.
Für Kateryna bringt die Freilassung ihres Mannes nun einen Hoffnungsschimmer, doch sie weiß, dass die Erlebnisse der vergangenen zwei Jahre sie für immer begleiten werden. Kateryna sagt:
Uns wurden zwei Jahre unseres Lebens gestohlen. Und diese zwei Jahre waren die Hölle.
Kateryna Dmytryk, Soldaten-Ehefrau

Normales Familienleben

Als der Krieg begann, waren die Dmytryks gerade dabei, sich an das Leben zu dritt zu gewöhnen. Artem war in die Armee eingetreten und diente im Grenzschutz, der in Berdjansk stationiert war. Im Mai 2021 heirateten er und Kateryna und bekamen bald darauf Timur. "Es war ein friedliches, ganz normales Familienleben", sagt Kateryna.

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Am Valentinstag 2022 wurde Artems Einheit in Kampfbereitschaft versetzt. Kateryna dachte sich nicht viel dabei, auch wenn die Spannungen durch die verstärkte russische Militärpräsenz an der Grenze stiegen. Das letzte Mal war Artem am 23. Februar zuhause. Heute sagt Kateryna:
Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ein Krieg von solchem Ausmaß ausbrechen würde.
Kateryna Dmytryk

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"Die Ukraine wird siegen"

Innerhalb weniger Tage hatten russische Truppen Berdjansk und die Umgebung besetzt. Artem konnte sich nur selten melden - nur durch die Nachrichten erfuhr Kateryna, was in Mariupol geschah: Die Stadt war eingekesselt, Tausende Bewohner saßen in der Falle, und eine der blutigsten Schlachten des Krieges war im Gange. In ihren seltenen, kurzen Gesprächen sagte Artem: "Alles wird gut. Die Ukraine wird siegen."

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Manche Anrufe dauerten nur eine Minute. Einmal bat Artem sie, jeden Tag ein Foto von Timur zu machen, so dass er sehen könne, wie sein Sohn wuchs. Schließlich fürchtete er, dass er nicht überleben würde und rief an, um sich zu verabschieden. "Er sagte, wenn er es nicht schaffen würde, wäre er ein Schutzengel für unseren Sohn", erzählt Kateryna.

Mut zur Flucht

Artem drängte Kateryna, aus dem Dorf ihrer Eltern in von der Ukraine kontrolliertes Gebiet zu fliehen. Sie machte sich auf den Weg nach Kiew, wo ihre Schwägerin lebte. Hier wartete sie fast 21 Monate auf Artems Rückkehr aus der Gefangenschaft.
Artem war einer von mehr als 2.500 Soldaten, die in russische Gefangenschaft gerieten, als das riesige Stahlwerk Asowstal in Mariupol in russische Hände fiel. Kateryna verlor das Zeitgefühl für Tage, Monate, Jahre. Jede Nacht wachte sie voller Angst auf. Sie begann, an Demonstrationen teilzunehmen, zu denen sich die Angehörigen der Kriegsgefangenen versammelten.

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Familie wiedervereint

Am 8. Februar erhielt Kateryna eine Nachricht von der Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene: Artem Dmytryk sollte im Rahmen eines Gefangenenaustausches freikommen. Sie traute ihren Augen nicht. Ein paar Stunden später rief er an: "Hallo, ich bin in der Ukraine." Mit dem Bus wurde er nach Kiew gebracht.
Über die Gefangenschaft sprechen sie kaum. Artem möchte nicht erzählen, was er durchgemacht hat. Stattdessen konzentrieren sie sich darauf, Dinge nachzuholen. "Wir entdecken uns neu und verlieben uns nochmal ineinander" sagt Kateryna. Beide haben sich verändert, sind stärker geworden - und müssen lernen, wieder miteinander zu leben. Immer auch in Gedanken bei den tausenden ukrainischen Soldaten, die immer noch in russischer Kriegsgefangenschaft sind.
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Quelle: AP

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