: Palmer: "Therapie würde ich es nicht nennen"

von Pierre Winkler
01.09.2023 | 01:20 Uhr
In seinem ersten großen Talkshow-Auftritt seit seiner Auszeit verrät Boris Palmer, was er gelernt habe. Geläutert gibt sich Tübingens Oberbürgermeister nur teilweise.
Tübingens parteiloser Oberbürgermeister Boris Palmer im ZDF-Talk mit Markus Lanz. Quelle: Cornelia Lehmann ZDF
Anfang Mai trat Boris Palmer bei den Grünen aus und kündigte an, sein Amt als Tübinger Oberbürgermeister für einen Monat ruhen zu lassen. Für diese Zeit zog er sich komplett aus der Öffentlichkeit zurück, und auch seitdem ist es stiller geworden um ihn. Bei Markus Lanz beschrieb er am Donnerstagabend, wie es ihm seitdem ergangen ist.
Ich war für mich an einem toten Punkt.
Boris Palmer, Tübinger Oberbürgermeister
"Ich habe nach dem x-ten Shitstorm jetzt einen gehabt, der war auch für mich persönlich so schlimm, dass ich gesagt habe: Ich muss jetzt irgendwie mal raus aus dieser Mühle", so Palmer. "Ich schaffe das auch nicht mehr. Das zermürbt mich."

Boris Palmer und weitere Gäste bei Markus Lanz - die ganze Sendung.

31.08.2023 | 76:09 min

Heftige Kritik an Palmer nach Judenstern-Aussage

Palmer war heftig in die Kritik geraten, weil er am Rande einer Migrationskonferenz in Frankfurt am Main das sogenannte N-Wort verwendet hatte. Daraufhin von einer wütenden Menge mit "Nazis raus"-Rufen konfrontiert, entgegnete Palmer: "Das ist nichts anderes als der Judenstern. Und zwar, weil ich ein Wort benutzt habe, an dem ihr alles andere festmacht. Wenn man ein falsches Wort sagt, ist man für euch ein Nazi."
Nach der Konferenz habe die Universität Frankfurt als Veranstalter der Migrationskonferenz "eine Erklärung rausgegeben, dass ich den Holocaust relativiert hätte mit dem Begriff 'Judenstern', was mich erst mal total konsterniert hat". Trotzdem sei ihm mittlerweile klargeworden: "In Deutschland gibt es aus gutem Grund eine rote Linie. Man darf, egal wie, keine Vergleiche dieser Art machen, weil es dann immer jemanden gibt, der eine üble Absicht hat und wirklich den Holocaust relativieren will, die Nazikeule relativieren will."

Palmer arbeitet in Auszeit an "Selbstbeherrschung"

In seiner Auszeit habe er mit einem "Coach" zusammen an sich gearbeitet. "'Therapie' würde ich es nicht nennen", sagte Palmer. Es sei vor allem darum gegangen, "diese Impulse, da so überzureagieren", in den Griff zu bekommen und erklärt:
Die Gespräche, die ich geführt habe, haben ziemlich sicher für mich ergeben: Es geht nicht um eine krankhafte Deformation, sondern es geht wirklich darum, Techniken der Selbstbeherrschung zu trainieren.
Boris Palmer, Tübinger Oberbürgermeister
Mit der Frage konfrontiert, ob er sich bei den Menschen entschuldigen wolle, die er beleidigt oder gekränkt habe, antwortete Palmer: "Wenn ich den Eindruck habe, dass das tatsächlich der Fall ist, gerne. Und habe ich auch schon gemacht. Wenn ich den Eindruck habe, die Verletzung wird nur instrumentell vorgetäuscht, um damit Macht über andere auszuüben, tue ich es nicht." Letzteres sei nämlich ein großes Problem "in unserer Diskurskultur".

Boris Palmer polarisiert gerne: Manche Geflüchteten führten ein Leben in "Luxus" von der Stütze, so der Politiker im Februar.

17.02.2023 | 03:59 min
Palmer gab an, sich auf die Kommunalpolitik konzentrieren und sich bei bundespolitischen Themen zurückhalten zu wollen. Beim Thema Wirtschaft malte er aus Tübinger Perspektive ein düsteres Bild. Er habe beobachtet, "dass da eine Negativstimmung aufgekommen ist, die ich so in den letzten 16 Jahren, so lange bin ich im Amt, nicht erlebt habe".

Palmer: "Unfassbare Bürokratie" in Deutschland

Deutschland mache es sich selbst schwer mit "unfassbarer Bürokratie", Digitalisierung sei für die öffentliche Verwaltung immer noch ein Fremdwort. Viele Probleme kämen zu einem "gerade toxischen Cocktail" zusammen. Unternehmen in Tübingen "sagen mir ziemlich direkt ins Gesicht: 'Wachstum in Deutschland ist für uns vorbei. Das geht gar nicht mehr.'"
Bei der Diagnose überbordender Bürokratie stimmte ihm der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth zu, entgegnete aber: "Erst einmal kann ich mit diesen Untergangsszenarien für Deutschland überhaupt nichts anfangen. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich ein bisschen in der Welt rumkomme und mir viele immer wieder sagen: 'Eure Probleme möchten wir gerne haben.'"

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