: Der Absturz des Boris Palmer

von Eva Schiller
02.05.2023 | 17:55 Uhr
Erst Eklat, dann Partei-Austritt und jetzt ist er erstmal abgetaucht: Boris Palmer, der Oberbürgermeister von Tübingen.
Sein Jähzorn ist ein offenes Geheimnis - in Tübingen und anderswo. Boris Palmer ist der bekannteste Kommunalpolitiker Deutschlands. Dauergast auf Talkshow-Stühlen. Ein Meister der Provokation, einer, der auf roten Linien balanciert. Jetzt ist er erst mal abgestürzt.
Nach dem Eklat vor der Frankfurter Uni, als mal wieder sein Temperament mit ihm durchging und er sich in krude Nazi-Vergleiche verstrickte, verordnet sich Boris Palmer eine einmonatige Auszeit im Juni.
Auch wenn dieser Zeitraum sicher nicht ausreichen wird, um die vor mir stehende Aufgabe vollauf zu lösen, bin ich doch zuversichtlich, dass es mir gelingen wird, sie anzugehen, genug Abstand zu gewinnen und Kraft zu schöpfen.
Boris Palmer, OB von Tübingen
Außerdem tritt er bei den Grünen aus. Endgültig. Die Partei atmet auf - so viel ist sicher.

Boris Palmer: Winfried Kretschmann winkt ab

Ja, es gibt auch bei den Grünen einen Palmer-Fanclub, zu dem auch Baden-Württembergs Ministerpräsident gehörte. Kretschmann sah in Palmer lange einen würdigen Nachfolger. Einen, der wie er, die grüne Identitätspolitik kritisch sieht. Einen, der über großes politisches Talent verfügt. Der das ausspricht, was viele denken.
Aber jetzt winkt der Ministerpräsident bedauernd ab, wenn er auf Palmer angesprochen wird. Nichts mehr zu retten, zu viel verbrannte Erde hinterlassen. Weite Teile der Grünen verabscheuen Palmer regelrecht, hätten ihn gern schon lange aus der Partei geschmissen.
Twitter-Video zeigt Eklat in Frankfurt

Boris Palmer: Immer wieder gibt es Entgleisungen

Die Liste seiner Entgleisungen ist lang: 2019 regt er sich über Werbeplakate der deutschen Bahn auf, wegen der vielfältigen Testimonials, unter ihnen der schwarze Fernsehkoch Nelson Müller.
Palmer fragt auf Facebook: "Welche Gesellschaft soll das abbilden?" In einem anderen Post über den Fussballer Dennis Aogo verwendet er auch schon das rassistische N-Wort. Später will Palmer das dann ironisch gemeint haben.

Im ZDF-morgenmagazin spricht Omid Nouripour, Grünen-Bundesvorsitzender, auch über Boris Palmer. Er wünscht ihm ein gutes Leben.

02.05.2023 | 05:39 min
Daraufhin, schon vor zwei Jahren, dachte Annalena Baerbock öffentlich über seinen Parteiausschluss nach. Als Kompromiss einigt man sich dann auf eine ruhende Parteimitgliedschaft bei den Grünen.
Wäre Palmer jetzt nicht freiwillig ausgetreten, hätte man ihn ziemlich sicher rausgeworfen. Nachdem nun auch sein größter grüner Fürsprecher und Anwalt Rezzo Schlauch von ihm abgerückt ist.

Nach Eklat in Frankfurt: Wie geht es für Palmer weiter?

Jetzt also eine Auszeit. Mal sehen, wie lange die dauert. Boris Palmer selbst bringt in seiner etwas wirren, psychologisch hoch interessanten persönlichen Erklärung auf den Punkt, was das Problem ist:
Als Politiker und Oberbürgermeister hätte ich niemals so reden dürfen.
Boris Palmer
Und: Wenn er angegriffen werde, dann "wehre ich mich in einer Weise, die alles nur schlimmer macht."
Selbsterkenntnis könnte der erste Schritt zu Veränderung sein: Palmer will sich jetzt professionelle Unterstützung suchen und erstmal die Klappe halten. Im Rathaus hat er sich am Montag erstmal krank gemeldet.
Tübingens Oberbürgermeister will er trotzdem bleiben. Sein Amt aber jetzt mit mehr Demut ausfüllen. Wer ihn kennt, kann sich eins nur schwer vorstellen: Dass er für immer von der politischen Bühne verschwindet.
Quelle: mit Material von dpa

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