: "Letzte Generation": Warten auf ein Zeichen

von Jenifer Girke
23.08.2023 | 18:23 Uhr
Sie richten sich an die "politisch Mächtigen", sagt die "Letzte Generation". Aber ihre Klebeaktionen treffen ganz andere. Und das wird zunehmend zum Problem.
Sich auf der Straße festkleben für den Klimschutz - eine sinnvolle Protestform? Quelle: epa, Hannibal Hanschke
Sie kleben sich auf die Straße - nicht, weil sie die Straßenverkehrsordnung abschaffen wollen, auch nicht, um gegen das Autofahren per se zu demonstrieren. Teilnehmer der "Letzten Generation" widmen ihren Protest den politischen Entscheidungsträgern. Doch die sind in der Regel nicht auf der Straße, auf deren Teer die Hände der Protestierenden fest haften. Kann so ein Protest überhaupt gelingen? Muss er scheitern? Oder ist er das schon längst?

"Letzte Generation" solle "Protestrepertoire weiterentwickeln"

Anfangs habe viel für die Straßenblockaden der "Letzten Generation" gesprochen, sagt Protestforscher Robin Celikates der FU Berlin: "Weil die 'Letzte Generation' noch nicht besonders viele Menschen an Bord hatte und etwas brauchte, mit dem man ohne zu viel Aufwand viel Aufmerksamkeit generiert." Aufmerksamkeit hat die Protestbewegung erregt - nun ginge es darum, sich weiterzuentwickeln.
"Es ist wichtig, dass die Bewegung darauf achtet, dass der Zusammenhang von Mittel und Ziel auch öffentlich erkennbar bleibt", sagt der Forscher.
Und nicht, sich auf dieses eine Mittel konzentriert, was ein bisschen passiert ist bei der "Letzten Generation". Das darf eigentlich nicht passieren.
Robin Celikates, Protestforscher
Der Protest der "Letzten Generation" spaltet die Bevölkerung - in Unverständnis und Zuspruch:

Ist der Protestort richtig gewählt?

Ähnlich bewertet das der Klimatologe Mojib Latif, der seit den 1980er Jahren zum Thema Klimaschutz forscht und bereits einige Protestbewegungen miterlebt hat. Jetzt beobachtet er aber eine Eigenheit: "Bei der 'Letzten Generation' ist es nicht ganz klar, wofür man jetzt eigentlich demonstriert. Wenn man sich auf der Straße festklebt, dann erzeugt das natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit."
Aber ist nicht so ganz klar, warum man sich nun gerade an der Straße festklebt und nicht eben etwas anderes macht.
Prof. Dr. Mojib Latif, Klimaforscher.
Auch das sei ein Grund, warum die Aktionen von einem Großteil der Deutschen nicht gutgeheißt werden.

Andere Orte des Protests

Die Konsequenz daraus wäre: andere Formen oder Orte für den Protest wählen. Diese Wandlung könne man bereits in Teilen beobachten, so Protestforscher Celikates.
"Eben auch durch Aktionen an Parteizentralen, die Blockaden von Häfen, Flughäfen, Farbattacken auf Privatjets, Luxusboutiquen und so weiter, die vielleicht den Zusammenhang, um den es hier geht, deutlicher vor Augen stellen, als wenn man Pendlerinnen und Pendler trifft, die weder Schuld an der Klimakrise sind, noch die politische Macht haben, um dagegen wirklich etwas zu tun."
Es ist also ein Versuch, diejenigen zu konfrontieren, die besonders viel Einfluss haben - besonders politisch oder wirtschaftlich.
Mitte Juli hatten Aktivisten der "Letzten Generation" die Flughäfen in Hamburg und Düsseldorf blockiert:

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Katja Schreiner, Sprecherin der "Letzten Generation", hält dennoch an ihrer Strategie fest: "Ich bin nach wie vor überzeugt, dass wir mit unserer Protestform trotz allen Widerspruchs wirklich auf einem guten Weg sind, weil auch die Geschichte gezeigt hat, dass friedlicher ziviler Ungehorsam oft das wirksamste Mittel ist, um Veränderungen zu erreichen."

"Letzte Generation" und ihre Vorbilder

Damit spricht Schreiner den Kampf um Frauenrechte oder Bürgerrechte an - an diesen Errungenschaften nehme sich die "Letzte Generation" heute ein Beispiel: "Wir gucken auch in die Geschichte, wo die Bewegungen, die dann erfolgreich waren, zum Beispiel die Suffragetten, die das Frauenwahlrecht mit erstritten haben, oder die Bürgerrechtsbewegung in den USA, immer sehr umstritten waren. Die haben auch sehr, sehr viel Feindseligkeit abgekriegt und zum Teil mussten sie auch wirklich sehr heftige persönliche Konsequenzen auf sich nehmen."
Aber sie haben durch ihre integre Protestform und ihre Ernsthaftigkeit Erfolg gehabt. Das sind so die Vorbilder.
Katja Schreiner, "Letzte Generation"
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Ähnlich wie damals stünde auch heute unser gesamtes System auf dem Prüfstand und auch damals galten diejenigen, die massiv dagegen demonstriert haben, als radikal, so Protestforscher Celikates: "Die Mittel der 'Letzten Generation' erscheinen manchen radikal. Na ja, da muss man sich daran erinnern, dass die Protestbewegungen in ihrer Zeit eigentlich immer als zu radikal erscheinen."

Latif: Klimaschutz - ein Reizwort

Deutlich ist: Der Protest spaltet - und das bei einem Thema, das man nur gesamtgesellschaftlich bewältigen kann. Mojib Latif ruft daher zu mehr Einigkeit auf und zu weniger radikalen Protestformen: "Ich fürchte, dass diese Debatte, die insbesondere befeuert wurde durch die Proteste der 'Letzten Generation' inzwischen kontraproduktiv ist, weil sich viele Menschen abwenden."
Klimaschutz scheint schon fast zu einem Reizwort zu werden. Ich glaube, wir müssen versuchen, die breite Schicht in der Bevölkerung wieder für den Klimaschutz zu begeistern.
Mojib Latif, Klimaforscher
Der Klimaforscher wünscht sich einen größeren Fokus auf die Vorteile von Klimaschutz - und würde den Begriff mehr und mehr mit dem Begriff "Zukunftsfähigkeit" ersetzen, es ginge schließlich auch zunehmend um den Erhalt unseres Wohlstandes.
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"Letzte Generation": Aktionen enden, wenn gehandelt wird

Und was sagt die "Letzte Generation"? Wann werden sie aufhören mit radikalen Protestaktionen? "Unsere zentrale Forderung ist die nach einem Gesellschaftsrat Klima. Und wir wollen natürlich auch, dass die Ergebnisse von so einem Gesellschaftsrat dann auch umgesetzt und sehr ernst genommen werden", so Sprecherin Katja Schreiner. Und fügt dann doch noch hinzu, dass auch die Umsetzung anderer zentraler Forderungen dazuzähle, zum Beispiel die eines Tempolimits.
Wir brauchen einfach Zeichen, dass die Situation ernst genommen wird, dass konkret gehandelt wird.
Katja Schreiner, "Letzte Generation"
Die Situation ernst nehmen und handeln - vielleicht ist das ein möglicher kleinster gemeinsamer Nenner zwischen Protest und Politik.

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