: Ringen um Totalverbot von Glyphosat

von Christine Elsner
26.03.2023 | 05:35 Uhr
Glyphosathaltige Pestizide bekämpfen weltweit unerwünschte Pflanzen auf den Äckern. Mögliche Nebenwirkungen sind heftig umstritten. Ende 2023 läuft die EU-Zulassung aus.
Auf Agrarflächen in Europa sind glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel bis zum 31. Dezember 2023 zugelassen. (Symbolbild)Quelle: dpa
Er ist in knapp 80 Prozent der weltweit genutzten Unkrautvernichtungsmittel enthalten: der Pestizidwirkstoff Glyphosat. 1974 kam er unter dem Namen Roundup auf den Markt. Viele Hobbygärtner verwendeten ihn, um Wildkräuter auf Pflasterflächen zu bekämpfen. Doch für sie gilt inzwischen per Gesetz ein Glyphosat-Verbot. Auf Agrarflächen hingegen darf der Wirkstoff weltweit immer noch eingesetzt werden.

Streit um Glyphosat-Ausstieg geht weiter

Die WHO-Krebsforschungsagentur bewertet Glyphosat kritisch. Sie sieht klare Hinweise auf eine "wahrscheinlich krebserregende Wirkung" des Wirkstoffs. Hersteller, externe Wissenschaftler und eine Vielzahl der Zulassungsbehörden weltweit kommen indes zu der Bewertung, dass er unbedenklich sei.
Europaweit sind glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel bis zum 31. Dezember 2023 zugelassen. Ist der Glyphosat-Ausstieg damit besiegelt? Jein, denn die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, kurz EFSA, will eine Neubewertung des Pestizidwirkstoffs bis Mitte 2023 vornehmen.

Neue Studie zu Glyphosat

Während das EU-Überprüfungsverfahren noch läuft, ist jetzt eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich und des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) zur Insektenverträglichkeit von Glyphosat-basierten Herbiziden, kurz GbH, erschienen. Als Testobjekt wurden Florfliegenlarven herangezogen. Man besprühte die Insekteneier und es zeigte sich, dass die Larven das Glyphosat aufnahmen. Als Folge entwickelten sich die Tiere nicht weiter und starben.
Weiteres Studienergebnis: Das GbH ist für Insekten sogar toxisch, wenn die Konzentration deutlich unterhalb der erlaubten Spritzmenge liegt. "Die Gefahr, die von der direkten insektiziden Wirkung von GbH nach oraler Aufnahme ausgeht, ist für die Umweltsicherheit von großer Bedeutung und offenbart eine Lücke in der behördlichen Risikobewertung", sagt Angelika Hilbeck von der ETH Zürich. Diese Lücke müsse dringend geschlossen werden.
Das Unkrautvernichtungsmittel Roundup von Bayers Tochterfirma Monsanto enthält Glyphosat.Quelle: Haven Daley/ap/dpa

Insekten sterben durch Glyphosat-basierte Herbizide

Für das BfN geben die Ergebnisse der Studie Anlass zur Sorge. Auch andere Insekten können durch GbH geschädigt und getötet werden. "Werden Ackerbegleitkräuter durch Glyphosat großflächig beseitigt, verschwinden damit auch unweigerlich Arten, denen so die Lebensgrundlage entzogen wurde", meint BfN-Präsidentin Sabine Riewenherm.
Die Kulturpflanzen, die dann allein auf dem Feld verblieben, könnten den natürlichen Reichtum an Kräutern und Gräsern in seiner Bedeutung für die biologische Vielfalt nicht ersetzen, so Riewenherm.

Deutsche Bahn steigt aus

Ungeachtet der Studienergebnisse hat die Deutsche Bahn am 12. März 2023 mitgeteilt, ab diesem Jahr komplett auf den Einsatz des umstrittenen Unkrautvernichters zu verzichten. Künftig soll Unkraut an Bahntrassen mit Mäher-Maschinen und der umweltschonenden Pelargonsäure beseitigt werden. Pelargonsäure ist ein Wirkstoff natürlichen Ursprungs, der aus Rapsöl gewonnen wird.
"Bereits 2020 hatte die Bahn den Einsatz von Glyphosat gegenüber 2018 mehr als halbiert. Unter anderem haben moderne Kamerasysteme zur Pflanzenerkennung zu einer präzisen Ausbringung und damit Reduzierung von Glyphosat beigetragen", teilt Franziska Hentschke, Sprecherin Umwelt der Deutschen Bahn mit.

Forscher der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde entwickelten einen Roboter, der Unkraut jätet. Durch die künstliche Intelligenz wird das Einsetzen von Pestiziden rückläufig und die Umwelt geschont.

07.06.2022 | 01:44 min

Umweltschonende Methoden vorantreiben

Der Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring (DNR) begrüßt die Entscheidung. "Mit dem Glyphosat-Ausstieg setzt die DB ein wichtiges Statement für eine Abkehr von chemisch-synthetischen Pestiziden", bewertet DNR-Präsident Kai Niebert diesen Schritt.
Umweltschonendere Methoden zur Vegetationskontrolle müssten aber noch stärker vorangetrieben werden, um die Debatte einer möglichen Wiederzulassung von Glyphosat nach 2023 zu beenden, so die Forderung der Umwelt- und Naturverbände.
Christine Elsner ist Redakteurin der ZDF-Umweltredaktion.

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