: Die 48 Stunden von Dschenin

von Michael Bewerunge
14.07.2023 | 11:56 Uhr
Anfang Juli ist Israels Armee in die palästinensische Stadt Dschenin im Westjordanland eingerückt. Weniger als 48 Stunden dauerte der Einsatz. Welche Ziele hatte die Operation?

Beim israelischen Militäreinsatz in Dschenin wurden mehrere Menschen getötet. Die Situation ist angespannt. Wir sind unterwegs in der Hochburg militanter Palästinenser.

12.07.2023 | 06:30 min
So verständlich der Wunsch Israels ist, seine Bürger vor Terror von Palästinensern aus Dschenin zu schützen, so ernüchternd ist die Bilanz der zweitägigen Militäroperation in Dschenin, der größten im Westjordanland seit dem Ende der zweiten Intifada 2005.
Grob gesagt hatte der Militäreinsatz im Flüchtlingslager von Dschenin drei Ziele: Terroristen und ihre Infrastruktur angreifen, um weitere Attentate zu verhindern, die radikalen Kräfte schwächen und den Gemäßigten zu neuer Akzeptanz verhelfen. Keines dieser Ziele wurde erreicht.

Racheakte gegen Israel

Die Bilder von ein paar Dutzend Waffen und einigen Sprengstofflaboren, die von der israelischen Armee verbreitet wurden, täuschen. Die meisten Kämpfer hatten sich rechtzeitig vor dem Einmarsch zurückgezogen und ihre wichtigste Ausrüstung mitgenommen. Nach dem Abzug der Israelis sind sie nach meinem Eindruck vor Ort größtenteils unbeschadet mit ihren teuren M16-Gewehren zurückgekehrt. Und die von der Armee präsentierten Gasflaschen, die zum Bau selbst gebastelter Bomben benutzt werden, gibt es an jeder Straßenecke zu kaufen. Auch die dazu nötigen Chemikalien werden wieder zu beschaffen sein.
Der Terror gegen israelische Zivilisten hat aber nicht abgenommen, im Gegenteil. Als Reaktion auf den Einmarsch gab es einige ausdrücklich als Racheakte bezeichnete Terrorangriffe in Tel Aviv und auf Siedler im Westjordanland.

Die Situation in Dschenin ist angespannt. Wir sind unterwegs in der Hochburg militanter Palästinenser.

12.07.2023 | 06:30 min

Hass auf Israel verstärkt sich

Der Widerstand in Dschenin gegen den Einmarsch der Israelis ist nicht automatisch mit Terrorismus gleichzusetzen. Aus palästinensischer Sicht verteidigen die Milizionäre die persönliche und territoriale Integrität der Einwohner des Flüchtlingslagers von Dschenin.
Ein Dutzend Tote und über 100 Verletzte werden den Hass auf Israel nur noch verstärken und als Begründung für weitere terroristische Racheakte herangezogen werden. Hunderte junger Kämpfer einer verlorenen Generation motiviert der israelische Einmarsch, ebenfalls im Kampf gegen die Israelis als Märtyrer zu sterben.

Abbas verliert Kontrolle über Westjordanland

Schließlich hatte die Regierung Israels den Einsatz mit der heimlichen Hoffnung verbunden, dass die palästinensische Autonomiebehörde wieder an Boden in Dschenin gewinnen könnte. Seit Jahren hat Präsident Abbas, im Westjordanland nur noch spöttisch der "Bürgermeister von Ramallah" genannt, die Kontrolle über Städte wie Dschenin und Nablus verloren. Nach dem Abzug besuchte er demonstrativ die Gräber der getöteten Kämpfer im Flüchtlingslager, doch sein Besuch wurde von der Bevölkerung nur kühl beobachtet.
Unabhängige Milizen, die sich in der so genannten "Dschenin Brigade" versammelt haben, lassen sich von Abbas und seinen Funktionären nichts mehr vorschreiben. Radikale Extremisten von Hamas und Islamischer Jihad stoßen in das Machtvakuum vor, unterstützt vom Iran. Die Autonomiebehörde gilt dagegen als Kollaborateur mit Israel, manchen gar als Verräterin. Dass die Sicherheitskräfte von Abbas in Dschenin nicht mitkämpften, haben ihnen die Milizionäre der "Dschenin Brigade" schwer verübelt.

Wahl zwischen Teufel und Beelzebub

Abbas, dessen Rücktritt nach einer Umfrage über 80 Prozent der Palästinenser fordern, hat nur zwei Alternativen: Entweder er kämpft mit den militanten Kämpfern in Dschenin und anderswo. Das würde zum offenen, kriegerischen Konflikt mit Israel führen. Oder er setzt die Sicherheitskooperation mit Israel fort, womit er den letzten Funken Glaubwürdigkeit bei den Palästinensern verspielen würde - eine Wahl zwischen Teufel und Beelzebub.
Was daraus folgt? Der militärische Ansatz ist gescheitert und wird in Zukunft scheitern. Es muss endlich wieder nach einem politischen Ausgleich gesucht werden, auch wenn es nicht gleich die große Zweistaatenlösung wird. Ohne wenigstens die Aussicht auf eine politische Lösung driftet der Konflikt weiter in Richtung Abgrund.
Michael Bewerunge ist Leiter des ZDF-Studios Tel-Aviv.

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