Interview

: Klimaproteste: Schockieren oder überzeugen?

23.04.2023 | 22:03 Uhr
Die radikalen Proteste der "Letzten Generation" sind sehr umstritten, selbst innerhalb der Klimaschutz-Bewegung. Eine drohende Spaltung sieht Konfliktforscher Anderl aber nicht.

Eine Spaltung der Klimabewegung sei nicht unbedingt vorprogrammiert, sagt Protestforscher Felix Anderl. Um erfolgreich zu sein, müssten Moderate und Radikale zusammenarbeiten.

23.04.2023 | 04:13 min
Die "Letzte Generation" hat angekündigt, ab diesem Montag Berlin auf unbestimmte Zeit lahmlegen zu wollen. So will sie ihre Forderungen nach einer Klimawende durchsetzen. Die radikalen Aktionen der Protestgruppe erhitzen die Gemüter, in Bevölkerung und Politik. Grünen-Chefin Ricarda Lang sagte bei "Berlin direkt", sie halte diese Protestmethoden für kontraproduktiv. Auch in der Klimaschutz-Bewegung sind die Aktionen der "Letzten Generation" umstritten.
Der Konfliktforscher Felix Anderl von der Universität Marburg erklärt im ZDFheute journal, warum nicht notwendigerweise eine Spaltung droht, wie einige seiner Kollegen befürchten, und warum die Klimabewegung insgesamt vom radikalen Protest der "Letzten Generation" sogar profitieren könnte.
Sehen Sie das Interview mit Felix Anderl oben im Video oder lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagt der Konfliktforscher zur Frage,...

... wie radikal die Gruppe "Letzte Generation" ist:

Das Paradoxe an der "Letzten Generation" sei, dass ihre Forderungen wie Tempolimit oder Neun-Euro-Ticket überhaupt nicht radikal seien, sagt Konfliktforscher Felix Anderl. "Aber ihre Protestformen sind eben doch relativ radikal. Und sie sind sehr überzeugt von ihren Inhalten und sind bereit, dafür auch große Risiken einzugehen." Das führe allerdings "ein bisschen zur Verwirrung in der Analyse von dieser Bewegung".
"Letzte Generation"-Aktivisten besprühten am 22. April Prada-Shop am Kurfürstendamm in Berlin mit Farbe. Quelle: Reuters

... ob diese radikale Protestform vom Ziel ablenkt und eher schädlich ist:

Auch innerhalb der Klimaschutz-Bewegung gebe es mittlerweile darüber eine große Debatte, so Anderl. Es gebe einen Konsens darüber, "dass die Bewegung sehr erfolgreich darin war, die Themen auf die Tagesordnung zu bringen". Jetzt stelle sich die Frage, wie es weiter gehe. Das gebe es "zwei grobe Richtungen: schockieren oder überzeugen".

Zwei Dinge gelingen den Klimaaktivisten der Letzten Generation in jedem Fall: Große Aufmerksamkeit zu generieren. Und kontroverse Debatten über die richtigen Mittel loszutreten.

23.04.2023 | 02:31 min
Studien zu Protestbewegungen zeigen laut Anderl, dass radikale Proteste von der Bevölkerung "eher abgelehnt werden". Andere Forschungen belegten allerdings auch, "dass es einen sogenannten radikalen Flankeneffekt" gebe. "Das heißt, die moderaten Teile der Bewegung profitieren eigentlich davon, wenn die radikalen delegitimiert werden. Weil die Moderaten sich dann als die Vernünftigen darstellen können", so Anderl. Das könne man auf die Klimabewegung ganz gut anwenden: "Fridays for Future" stehe für die moderate Flanke und die "Letzte Generation" sei die eher radikale.  

... ob eine Spaltung der Klimaschutz-Bewegung droht:

"Die Klimabewegung war bisher eigentlich ziemlich gut darin, beisammenzubleiben", sagt Anderl. Einige seiner Kollegen sagten bereits eine Spaltung voraus. Es gebe ja tatsächlich auch "zunehmend Knatsch innerhalb der Bewegung". Laut Anderl droht aber nicht notwendigerweise eine Spaltung.
Eine erfolgreiche Bewegung ist eigentlich meistens dann gegeben, wenn es eine moderate Flanke gibt und eine radikale - und die irgendwie in der Lage sind, trotzdem an einem Strang zu ziehen.
Felix Anderl
Und der Stress, den es in der Klimabewegung gebe, sei "nicht inhaltlich, sondern nur taktisch begründet". Über die Klimaziele seien sich die Aktivisten einig.
Sie sind sich auch darüber einig, dass eine radikale Veränderung der Politik folgen muss. Sie sind sich nur nicht darüber einig, wie man da hinkommt.
Felix Anderl
Konfliktforscher Anderl sieht daher die Voraussetzungen dafür gegeben, dass die Bewegung "auch langfristig ganz gute Erfolge erzielen kann". 

Grünen-Chefin Ricarda Lang hat Klimaaktivisten kritisiert, die unter anderem Berlin lahmlegen wollen. "Ich halte nicht viel von diesen Protestmethoden", sagt Lang "Berlin direkt".

23.04.2023 | 04:33 min

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