: "Meine Freunde starben direkt neben mir"

von Milena Drzewiecka
01.08.2023 | 10:49 Uhr
Die Hoffnung auf Freiheit war groß. Der Kampf blutig. Die Bilanz tragisch. Vor 79 Jahre erhob sich die polnische Heimatarmee gegen die deutschen Besatzer.

Einmal im Jahr steht Warschau still: Um 17.00 Uhr gedenken die Einwohner in einer Schweigeminute ihrer Helden aus dem Jahr 1944.

01.08.2023 | 02:11 min
Wie begann der Warschauer Aufstand vor 79 Jahren? "Es war ein sehr schöner Tag, heiß und sonnig", erinnert sich der 100-jährige polnische Veteran Zbigniew Wieslaw Rylski. Doch aus dem schönen Tag sollte ein blutiger werden.
Am 1. August 1944 erhob sich Rylski wie Tausende andere Mitglieder der polnischen Heimatarmee gegen die Deutschen. Seit fünf Jahren war da seine Stadt Warschau schon besetzt. Mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 hatte der Zweite Weltkrieg begonnen.
Circa ein Jahr zuvor, am 19. April 1943, begann der Aufstand im Warschauer Ghetto. Es war der größte bewaffnete Widerstand von Jüdinnen und Juden gegen die Nazis:

Am 19. April 1943 begann der Aufstand im Warschauer Ghetto. Es war der größte bewaffnete Widerstand von Jüdinnen und Juden gegen die Nazis.

19.04.2023 | 02:24 min

Hoffnung auf Freiheit

Der Warschauer Aufstand sollte nun die Hoffnung auf Freiheit bringen. "Wir wollten die Deutschen aus unserem Gebiet vertreiben", so Rylski. Doch auch wenn die Zahl der Warschauer Kämpfer ähnlich hoch war wie die Zahl deutscher Soldaten vor Ort - 20.000 bis 40.000 je nach der Quelle - war ihr Kampf ungleich. Partisanen und Zivilisten mit Handfeuerwaffen standen einer Armee mit Panzern, Luftwaffe und schwerer Artillerie gegenüber.
Rylski wurde dreimal verwundet. Doch nicht seine Verletzungen waren das Schlimmste. "Ein Scharfschütze zerstörte den Kiefer meines Kollegen, eines Kommandanten. Meine Freunde starben direkt neben mir, es war schrecklich", erzählt er.
Wenn die Kugeln fliegen und du vorher nie gekämpft hast, außer bei den Übungen im Wald, hast du Angst, erschossen zu werden.
Zbigniew Wieslaw Rylski, polnischer Veteran

Bedrückende Erinnerungen im Museum des Warschauer Aufstands

Trotzdem kämpfte er weiter. Er hat das Tragische und das Bewundernswerte gesehen: "Ein junges, dünnes Mädchen hob einen Mann von über hundert Kilo vom Boden auf und trug ihn aus dem Schussfeld".
Solche Erinnerungen sind im Museum des Warschauer Aufstandes in Warschau zu finden. Historiker Karol Mazur ist dort Leiter der Bildungsabteilung. Das Museum wurde vor 19 Jahren eröffnet. Mazur sagt, dass es immer noch Besucher aus dem Ausland gibt, die den Warschauer Aufstand mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto verwechseln. "Wir wollen den Ausländern zeigen, dass es zwei Aufstände in Warschau gab und beide sehr wichtig sind", so der Historiker.

Warschauer Aufstand dauerte zwei Monate

Was unterscheidet die beiden Aufstände? "Vor allem die Umstände", erklärt Mazur: "Im Jahr 1943 gab es keine Chance, dass irgendjemand den jüdischen Kämpfern im Ghetto wirklich helfen konnte".
Der Ghettoaufstand war ein Zeichen des Protestes, dass man Mord ohne Widerstand nicht akzeptiert.
Karol Mazur, Historiker
Im Sommer 1944 haben die Warschauer auf die Hilfe der näher rückenden Roten Armee gewartet. Die Hilfe kam aber nicht. Und so dauerte der Warschauer Aufstand nicht ein paar Tage an, wie angenommen, sondern zwei Monate. "Alles deutet darauf hin, dass Stalin aus politischen Gründen seine Armee absichtlich zurückhielt, um später mehr Möglichkeiten zu haben, die kommunistische Macht in Polen zu installieren, als die deutschen Streitkräfte die polnischen Patrioten, die hier für die Unabhängigkeit kämpften, besiegten", so Mazur.
Die Deutschen nutzten den Aufstand, um Warschau endgültig in Schutt und Asche zu legen: etwa 85 Prozent der Stadt wurden zerstört, fast 200.000 Menschen kamen ums Leben.

Reparationszahlungen Dauerthema der deutsch-polnischen Beziehungen

Für die aktuelle polnische Regierung ist die Zerstörung der Hauptstadt einer der Gründe, warum Deutschland Polen Kriegsreparationen schulde. Es geht um etwa 1,3 Billionen Euro. Deutschland weist die Forderungen offiziell zurück. Und so ist die Reparationsfrage zum Zankapfel in den deutsch-polnischen Beziehungen geworden. Nicht ausgeschlossen, dass das Thema demnächst wieder Schlagzeilen macht, denn im Herbst wird in Polen gewählt.
Rylski spricht nicht über Geld, aber er hat eine Botschaft: "Wir dürfen nicht zulassen, dass feindliche Staaten unser eigenes Land besetzen".
Jeder sollte in Toleranz, Frieden und Wohlstand leben können.
Zbigniew Wieslaw Rylski, 100-jähriger Veteran
Solche Rufe nach Freiheit und Respekt sind bei historischen Gedenkfeiern in Polen oft zu hören. Vor allem, wenn Zeitzeugen sprechen - und nicht Politiker.

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