: Mbappé - Goldjunge auf der Überholspur

von Frank Hellmann
10.12.2022 | 05:31 Uhr
Superstar Kylian Mbappé soll Frankreich auch zum Sieg im Viertelfinale gegen England (20 Uhr/ZDF) führen. Auch Katar hat ein Interesse am Erfolg des Weltmeisters.
Entspannt und guter Dinge: Frankreichs Unterschiedsspieler Kylian Mbappé.Quelle: Imago
In der Sporthalle des Al Sadd SC im gleichnamigen Stadtteil von Doha muss sich jeder Franzose wohlfühlen. Das Trainings- und Mediencenter des Weltmeisters ist mit einer gewissen Liebe zum Detail eingerichtet: Gänge, Wände und Säulen sind blau getüncht, überall prangt der Schriftzug "France" und das französische Wappen mit dem berühmten Hahn.
Auf Stelltafeln finden sich die lebensgroßen Bilder der Nationalspieler, wobei der Beste den Besucher rechts von der Eingangstür empfängt: Kylian Mbappé. Fröhlich grinsend.
Der Weltstar überstrahlt vor dem WM-Viertelfinale gegen England (Samstag, 20 Uhr/ZDF) gerade wieder vieles. Der 23-Jährige führt mit fünf Treffern die Torschützenliste an. Und auch wenn sich Mittelstürmer Olivier Giroud gerade als Rekordschütze Frankreichs (52 Tore) feiern lassen kann, verneigt sich auch der 13 Jahre ältere Kollege vor dem Überflieger in eigenen Reihen:
Er ist der beste Stürmer, mit dem ich je zusammengespielt habe, aber ich hoffe, dass wir das Beste noch gar nicht gesehen habe.
Olivier Giroud
Seine eigene Rekordmarke werde über kurz oder lang keinen Bestand haben. "Ich weiß, dass er meinen auf jeden Fall brechen wird."

Mbappé: Beschleunigung wie ein Hochgeschwindigkeitszug

Es scheint in Katar gerade kein Limit für die Nummer 10 zu geben. Der Goldjunge aus den Pariser Banlieues will am 18. Dezember, dem Tag des Finales, den Goldpokal im Lusail Stadium stemmen. Persönliche Preise würden ihn angeblich nicht interessieren, versicherte der unnachahmliche Unterschiedsspieler nach dem Achtelfinale gegen Polen (3:1):
Ich will den Titel holen. Wenn ich den Goldenen Ball bekomme, ist das schön. Aber deshalb bin nicht hergekommen.
Kylian Mbappé
Und deshalb beschleunigt er fast so schnell wie die fahrerlose Metro von Doha. Noch vor seinem 24. Geburtstag hat Mbappé mit neun WM-Toren die erkrankte Legende Pelé abgelöst. Dass er zwei Pressekonferenzen als "Man of the Match“ schwänzte, hat ihm Nationaltrainer Didier Deschamps verziehen, der Verband übernahm die Geldstrafe:
Er spricht mit den Füßen. Und er spricht sehr gut mit ihnen.
Didier Deschamps

England - Frankreich: Duelle im Rückblick

Quelle: Reuters
Frankreichs Doppeltorschütze Zinedine Zidane (re.) und Englands Superstar David Beckham beim Gruppenspiel der Europameisterschaft 2004, das die Franzosen 2:1 gewannen. (Foto: Reuters)

Die Bilanz der Team-Begegnungen sieht die Engländer mit 15 Siegen bei neun Niederlagen und fünf Remis klar im Vorteil. Bis 2022 hatten England und Frankreich kein WM-Match mehr gegeneinander bestritten - überhaupt sind sich die beiden großen Nationen oft aus dem Weg gegangen. Vier Spiele sind in Erinnerung geblieben.

WM 1966: Auf dem Weg zu Englands Titel

Englands erster und bisher einziger Titel führte vor 56 Jahren im eigenen Land auch über Frankreich. Im dritten und letzten Vorrundenspiel siegten die Gastgeber mit 2:0 gegen den Rivalen. Roger Hunt erzielte pro Halbzeit ein Tor und sorgte damit für den wichtigen Erfolg in der Gruppenphase. Die Three Lions blieben das ganze Turnier ungeschlagen - und warten seit dem Triumph 1966 auf einen weiteren großen Titel.

WM 1982: Das bisher letzte WM-Duell

16 Jahre später kam es zum zweiten - und bislang letzten - Duell der beiden Teams bei einer Weltmeisterschaft. Auch in Spanien setzte sich

England durch, diesmal mit 3:1 im Auftaktspiel der Gruppenphase. Bryan Robson erzielte einen Doppelpack, das Führungstor sogar in der ersten Spielminute. Am Ende kamen beide Teams weiter: England mit drei Siegen, Frankreich mit einem Erfolg und einem Remis. Die Équipe Tricolore schaffte es bis ins Halbfinale, wo es in Sevilla zum denkwürdigen Spiel gegen die DFB-Elf kam.

EM 2004: Zidanes später Doppelpack

Die Partie im Estadio da Luz von Lissabon ging in die EM-Geschichtsbücher ein - was mal wieder an Superstar Zinedine Zidane lag. England sah nach dem Führungstor von Frank Lampard bei dem von Markus Merk geleiteten Vorrundenspiel lange wie der sichere Sieger aus. Doch dann kam Zidane: In der ersten Minute der Nachspielzeit verwandelte "Zizou" einen direkten Freistoß. Einen Angriff späte holte Thierry Henry einen Elfmeter heraus: Zidane verwandelte zum 2:1, das Spiel war in den allerletzten Sekunden gedreht.

EM 2012: Remis in der Ukraine

Vor zehn Jahren kam es zum bislang letzten Duell der beiden Nationen bei einem großen Turnier. Das 1:1-Remis in der Vorrunde fand im Stadion von Donezk statt, das zwei Jahre später im Zuge der russischen Attacken auf die Ukraine durch Explosionen schwer beschädigt wurde. Ein paar Akteure von damals sind noch immer dabei: Hugo Lloris stand schon in Frankreichs Tor, Olivier Giroud saß 90 Minuten auf der Bank und Jordan Henderson wurde in der zweiten Halbzeit eingewechselt - alle drei noch aktuelle Nationalspieler.
Atemberaubender Antritt, präzise Schusstechnik, enormes Spielverständnis stechen noch mehr hervor als vor vier Jahren beim Titelgewinn in Russland. Im Training spart er sich auch mal die Kraft und lässt es einem Steigerungslauf als Letzter mit einem Lächeln auf den Lippen locker austrudeln. Sobald ein Ball ins Spiel kommt, wird daraus bei ihm eine kindliche Freude.

Auch Katar hat seinen Daumen auf Mbappé

Die Zeitung "L’Equipe", immer noch das Sprachrohr des französischen Fußballs, titelte zuletzt: "God save notre King" (Gott schütze unseren König) und hielt zu Mbappé fest: "Die Welt liegt ihm zu Füßen". Es gab hübsche Wortspiele nach der Qualifikation für die K.-o.-Runde: "Le Qualif‘ Mbappé". Das sollte nach dem Kalif Mbappé klingen.
Er könnte ein Fixstern des Fußball-Universums für die nächsten Jahre werden. Und dass er gerade in dem Emirat zur Hochform aufläuft, hat doppelte Bedeutung. Um nicht zu Real Madrid zu wechseln, hat Paris St. Germain angeblich ein wahnwitziges Paket geschnürt, wobei das viele Geld aus einem üppig sprudelnden katarischen Staatsfonds stammt.
Die Mbappé und seinen Agenten zugesicherten Prämien, Bonuszahlungen und Extrabelohnungen sollen in der Summe 630 Millionen Euro ausmachen, was wie ein Märchen aus 1001 Nacht klingt.

Interessante Interessensverbände

Nichts wünschen sich der Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, und der PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi mehr, als dass Mbappé mit der Equipe Tricolore bis ins Finale eines Turniers stürmt, dass sich das WM-Gastgeberland Katar unter dubiosen Umständen sicherte.
Die Strippen vor der Vergabe führten direkt in den Élysée-Palast, wo einst auch der Franzose Michel Platini, damals noch UEFA-Chef, überzeugt wurde, für Katar zu stimmen. Es würde daher passen, wenn Landsmann Mbappé diesem Turnier seinen Stempel aufdrückt.