: Warum Charles' Empathie wohl nicht genügt

von Andreas Stamm, London
29.03.2023 | 06:45 Uhr
Die alternde Queen galt als unantastbar, schwebte quasi über den Problemen. Doch für den Neuen am Ruder, Charles III., gilt: Verdrängt ist nicht vergessen.
König Charles III. während eines Besuchs in Brüssel.Quelle: ap
Es ist ein Vorwurf, der die Monarchie mit voller Wucht trifft. Harry und Meghan treten im März 2021 nach ihrer Flucht aus dem Königshaus die Flucht nach vorne an. In einem Interview gegenüber der US-Talk-Gigantin Oprah Winfrey erklären sie, dass es im engsten Kreis Rassismus gäbe. Auch deshalb hätten sie der königlichen Familie den Rücken gekehrt. Wochenlang wird daraufhin spekuliert: War es Charles oder sein Vater Philip, der sich abfällig über die Hautfarbe des ersten Kinds der Sussexes geäußert haben soll?
Doch plötzlich, rund um die Veröffentlichung seiner Memoiren im Januar, rudert Harry zurück. Erklärt, dass sie der Familie nie Rassismus vorgeworfen hätten. "Dass die beiden solche Gerüchte in die Welt setzen, obwohl sie genau wissen, dass es kein offener Rassismus, sondern nur, wie sie es nennen, unterbewusste Vorurteile gewesen sind, war unreif", erklärt Esther Krakue, britische Moderatorin und Autorin mit ghanaischen Wurzeln. "Denn allein der Vorwurf des Rassismus kann für das Ansehen einen enormen, bleibenden Schaden bedeuten."

Die Biografie "Spare" von Prinz Harry hat für mächtig Wirbel gesorgt. Viele fragen sich, wie es mit den Windsors weitergeht und ob die Monarchie Schaden nehmen wird.

07.02.2023 | 43:29 min

Lady Hussey muss nach rassistischer Äußerung Hut nehmen

Doch das Problem sitzt tiefer. Das Zeitalter der Identitätspolitik zwingt das Königshaus zur harten Auseinandersetzung mit sich selbst. Mit Fehltritten, Skandalen und der Last der Vergangenheit. Eine der zu Lebzeiten engsten Vertrauten der Queen, ihre Hofdame Lady Hussey, beleidigt etwa während eines Palastempfangs im Dezember eine schwarze Britin rassistisch. Die Patentante des Thronfolgers muss nach 60 Jahren ihren Hut nehmen. Und selbst royale Reisen, die eigentlich als große Werbetouren für das Königshaus gelten, laufen immer häufiger aus dem Ruder.
Bestes Beispiel - der Staatsbesuch von William und Kate in Jamaika im Frühjahr vergangenen Jahres. Der Versuch, eine Autofahrt der Queen aus den 60ern zu kopieren, geht schief. Die Kritik richtet sich gegen einen Stil nach Art der Kolonialherren. Rückwärtsgewandt. Dann schütteln die beiden noch Kindern durch einen Zaun mit Stacheldraht die Hände. Nicht nur unglücklich gewählt, so das Echo in den Medien. Selbst die royal-loyale Presse fühlt sich an die Zeiten der Sklaverei erinnert.

Sie war der Superstar der Windsors und eine Herausforderung für die britische Monarchie: Ein Scheidungskrieg und ihr Unfalltod stürzten das Königshaus in eine schwere Krise.

27.04.2021 | 43:45 min
All das gipfelt im Treffen mit Jamaikas Premierminister Andrew Holness. Der den verdutzten Besuchern Kate und William dann auch erklärt: Es sei Zeit, die Monarchie abzuschaffen. Voranzuschreiten.

Zeit für Veränderung im britischen Königshaus?

Es hat sich etwas verändert, nicht erst seit die ewige Queen, Charles Mutter, nicht mehr ist. Jamaika, eines der 15 Länder, in denen Charles weltweit Staatsoberhaupt ist, könnte der Nachbarinsel Barbados folgen. Noch als Prinz Charles ist er zugegen, als das Land zur Republik wird. Sich im November 2021 von London lossagt.
Die royale Historikerin Prof. Anna Whitelock erklärt:
Nicht nur die karibischen Nationen entdecken, dass die Idee eines weißen, elitären Herrschers komisch wirkt.
Anna Whitelock
Selbst Australien habe entschieden, dass das Konterfei des Königs nicht mehr auf die Banknoten gedruckt werde. Weil sie ihre Währung und Kultur dekolonialisieren möchten.

Nach dem Tod von Queen Elizabeth II. werden auch in Australien die Stimmen lauter, dass das Land den britischen König nicht mehr als offizielles Staatsoberhaupt akzeptieren soll.

13.03.2023 | 02:24 min

Empathie von Charles ist wohl nicht genug

Auch das Commonwealth, der lose Staatenbund in der Nachfolge des Empires, könnten manche verlassen. Die Queen höchstpersönlich hatte durchgedrückt, dass Charles ihr als Oberhaupt des 56-Staaten-Gebildes folgt. In Zukunft könnte der Chefposten rotieren. Denn gegen die Royals regt sich bei mehr und mehr Mitgliedern Widerstand. Eine weiße Familie, weit weg, die am Sklavenhandel mitverdient habe. Wo bleiben Reue und Reparationen dafür, lautet ein immer lauter werdende Frage. Antworten darauf bleibt der König schuldig.

Es gibt viele Königinnen, aber nur eine Queen. Kein*e Monarch*in war länger auf dem britischen Thron als sie. Ein Rückblick auf prägende Stationen ihres Lebens.

21.04.2020
Er und Thronfolger William betonen zwar in den vergangenen Monaten, dass die das Unrecht sehen und Verständnis haben, aber Empathie reicht wohl nicht mehr. Selbst eine Institution wie die Anglikanische Kirche Englands habe jüngst eine Kommission ins Leben gerufen, die sich mit der kolonialen Vergangenheit auseinandersetze und mit der Frage von Wiedergutmachung beschäftige, so Prof. Whitelock. "Was zeigt, dass von Seiten der Monarchie mehr getan werden könnte, als nur Worte der Entschuldigung und Unrecht anzuerkennen."

Charles, der Übergangskönig

Natürlich sei der König nicht frei in seinen Reden. Die britische Regierung hat in solchen Fragen das letzte Wort. Doch eins dürfte allen Beteiligten klar sein: Die Diskussionen um die Lasten der Vergangenheit sind für Charles III. und das Königshaus noch lange nicht beendet. Und weit schauen müssen sie gar nicht.
Denn auch die großen ethnischen Minderheiten im britischen Mutterland und die Jüngeren, die dieses Thema stark bewegt, zweifeln am Sinn einer Institution, die sich - mal wieder - erneuern muss. Mit Charles, einem 74-jährigen, an der Spitze, den selbst Wohlgesinnte als Übergangskönig betrachten.

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